Nach Briefkontakt mit Häftling - Redakteurin zieht Bilanz

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Zufrieden mit dem Ergebnis: Dennis und Aylin Landzettel mit ihrem fertigen Bild.

Fünf Monate ist es her, als Redakteurin Aylin Landzettel mit einem Häftling der JVA Schwalmstadt einen Briefkontakt einging.

Ziegenhain. Fünf Monate ist es her, als ich für einen Tapetenwechsel in die JVA Schwalmstadt ging, um mit einem mir fremden Insassen einen Briefkontakt zu beginnen. So spannend wie das Projekt des Schwarzen Kreuzes mit dem ersten Treffen begann, ging es im Anschluss weiter. Der erste Brief von Dennis erreichte mich nur wenige Tage nach unserer ersten Begegnung im November. Es war lange her, dass mir jemand einen handgeschriebenen Brief geschickt hatte und ich freute mich riesig. Ich nahm mir viel Zeit, um seine Fragen zu beantworten und war genauso neugierig auf sein Leben.

Kommunikation bedeutet langes Warten

Als ich den Brief losschickte, rechnete ich damit, innerhalb der nächsten zwei Wochen eine Antwort zu erhalten. Nur zwei Tage später kam es mir schon wie eine Ewigkeit vor. In Zeiten von Whatsapp, Telefon und E-Mail ist jeder sofort und praktisch immer erreichbar. Als mich nach einem Monat immer noch kein Brief erreicht hatte, gingen mir viele Gedanken im Kopf herum: Der Brief ist bei der Post verloren gegangen, ich habe die falsche Adresse benutzt, der Brief wurde von den JVA-Beamten abgefangen und nicht an Dennis weitergegeben, ich habe irgendwas Falsches geschrieben, Dennis ist verärgert und hat keine Lust mehr zu schreiben.

Künstlerischer Zugang: Aylin Landzettel und Briefpartner Dennis malen ihre Erfahrungen aus den vergangenen fünf Monaten auf.

Schon nach meinem ersten Brief lernte ich, wie schwierig die Kommunikation zwischen Gefängnis-Insassen und den Menschen draußen ist. Ich hatte keine Möglichkeit herauszufinden, warum ich keine Antwort erhalte. Das machte mir vor allem bewusst, wie selbstverständlich ich mittlerweile Telefon und schnelle Nachrichten über das Internet nutze. Ich kann jederzeit meine Familie und Freunde erreichen, kann mich davon überzeugen, dass es ihnen gut geht. Und wenn ich jemanden zum Reden brauche, erreiche ich ihn sofort. Dennis und die anderen Insassen können das nicht. Sie senden Nachrichten nach draußen und müssen warten.

Antwort kam erst acht Wochen später

Erst im Januar bekam ich Dennis’ Antwort. Mein Brief und meine Weihnachtskarte waren beide angekommen und ich hatte ihn auch nicht verärgert. Persönliche Probleme haben ihn an einer früheren Antwort gehindert. Er erzählte mir von den Aspekten, die den Gefängnisalltag erschweren, den Menschen, die er vermisst und seinen Wünschen und Zielen für seine Zukunft als freier Mann.

Häftlinge verdienen würdevollen Umgang

Interessante Diskussion: Die Teilnehmer reden über die Kunstwerke und die individuellen Zugänge.

Nicht nur seine Geschichte beeindruckt mich. Auch die Gespräche mit den anderen Projektteilnehmern hinterlassen ihre Spuren. Manche von ihnen sitzen bereits seit Jahrzehnten hinter Gittern. In den Stunden, die wir miteinander verbrachten, war es mir egal, weshalb sie hier sind und wie schwer ihre Tat war. Sie sind mir mit Respekt und Höflichkeit begegnet und ich habe gespannt zugehört, wenn sie mir von ihrem früheren Leben und ihren Erfahrungen im Gefängnis erzählt haben. Es war wie ein zufälliges Gespräch mit einem Fremden, während man auf den Bus wartet. Letztendlich sind es Menschen, die es trotz allen Fehlern verdienen, würdevoll behandelt zu werden.

Alte Muster von den Wänden gekratzt

Bisher habe ich leider nur drei Briefe erhalten. Aber deren Inhalte und die beiden Treffen mit allen Insassen haben dazu beigetragen, dass ich einen Gedanken-Raum neu tapezieren konnte. Ich habe Unsicherheiten und Unverständnis von den Wänden gekratzt und dafür neue Eindrücke und Ansichten gemalt. Das erste Kapitel „Tapetenwechsel“ ist beendet. Projektkoordinatorin Irmtraud Meifert hat die richtigen abschließenden Worte gefunden: „Ein Raum ist nun fertig. Vielleicht können wir uns jetzt einem anderen widmen.“ Und obwohl renovieren normalerweise mit viel Arbeit verbunden ist, freue ich mich auf den nächsten Abschnitt und darauf, was mir Dennis noch alles zu erzählen hat.

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