Teich-Unglück in Seigertshausen: Ermittlung wegen fahrlässiger Tötung

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Der Ort des Unglücks: Nach der Tragödie am Teich in Seigertshausen zeigten Betroffene zeigten ihr Mitgefühl, indem sie Blumen, Plüschtiere und Andenken an die drei ertrunkenen Kinder niederlegten.

Nachdem drei Kinder in einem Teich in Seigertshausen ertrunken sind, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung gegen Bürgermeister Klemens Olbrich und die Mutter der Kinder.

Marburg/Seigertshausen. Mehr als ein Jahr ist es her, als sich im beschaulichen Neukirchener Stadtteil Seigertshausen eine Tragödie ereignete. Drei Geschwister waren im Dorfteich ertrunken (lesen Sie auch den Artikel "Kinder ertrinken in Seigertshausen"). Nun wird gegen Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich und die Mutter der verunglückten Kinder ermittelt. Wie Staatsanwalt Oliver Rust gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) informiert, werde beiden fahrlässige Tötung vorgeworfen. Mit Ergebnissen aus den aktuellen Ermittlungen sei in etwa fünf Wochen zu rechnen.

Olbrich will sich nicht äußern

Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich.

Unsere Redaktion sprach am Mittwochabend mit Klemens Olbrich. Das Neukirchener Stadtoberhaupt wollte sich zum Fall nicht äußern. Er ließ lediglich verlauten, dass es sich um ein laufendes Verfahren halte und er deshalb dazu keine Erklärung abgebe. Allerdings verriet Olbrich, dass er im Verfahren professionell vertreten werde – durch Karl-Christian Schelzke, einem ehemaligen Oberstaatsanwalt und dem heutigen Leitenden Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebundes. Der Fall der ertrunkenen Geschwister in Seigertshausen hatte vergangenes Jahr deutschlandweit Schlagzeilen gemacht und große Betroffenheit ausgelöst. Am Abend des 18. Juni 2016 waren die Kinder im Alter von fünf, acht und neun Jahren ohne Fremdeinwirkung ertrunken.

Zweck des Teichs ist unklar

Laut dpa ist bislang unklar, welchen Zweck der Dorfteich erfüllt, ob und wie er hätte gesichert werden können – oder müssen. Die Staatsanwaltschaft sprach von einem „Löschwasserrückhalteteich“, Olbrich von einem „Fischteich“ oder „Freizeitteich“, der keines Zaunes bedürfe. Die Staatsanwaltschaft klärt derzeit, ob Sicherungspflichten bestanden haben und wer dafür verantwortlich gewesen wäre. Auch die Frage, ob die Eltern am Unglückstag ihre Aufsichtspflicht verletzt haben, steht im Raum. Die Staatsanwaltschaft Marburg führt ein Todesermittlungsverfahren. Dabei wird auch geprüft, ob jemandem ein Fahrlässigkeitsvorwurf zu machen ist“, so Staatsanwalt Rust.

Olbrichs Anwalt fordert: „Das Verfahren sollte eingestellt werden“

Karl-Christian Schelzke.

Nachdem Klemens Olbrich am Mittwoch noch keine Stellung zum laufenden Prozess abgeben wollte, entband der Neukirchener Bürgermeister seinen Rechtsbeistand nur einen Tag später von der Schweigepflicht. Im Gespräch mit unserer Zeitung nahm Karl-Christian Schelzke am Donnerstag kurz vor Redaktionsschluss Stellung:

„Der Vorfall ist bedauerlich. Wir waren und sind noch immer alle betroffen. Aber das Gewässer in Seigertshausen besteht seit 200 Jahren. Es hat bislang keinerlei Ideen gegeben, den Teich einzuzäunen. Im Grunde müsste dann auch jedes Gewässer eingezäunt werden. Außerdem handelt es sich dabei nicht um einen Löschteich. Es ist also die Frage, inwieweit offene Gewässer grundsätzlich eingezäunt werden müssen.“ Schelzke bezeichnet die derzeitigen Ermittlungen als „typisch deutsches Verhalten.“

Er sagt: „Es muss ja jetzt unbedingt jemand schuld sein. Deswegen geht man jetzt an die Mutter und den Bürgermeister. Was hätte der Bürgermeister denn machen sollen? Eine Einzäunung hätte er ja nicht allein entscheiden können. Das hätte durch die politischen Gremien laufen müssen.“ Die Idee allerdings habe es vor dem Unglück ohnehin nicht gegeben. Schelzkes Überzeugung: „Auch die Mutter ist doch genug bestraft durch den Tod ihrer Kinder. Das Verfahren sollte eingestellt werden.

+++ Extra Info +++

Was ist fahrlässige Tötung?

Die fahrlässige Tötung ist zu den Tötungsdelikten im engeren Sinn zu zählen. Fahrlässige Tötung liegt nur dann vor, wenn der Beschuldigte mit mehr Sorgfalt und Umsicht hätte handeln können. In Paragraph 222 des Strafgesetzbuchs (StGB) steht, dass derjenige, der durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen verursacht, mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft wird. Die fahrlässige Tötung steht in klarem Gegensatz zu den vorsätzlichen Tötungen.

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