Willkommen im deutschen Rechtssystem - Kommentar von Rick Fröhnert (KA)

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Ein Kommentar von KA-Redakeur Rick Fröhnert zum Artikel "Enkel der Oma Kehle durchschnitt hörte "innere Stimmen": Doch scheinbar ist

Ein Kommentar von KA-Redakeur Rick Fröhnert zum Artikel "Enkel der Oma Kehle durchschnitt hörte "innere Stimmen": Doch scheinbar ist der Täter strafunfähig…":

Ein bisschen fassungslos war ich schon, als ich hörte, dass Simon R. nun vielleicht – ich nenne es mal "mit etwas Glück" – ohne Strafe davon kommt. Ich denke es stimmt, dass er unter einer ­schweren psychischen Er­krankung leidet. Irgendwie hoffe ich es sogar, denn ich will mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man seiner eigenen Oma kaltblütig die Kehle durch­schneidet und dabei noch bei ­klarem Verstand ist. Aber: Keine Strafe außer eine Behandlung in der Psychiatrie? Willkommen im deutschen Rechtssystem.

In diesem Fall noch einigermaßen verständlich, aber wenn ich höre: "Der Unfallver­ursacher hatte getrunken und Drogen genommen, als er mit seinem Auto einen ­Unfall baute, bei dem eine ganze Familie starb", dann würde ich ­eine doppelt so hohe Strafe ­geben. Stattdessen kommt der Fahrer vermutlich noch mit einem blauen Auge davon, denn "er war ja nicht bei klarem Verstand". Soll man Mitleid mit so einem Täter ­haben, da er sein Leben lang damit klarkommen muss, Menschen auf dem Gewissen zu haben? Selbst schuld, sage ich, denn die Angehörigen der Opfer müssen auch damit leben.

Ein gutes Beispiel ist der Böhse Onkels-Frontmann Kevin Russell: Er raste im Drogenrausch zwei Menschen fast tot, beging dann Fahrerflucht und zeigte auch ­später im Gerichtssaal keinen ­Funken Reue. Er wurde zu 27 ­Monaten Haft verurteilt. Zuerst verweigerte er den Haftantritt, da er zu krank sei. Schuld: Sein jahrelanger Drogen- und Alkohol­missbrauch und seine Hepatitis. So durfte er monatelang durch den Taunus spazieren, anstatt ­hinter "schwedischen Gardinen" zu ­sitzen. Im April wurde er aus der Haft entlassen, durfte stattdessen eine Therapie machen. Jetzt ist er frei.

Hier zwei weitere Beispiele, die verdeutlichen, was ich meine:

1. Ex-Fußballstar Breno fackelte 2011 seine Mietvilla ab, gefährdete sich und andere. Schaden: Eine Millionen Euro! Aber: Er bekam eine mildere Strafe (3 Jahre und neun Monate Gefängnis), weil er unter dem Einfluss von Alkohol und Medikamenten stand.

2. Thomas T. erwürgte in Würzburg seine Bekannte Silke G., fuhr ihre Leiche dann mit einer Schubkarre durch den Ort und vergrub sie auf einem Acker. Die Verteidigung plädierte für Strafmilderung wegen geringer ­Intelligenz des Täters. Das Gericht blieb mit zehn Jahren Haft ­unter den von der Staatsanwaltschaft geforderten zwölf Jahren.

Ich finde, auch wenn es hart klingt: Ein Mensch, der sich nie etwas zu Schulden kommen ­lassen hat und aus irgendwelchen Gründen völlig betrunken oder unter ­Drogen Mist baut, ist genauso schwer zu bestrafen wie ­jemand, der es bei vollem Be­wusstsein tut. Denn auch wenn das Motiv vielleicht nicht das selbe ist, die Auswirkungen sind es.

Silke G. ist tot, auch wenn Thomas T. scheinbar dumm ist. Die Villa von Breno ist abgebrannt, auch wenn der Fußballer das Haus sturzbetrunken angezündet hat. Und die Opfer von Kevin Russell konnten sicher nichts dafür, dass er nach eigenen Angaben 20 ­Jahre lange keine Minute clean und nüchtern war. Russell plant nun ein Comeback, die Opfer bleiben ihr Leben lang entstellt. Das sollte zu denken geben....

P.S.: Und was sagt uns das? Am besten betrinke ich mich nach ­einer Straftat und tue so, als wäre ich dumm. Und schon komme ich mit einer milderen Strafe davon...  Danke Deutschland, armes Deutschland.

Lesen Sie auch die Antwort von Rechtsanwalt Jochen Kreissl: "Ganz gezielt den Mob am Stammtisch bedienen"

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