Mit 84 Jahren: Schwalmstädter Verkaufsprofi Ingrid Beckmann wechselt ins Ehrenamt

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Typisch Ingrid Beckmann (re.): Die selbstlose 84-Jährige will nicht allein aufs Foto. Sie besteht darauf, dass wenigstens auch die Kolleginnen Irmgard Schäfer und Hildegard Morsing (v.l.) aus ihrer Mittagsschicht mit abgelichtet werden. „Die Atmosphäre im Team ist toll“, lobt Beckmann.

Sie ist Vollblut-Verkäuferin und ein Profi auf ihrem Gebiet. Fast 30 Jahre lang reiste sie durch die Republik. Halt machte sie ausschließlich in Messestädten. Hier machte sie ihre größten Geschäfte: Ingrid Beckmann ist mit Leib und Seele Verkäuferin.

„Ich habe immer nach ein paar Jahren meine Verkaufsprodukte gewechselt, damit es nie langweilig wird“, sagt Ingrid Beckmann, die inzwischen Rentnerin ist. Den Höhepunkt ihrer Karriere erlebte das Verkaufs- und Vertriebsgenie in München-Ismaning.

Hier brachte Beckmann ihre Artikel von einem Fernsehstudio aus an den Mann. Damals war sie regelmäßig in Home-Shopping-Sendungen zu sehen. Trotz ihrer Pensionierung kann Beckmann ihre Finger noch immer nicht aus der Verkaufsbranche lassen.

Eine völlig neue Erfahrung

Die Erfahrung, die die Seniorin jetzt allerdings macht, ist eine völlig neue. Denn mit stolzen 84 Jahren wechselt Beckmann ins Ehrenamt. Im Diakonieladen „allerhand“ des Kirchenkreises Ziegenhain steht die Rentnerin zweimal wöchentlich hinter der Kasse. Hier rechnet sie die Artikel zusammen und macht die Endpreise für ihre Kunden. „Es macht mich einfach froh, wenn ich Menschen sehe, die einen ganzen Stapel Klamotten kaufen und glücklich sind, weil sie nur zehn Euro bezahlen müssen“, verrät Beckmann, als wir sie im Second-Hand-Laden im Ziegenhainer Steinweg treffen. „Die Arbeit hier ist ungewohnt, macht aber einfach Spaß“, bringt sie es auf den Punkt. Ihr Leben lang habe die Sudetendeutsche mit Provisionen gearbeitet. Schon allein deshalb biete der „allerhand“-Laden eine völlig neue Herausforderung.

Hier geht es nicht um Umsatz, Profit und Verkaufszahlen. Und erst recht locken keine Provisionen. Die hier Beschäftigten sind ehrenamtlich aktiv. Sie wollen etwas Gutes tun – so wie Ingrid Beckmann. Für die 84-Jährige ist es der direkte Kundenkontakt, der glücklich macht.

Nicht selten nämlich lernen die 24 Ehrenamtlichen auch die Lebensgeschichten ihrer Kunden kennen. Die Verkäuferinnen sind also mehr als Kassiererinnen. Sie sind oft auch Kummerkasten und Berater. „Toll ist aber auch die Atmosphäre im Team“, sagt Beckmann. Denn auch die Ehrenämtler profitieren vom Laden. „Es ist ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden. Zu Hause fällt mir sonst die Decke auf den Kopf“, erklärt die sympathische Seniorin ihren freiwilligen Einsatz. „Das Alter ist für mich nur eine Zahl. Ich möchte helfen, solange ich noch kann“, sagt Beckmann.

Viel Kleidung für wenig Geld

Übrigens: Aufmerksam auf den Diakonieladen „allerhand“ wurde Beckmann durch einen Aufruf in unserer Zeitung. Wir stellten das Projekt des Kirchenkreises schon während der Planungen vor und riefen Interessierte dazu auf, das Projekt als Helfer zu unterstützen. Im Second-Hand-Laden kaufen einkommensschwache Menschen, wie Flüchtlinge, Asylbewerber, Sozialhilfeempfänger, Geringverdiener, Rentner und andere Bedürftige ein.

Sie alle wissen: Hier gibt es viel Kleidung für wenig Geld. Die Einzelteile liegen oft bei nur 50 Cent. Außer Kleidung verkaufen Beckmann und Co. auch Kinder-Spielzeug, Erstlingsausstattung und einige Haushaltswaren. Neben dem Kleiderkreisel hat der Kirchenkreis einen Bistrobereich errichtet. Hier können Kunden an drei Laptops im kostenlosen W-Lan surfen, Kaffee trinken oder ins Gespräch kommen. So ist der Steinweg 32 in Ziegenhain inzwischen zu einem Ort der Begegnung geworden.

Geöffnet ist der Diakonieladen immer dienstags und donnerstags von 10 bis 18 Uhr sowie freitags von 14 bis 18 Uhr. Während dieser Zeit werden auch Kleiderspenden entgegengenommen.

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