Trend Baumbestattung: Steinmetz-Innung sieht Friedhöfe in Gefahr

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Das Kreuz mit dem Trend: Alternativbestattungen nehmen zu. Steinmetz- und Bildhauer-Innung Hessen Nord sieht Friedhof als Ort der Trauer gefährdet.

Schwalm-Eder. Die Nachricht, die Schockstarre, das Gefühl der Leere: Gerade hat man einen geliebten Menschen verloren, zum Trauern bleibt jedoch überhaupt keine Zeit. Die Beerdigung muss geplant und organisiert werden. Es gilt Formalitäten zu klären, die Art der Bestattung und die letzte Ruhestätte auszuwählen. Doch der Friedhof hat Konkurrenz bekommen. Vor allem Bestattungen in sogenannten Friedwäldern werden immer häufiger nachgefragt.

Aus diesem Grund schrillen die Alarmglocken bei den Steinmetzen. Auch in Nordhessen zeigt sich die Steinmetz- und Bildhauer-Innung ob dieser Entwicklung besorgt. "Der Friedhof ist ein besonderer öffentlicher Raum, den es zu schützen gilt", erklärt Innungsobermeister Jochen Bollerhey. Jede Alternativbestattung außerhalb des Friedhofes führe zu einer Schwächung des Heimatfriedhofs. Auf Dauer seien die Kommunen deshalb gezwungen, die Gebühren anzuheben. Bollerhey geht sogar noch einen Schritt weiter: "Eine Verkleinerung oder gar die Schließung von Friedhöfen könnte mittelfristig ein Szenario sein." Dem "Bestattungstourismus" müsse Einhalt geboten werden, betont Bollerhey.

Auch heimische Betriebe zeigen sich besorgt. "Die Friedwälder werben mit dem Slogan ‘Zurück zur Natur’. Das ist schön und gut. Die nächsten Friedwälder sind jedoch in Lauterbach und im Reinhardswald (Anm. d. Red. Landkreis Kassel). Das ist weit weg", sagt Martin Hahn von Hahn Natursteine in Treysa. Gabriele Hoffmann vom Natursteinbetrieb Hoffmann in Sebbeterode stimmt dem Schwalmstädter Steinmetzmeister zu. "Vielen wird die weite Entfernung erst zu spät bewusst. Die Nähe ist wichtig, um Abschied nehmen  zu können", erklären Hoffmann und Hahn. "Die ist derzeit bei einer Bestattung in einem Friedwald und bei einer Seebestattung erst recht nicht gegeben", betont Martin Hahn. Dass die Urnenbestattung die klassische Erdbestattung längst abgelöst habe, müsse man hinnehmen.

Wichtig sei es, die Angehörigen für eine Bestattung auf dem Friedhof zu überzeugen. Hier nehmen  Hahn und Hoffmann die Steinmetze selbst in die Pflicht, mit Alternativen und Fachberatung für den Friedhof zu werben. "Um die Friedhofskultur zu erhalten, müssen wir flexibel sein", sagt Garbiel Hoffmann.Aber auch die Kommunen könnten nach Auffassung von Martin Hahn mehr zum Erhalt beitragen. "Oft sind Friedhöfe unattraktiv gestaltet, sodass sich Angehörige nach Alternativen umschauen", macht Hahn deutlich.

Der Trend zur Bestattung im Friedwald ist bei der Friedhofsverwaltung der Stadt Schwalmstadt offensichtlich noch kein Thema. "Die Beisetzungszahlen liegen zwischen 150 und 180 pro Jahr und sind in den letzten Jahren auch konstant geblieben", erklärt Sachbearbeiter Dirk Herter. Die Urnenbeisetzungen hätten jedoch deutlich zugenommen. Mehr Urnengräber bedeuten auch weniger Einnahmen für die Stadt, um die Friedhöfe zu Unterhalten. Zum Vergleich: Für den Aushub eines Urnengrabes berechnet die Stadt nach der Gebührenanpassung im Juli 2015 110 Euro. Der Aushub eines klassischen Einzelgrabes kostet 1.400 Euro. Die Gefahr einer Verkleinerung oder gar Schließung eines Friedhofes in Schwalmstadt sehe Herter jedoch nicht.

Auch in Neukirchen sei man von einer Schließung eines Friedhofes weit entfernt.  "Diese Entwicklung kann ich nicht erkennen", betont Bürgermeister Klemens Olbrich. Durch vermehrte Urnenbestattung sei jedoch der Flächenbedarf gesunken. "Vor über 20 Jahren wurde der Friedhof noch ausgebaut. Jetzt ist der Flächenbedarf gestoppt", sagt Olbrich und erklärt, dass auch eine Anpassung der Friedhofsgebühren in Neukirchen noch anstehe.

Friedwald ist in Neukirchen ein Thema

Die Friedhofskultur auf dem Land sehe Olbrich nicht gefährdet. "Viele haben noch Angehörige hier, die einen wohnortnahen Friedhof bevorzugen", sagt er. Dennoch dürfe man sich Veränderungen nicht verschließen. Aus diesem Grund solle im Bereich des Neukirchener Eichwalds geprüft werden, ob die Möglichkeit bestehe einen "kleinen" Friedwald auf einer Fläche von etwa sechs Hektar zu realisieren. "Der Vorschlag kam aus der Stadtverordnetenversammlung von der FDP-Fraktion und ist auch interkommunal im Gemeindeverwaltungsverband "Südlicher Knüll (Anm. d. Red. Neukirchen, Oberaula, Ottrau) kommuniziert worden", erzählt Olbrich.

Baumbestattungen liegen im Trend und stellen Steinmetze und Kommunen vor neue Herausforderungen, denen sie sich früher oder später werden stellen müssen.

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