Im Viehwaggon nach Treysa

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Treysa. Gedenktafel am Bahnhof erinnert an Vertriebene.

Treysa. Mehr als drei Millionen Sudetendeutsche wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat vertrieben. Sie mussten ihr Hab und Gut zurücklassen, in Viehwaggons wurden sie gen Westen transportiert – acht solcher Züge kamen auch am Bahnhof Treysa an. An das Schicksal der 9692 Menschen, die 1946 in der Schwalm eintrafen, erinnert nun ein Denkmal, das seit vergangenen Donnerstag neben der Eingangstür zum Bahnhofsgebäude hängt. Zur Einweihung waren etwa 70 Gäste gekommen, darunter zahlreiche Zeitzeugen.

Gelungene Integration

In einem feierlichen Akt enthüllten Initiator Horst Gömpel und Bildhauer Lutz Lesch die bronzene Tafel, die mit "Vertrieben aus dem Sudetenland" überschrieben ist. Sie zeigt einen Kartenausschnitt, auf dem bekannte Städtenamen wie Karlsbad, Eger und Aussig zu lesen sind, aber auch kleinere Orte, wie beispielsweise Niklasdorf. Von dort stammt Klaus Schubert, der im Februar '46 als Baby mit seinen Eltern, zwei Schwestern und der 76-jährigen Oma nach Treysa kam – er kennt die Geschichte jedoch nur aus Erzählungen.

"Wir sind zwei Tage von Komotau nach Fulda gefahren, von dort aus ging es weiter nach Treysa", erinnerte sich Erich Löffler an seine Jugend. "Man hat uns damals eine Wohnung in der Mainzer Gasse zugeteilt", berichtete der heute 86-Jährige. Die Familie wurde in Treysa sesshaft und seine Eltern gründeten ein Fuhrgeschäft. "Ich hatte den ersten Mietwagen in der Stadt", blickte er stolz auf seinen Werdegang zurück, dann ging er an die Gedenktafel und zeigte mit dem Finger auf den Ort, den er im Alter von 15 Jahren verlassen musste. Der gebürtige Treysaer Horst Gömpel und seine Frau Marlene, die aus Reischdorf im Sudetenland stammt, hatten sich bei der Recherche zu ihrem Buch "..angekommen!" intensiv mit der Geschichte der Vertriebenen beschäftigt, so entstand die Idee für die sichtbare Erinnerung an das schwere Los.

"Der Wunsch für die Tafel kam aus der Bevölkerung, die sich auch für die Realisierung eingesetzt hat", machte Bürgermeister Dr. Gerald Näser deutlich. "Hier hat Integration funktioniert", stellte er fest, "heute macht sich keiner mehr Gedanken darüber, dass etwa ein Viertel der Menschen im Altkreis Ziegenhain ihre Wurzeln ganz woanders haben". Margarete Ziegler-Raschdorf, Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, lobte das Engagement des Ehepaars Gömpel. "Möge die Tafel vor allem junge Menschen dazu bringen, sich mit dem Thema Flucht und Vertreibung auseinanderzusetzen - einst und heute", sagte sie.

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