Seine Welt ist eine Scheibe: Gerhard Schmidt ist Plattensammler und wohl ältester DJ Nordhessens

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Andächtig hält er das Vinyl in seinen Händen, schaut Vorder- und Rückseite an. Dann legt er es auf den Teller. Man hört die Nadel in die Rille fallen. Es rauscht. Dann: The Petards – ein Stück Musikgeschichte. Gerhard Schmidt ist leidenschaftlicher Sammler von Schallplatten.

Schlager, Jazz, Rock und Pop: Bei Gerhard Schmidt kommt alles auf den Plattenteller. Oder aufs Grammophon. Einzige Bedingung: Handgemacht und authentisch muss die Musik sein, die der Schwalmstädter auflegt. Schmidt sammelt Schallplatten, CDs, Musik-DVDs, Plakate und Eintrittskarten. Der 73-Jährige ist besessen von Musik.

Seine Sammlung ist Schatz, Erinnerung und Beschäftigung zugleich. Und sie ist nicht etwa in einem Zimmer oder gar einem Regal unterzubringen. Schmidts Schätze haben sein gesamtes Wohnhaus eingenommen. Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, dass die Musik Schmidts Leben ist.

Der Ursprung dieser Leidenschaft liegt in Schmidts Jugend. Schon auf dem Schulhof habe er rege Schallplatten getauscht. Mit 14 Jahren lauschte er gebannt einem amerikanischen Soldatensender. „Meine Eltern führten damals ein Lebensmittelgeschäft in Niedergrenzebach“, erinnert er sich. Allerlei sei dort angeboten worden: Muschelkalk, Gips und Viehsalz – Dinge, die die Leute vom Dorf einst brauchten. Schmidt übernahm das Geschäft und bereicherte das Sortiment.

In den Regalen standen plötzlich Schallplatten. Gebrauchte Singles zwischen Obst, Gemüse, Kaffee und Putzmittel. 1,95 Mark pro Single. „Die Petards brachten ihre Scheiben persönlich vorbei“, erinnert sich Schmidt. Klar: Die berühmte Schwälmer Beatband, die in den 1960er und 70er Jahren die Charts eroberte, begleitete Schmidt. Und Schmidt die Petards. Ihre Scheiben haben bis heute Ehrenplätze im Wohnhaus, das einer musikalischen Hall of Fame gleicht. „Die meisten Schwälmer kauften ihre erste Schallplatte bei mir.“ Darauf werde er auch heute noch regelmäßig angesprochen – beim samstäglichen Einkauf etwa.

In Erinnerung ist Schmidt den Menschen als „Grammophon“-Inhaber. In seinen beiden Plattenläden in Treysa und Ziegenhain stöberten Musikliebhaber und Musikmacher gleichermaßen. Kaum darauf angesprochen, verschwindet Schmidt im Wohnzimmer. Man hört ihn kramen. Dann zückt er alte Fotos. „Das Legendentreffen“, gibt er einem Polaroid eine kurze Bezeichnung. Darauf zu sehen: Mitglieder von Squealer, den Strangers und – natürlich – von den Petards. Es war eine unvergessliche Zeit, in der Schmidt unzählige Schallplatten, darunter auch limitierte und rare Pressungen, aber auch CDs und Kassetten über die Grammophon-Tresen reichte.

Dann kam das Internet. „Und mit ihm massive illegale Downloads. Heute sind es ja eher Streaming-Dienste, die die Branche bestimmen“, sagt Schmidt. Auch Amazon drängte plötzlich in den Vordergrund. 2003 war das Grammophon dann Geschichte. Und nur ein Jahr nach der Insolvenz erkrankte Schmidts Frau Hildegard („Noch vor der Musik meine große Liebe“) schwer. Für Schmidt war es der Beginn eines dunklen Kapitels mit dauerhafter Arbeitslosigkeit. Aber auch in dieser Zeit konnte er sich auf seine zweitgrößte Liebe, die Musik, stützen. Das einstige Kinderzimmer der inzwischen erwachsenen Tochter wurde zum Archiv für Millionen von Dokumenten, Tonträgern und Zeitzeugen.

Und im Keller werkelte Schmidt beharrlich an kleinen technischen Wundern, die ihm Freude bereiteten und das Böse der Welt zumindest eine Zeit lang in Vergessenheit verbannten: Grammophone, Schallplattenspieler und eine Musikbox. „Mit 60 Jahren habe ich den Keller endlich fertig bekommen. Das hatte mir niemand mehr zugetraut“, sagt Schmidt heute.

Dabei nimmt er ein 50-Pfennig-Stück vom Teller auf dem langen Tisch und wirft es ein. Er wählt die 089. Vollautomatisch beginnt sich der Teller des „Tonomat“, einer 1960 erbauten Musikbox, zu drehen. Er bringt die ausgewählte Single in Position. Ein Arm schiebt die Vinylplatte nach oben. Man hört die Nadel auf den Tonträger fallen. Es rauscht. Dann: „Golden Glass“. Ein Klassiker von – natürlich – den Petards. „Es sind insgesamt 100 Singles in der Musikbox. Ich habe sie selbst bestückt. Zu jedem Song habe ich einen persönlichen Bezug“, erklärt Schmidt seine ganz eigenen Keller-Charts.

Stundenlang könnte der sympathische Senior jetzt in Erinnerungen schwelgen. Wäre da nicht so viel Neues, das mindestens genauso gut ist. Die neue Westernhagen zum Beispiel: „Hörenswert!“ Oder die vielen Bands aus Schwalm und Umgebung: Hocke Scheeb, No Pale Haze, Robert Oberbeck, die Steven Stealer Band, Leo Dülfer, Percy and the Fellows und – schon wieder – die Petards.

Jahrelang hielt Schmidt seine Leidenschaft im Verborgenen, zu Hause, nur für sich. Inzwischen aber teilt er die Musik mit allen, die sie hören wollen – als DJ. Erst mit 60 Jahren hat er angefangen, aufzulegen. Mittlerweile ist Schmidt gut gebucht. Veranstalter und Privatleute wissen den charismatischen DJ zu schätzen. Er klickt nicht einfach eine Playlist auf einem Notebook an. Er legt auf. Auf zwei CD-Playern, einem Grammophon für Schellack-Platten und einem Schallplattenspieler. Sein Motto: „Oldschool und more.“ Je nach Veranstaltung (mal 60., mal 18. Geburtstag) bestückt er zuvor seine Platten-Boxen im heimischen Archiv. Immer dabei sind Schmidts drei Lieblingsinterpreten: Johnny Cash, die Beatles und – da war was – die Petards.

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