Todkranke Krebs-Patientin: Krankenkasse stoppt Kostenübernahm

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Sie halten zusammen – komme, was wolle: Michael und Belinda Vaupel und die beiden Pflegerinnen Alexandra Ryzcak und Maria Zich (v.r.) am Pflegebett im Wohnzimmer. Auf dem Foto nicht zu sehen ist eine Matratze. Auf der verbringt Belinda Vaupels der tapfere Ehemann seine Nächte – an der Seite seiner geliebten Frau. Fotos: Seeger

Belinda Vaupel aus Gilserberg ist todkrank. Sie hat einen Hirn-Tumor. Doch ihre Krankenkasse will plötzlich die Pflegekosten nicht mehr tragen.

Gilserberg. Belinda Vaupel sitzt am großen Tisch im Wohnzimmer. Ihr Ehemann Michael hält ihre linke Hand. Immer wieder küsst er ihren Unterarm. Er weint. Steht auf. Verlässt den Raum. Dann kommt er wieder, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und krault seiner Frau liebevoll den Rücken.

Belinda Vaupel aus Gilserberg ist todkrank. Die 42-Jährige Mutter zweier Kinder leidet an einem Gliobastom, einem bösartigen Hirntumor. Es gibt keine Chance auf Heilung. Seit August bekommt Vaupel häusliche 24-Stunden-Intensivpflege. Die Krankenschwestern des ambulanten Pflegedienstes "ascleonCare" in Kassel kümmern sich rührend um Belinda Vaupel, aber auch um ihren Mann Michael. Dem versuchen sie, so viel Arbeit wie möglich abzunehmen.

Der Schock kam per Post  

Doch das könnte sich jetzt ändern. Denn Belinda Vaupels Krankenkasse, die Barmer GEK, sieht die 24-Stunden-Betreuung plötzlich als unnötig an. Das teilte die Kasse Ehemann Michael, der zugleich gesetzlicher Betreuer seiner Frau ist, schriftlich mit. Es heißt, die Krankenkasse 1. Februar will die Krankenkasse wolle die Kosten für die Betreuung ab 1. Februar nicht mehr übernehmen – ein Schock für Familie Vaupel. "Die geringe Lebensqualität, die uns geblieben ist, wollen wir wenigstens erhalten", sagt Michael Vaupel. Der 52-Jährige arbeitet im Schichtbetrieb der Firma Ferrero in Stadtallendorf.

Seine zittrige Stimme verrät: "Ich frage meine Frau jeden Tag bevor ich das Haus verlasse, ob ich wirklich wegfahren kann." Die körperliche und psychische Belastung ist dem tapferen Ehemann anzusehen. Die Lebenserwartung seiner Frau ist gering. "Wir wissen nicht einmal, was morgen ist. Es kann schon bald vorbei sein. Aber es kann auch noch fünf Jahre dauern", sagt Maria Zich. Die Krankenschwester unterstützt die Familie, wo und wann immer sie kann. "Wir arbeiten jeden Tag in 12-Stunden-Schichten. So ist rund um die Uhr jemand an der Seite der Familie", erklärt sie.

Und das ist auch notwendig. Denn Vaupel ist nicht mehr mobil. Ihre linke Körperhälfte ist gelähmt. Die Pflegekräfte geben ihr Medikamente, setzen sie in ihren Rollstuhl, helfen ihr ins Bett, an den Tisch oder zur Toilette. Nachts muss die Palliativ-Patientin regelmäßig umgelagert werden, damit sie keine  Druckgeschwüre bekommt. "Wir vermitteln aber auch Sicherheit. Und wir leisten intensive Krankenbeobachtung. Denn bei Belindas Krankheit zählt jede Sekunde", ergänzt Pflegefachkraft Alexandra Ryczak.

Epileptische Anfälle drohen

Wegen des schnellwachsenden Tumors steigt der Hirndruck. Das kann zu epileptischen Anfällen führen. Einen solchen mussten Vaupels Kinder – gerade 13 und 16 Jahre jung – hilflos mitansehen. Ein schreckliches Erlebnis für die Kinder, zumal sie allein und ratlos neben ihrer krampfenden Mutter standen. Vater Michael war an der Arbeit und musste erst telefonisch informiert werden. Ein Pflegedienst war auch nicht vor Ort. Vaupels Söhne riefen einen Notarzt. Ihre Mutter sprang dem Tod gerade noch von der Schippe.

Seither wird sie rund um die Uhr von Krankenschwestern betreut und beobachtet – zumindest noch bis Ende des Monats. Dann soll es laut Barmer GEK ohne 24-Stunden-Betreuung weitergehen. Das aber stößt auf Unverständnis. Sowohl Vaupels Hausarzt, als auch der Pflegedienst "ascleonCare" und die Uniklinik Marburg haben bereits schriftlich Stellung bezogen. In allen uns vorliegenden Briefen wird die Notwendigkeit einer Intensiv-Betreuung zum Ausdruck gebracht. "Es fühlt sich an, als wenn sie uns die Luft zum Atmen nehmen", beschreibt Michael Vaupel seine Gefühle. Auch seine todkranke Frau hat Sorge. "Werde ich allein gelassen?", fragt sie.

So reagiert die Krankenkasse auf unsere Nachfragen:

Wir gaben Belinda Vaupels Frage direkt an die Versicherung weiter. Ein Mitarbeiter, der lieber anonym bleiben möchte, versicherte, dass es nach Sichtung der Aktenlage zumindest ein zweites Gutachten geben wird. Danach werde schließlich entschieden, ob die 24-Stunden-Intensivbetreuung fortgesetzt wird. Auf unsere Nachfrage antwortete auch Brigitte Schlöter, Pressesprecherin der Barmer GEK. Sie sagt: "Unsere Leistungen müssen ohnehin immer wieder überprüft werden. Wir lassen aber niemanden einfach so im Regen stehen. Jetzt wird erstmal ein Gutachten eingeholt und der Pflegedienst sowie der Arzt befragt."

Vaupels Pflegerin Alexandra Ryczak bleibt trotz der Aussagen skeptisch. Aus ihrer Sicht ist die Reaktion der Krankenkasse "eine Hinhalte-Taktik". Sie erklärt: "Aufgrund des Widerspruchs müssen die sowieso noch ein Gutachten erstellen." Sie wirft der Kasse vor, erst tätig geworden zu sein, als Michael Vaupel drohte, unsere Zeitung über den Fall zu informieren.

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