Überleben bei Minusgraden: Obdachloser erzählt

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Es ist eigentlich viel zu kalt, um lange im Freien zu bleiben, aber Jürgen Quilitze hält es hier aus – Tag und Nacht. Der Platz unter der Brücke ist seit August letzten Jahres das Zuhause des 54-Jährigen.

Für Obdachlose geht es bei Minusgraden nur ums Überleben. Wir haben Jürgen Quilitze gefragt, wie er es schafft, bei diesen Temperaturen nicht zu erfrieren.

Melsungen. Bei Temperaturen von bis zu minus 12 Grad geht es für Obdachlose nur ums Überleben. Trotz der eisigen Kälte, die am letzten Wochenende herrschte, schläft Jürgen Quilitze lieber im Freien als in einer Notunterkunft. Dort sei zu viel „Grobzeug“ unterwegs. „Letztes Jahr war es übrigens noch kälter“, so der 54-Jährige.

Bundeswehrschlafsack gesucht

„Um bei der Kälte nicht zu erfrieren, braucht man einen guten Schlafsack, besser sogar zwei. Einen von der Bundeswehr. Denn die sind am Besten“, berichtet der Mittellose. Einen neuen Bundeswehrrucksack könne er übrigens noch gut gebrauchen, merkt er an. Viele Schichten Kleidung sowie eine warme Mahlzeit vor dem Schlafengehen schützen ihn weiter vor der Kälte. „Zum Schlafen habe ich zwei Schlafsäcke, ziehe sie aber nicht bis übers Gesicht, denn sonst würde der Kopfbereich durch meinen Atem feucht werden. Wenn es kalt ist, muss man drauf achten, dass alles trocken bleibt.“ „Viel Fisch zu essen halte ebenfalls fit.“ Er hält eine Dose Fisch hoch, die er zusammen mit anderen Konserven neben seiner Matratze lagert. „Absolut wichtig ist: Finger weg vom Alkohol!“ Alkohol sei gerade bei Kälte der größte Feind. Er selbst trinke nur ab und zu mal einen kleinen Schnaps. Jürgen Quilitze lebt am liebsten isoliert von anderen Obdachlosen.

Seit 18 Jahren wohnt der aus Weißenfels bei Sachsen Anhalt stammende Mann auf der Straße, seit August 2017 unter einer Brücke in Melsungen. Der Platz dort ist nun sein Zuhause. Es besteht aus nicht viel mehr als zwei übereinander gestapelten Matratzen (eine davon haben ihm Privatleute geschenkt). Mit einem Rollator transportiert er sein Hab und Gut: Ein Radio, ein Campingbrenner und ein paar Klamotten. Bei der Kälte lässt er alles – Schuhe, Hose, Parka, Mütze, Handschuhe – nachts an.

Im Januar wäre er fast Opfer eines Brandanschlags geworden. Nur wenige Meter neben ihm schlug eine Art Molotow-Cocktail auf, den Unbekannte von der Brücke geworfen hatten. Ob diese ihn damit gezielt treffen wollten, weiß er nicht. Ermittlungen ergaben, dass der Brandsatz wohl nicht gezielt geworfen wurde. Viele Melsunger kennen Jürgen, der als friedlich und freundlich gilt. Sie bringen ihm sogar regelmäßig etwas zu Essen. Als der EXTRA TIP vor Ort mit ihm über die Kälte spricht, kommt ein Mann angefahren und bringt ihm Schinken-Hackfleisch. „Das habe ich zu viel gekauft. Und bevor zu viel gekaufte Lebensmittel umkommen, bringe ich sie ihm immer vorbei“, berichtet der Melsunger.

Jürgen Quilitze gilt bei vielen Melsungern als freundlich und nett: Viele Bürger bringen ihm regelmäßig Lebensmittel.

Aufgrund der Kälte bleibt Jürgen Quilitze zur Zeit dauerhaft unter der Brücke. Zu Ostern möchte er aber mal wieder nach Rotenburg fahren, das hat er sich vorgenommen. Über seine Vergangenheit zu reden fällt ihm schwer. Zu seinem Leben in der Obdachlosigkeit sagt er nur: „Ich habe dreimal versucht, mir mit anderen Leuten eine Wohnung zu nehmen. Dreimal hat es nicht geklappt.“ Er sei immer beklaut worden, einmal habe ihm ein Mitbewohner sogar einige Zähne ausgeschlagen. In ein Männerwohnheim wolle er auch nicht, weil dort auch immer Sachen geklaut werden. Da lebe er lieber draußen an der Fulda und schaue auf die Enten. Ab und zu gehe er mal in die Stadt, oft sitze er auch auf dem Parkplatz vom Edeka-Markt Reinbold. Dort könne er auch ab und an sein altes Prepaid-Handy laden, das ihm ein Passant geschenkt habe. Unter den Edeka-Kunden ist Quilitze ebenfalls bekannt. Für sie ist er nicht störend. Im Gegenteil: von ihnen bekommt er auch oft etwas zu Essen.

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