Wolf im Schafspelz: Beweisaufnahme im Fall Mara P. ist abgeschlossen - Urteil am Montag

Kassel / Melsungen. Tragischer Unfall oder heimtückischer Mord? Den Richtern der Großen Strafkammer am Kasseler Landgericht dürfte an diesem Wochen

Kassel / Melsungen. Tragischer Unfall oder heimtückischer Mord? Den Richtern der Großen Strafkammer am Kasseler Landgericht dürfte an diesem Wochenende einiges durch den Kopf gehen. Denn bevor am Montag um 11 Uhr das Urteil im Fall der getöteten und drei Monate tot in ihrer Wohnung liegenden Mara P. aus Melsungen verkündet wird, hatten am vergangenen Donnerstag, dem letzten Tag der Beweisaufnahme, alle Parteien in ihren Plädoyers noch einmal Gelegenheit ihre Sicht der Dinge darzulegen. Und die könnte, es sei vorweg genommen, unterschiedlicher kaum sein.

Gutachter: Täter voll verantwortlich

Doch zunächst hatte der psychiatrische Gutachter das Wort: Er betonte, dass er in seinen Untersuchungen des Angeklagten keine psychische Krankheiten habe feststellen können. Deshalb sei Stefan M. aus seiner Sicht "voll für seine Taten verantwortlich". Mehr noch: Tests hätten ergeben, dass der junge Mann über einen weit überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten verfüge. Umso krasser, so Dr Helmut Baltus, sei daher die Diskrepanz zwischen dessen geistigen Fähigkeiten und seinem bisherigen Leben als Schulabbrecher ohne Ausbildung. Stefan M. habe sich "frühzeitig aus der Gesellschaft verabschiedet" und leide an "sozialer Verantwortungslosigkeit", bescheinigte der Gutachter dem Angeklagten. Er beschrieb ihn als "aggressiv und renitent" .

Auch sah der Psychiater in der Tötung von Mara P. keine Affekthandlung, bei der der Angeklagte von einer plötzlich aufkommenden Wut übermannt worden sei. Begründung: Er habe nach der grausamen Tat nicht die dafür typische Betroffenheit gezeigt oder wenigstens versucht, zu retten was zu retten ist. Allerdings, so der Gutachter weiter, sei Stefan M. der "Prototyp einer Entwicklungsverzögerung", weshalb er eine Verurteilung nach dem milderen Jugendstrafrecht empfehle.

Staatsanwältin: Es war heimtückischer Mord

Nach diesen Ausführungen betonte Oberstaatsanwältin Andrea Boesken, dass sie jetzt sogar einen heimtückischen Mord für möglich halte. Zwar habe Stefan M. die Tat wohl nicht von langer Hand geplant, aber aus ihrer Sicht doch gezielt die Wehr- und Arglosigkeit der in der Badewanne liegenden Mara P. ausgenutzt, um den Heizlüfter in das Wasser zu werfen. Die Tötung der jungen Frau sei mithin nur "der Gipfel seines immer wieder aggressiven Verhaltens" gewesen. Den vor Gericht stets adrett auftretenden Stefan M. titulierte sie deshalb als "Wolf im Schafspelz".

Der Angeklagte habe keinerlei Reue gezeigt, nach dem Tod von Mara P. seelenruhig mit Bekannten gechattet und auch noch die in der Wohnung befindliche Katze "verrecken" lassen. "Ein Verhalten", so die erfahrene Oberstaatsanwältin, "dass ich so noch nie erlebt habe." Vor diesem Hintergrund und einer vom Gesetzgeber festgeschriebenen Maximalstrafe von zehn Jahren nach Jugendstrafrecht, forderte sie neun Jahre Haft für Stefan M. Dem schloss sich auch Jorg Estorf, der Vertreter der als Nebenkläger auftretenden Familie von Mara P. an.

Verteidigerin: Es war ein tragischer Unfall

Ganz anders sah es die Verteidigerin von Stefan M., die in ihrem Plädoyer von "wenigen Tatsachen und vielen Spekulationen" sprach, die den Prozess begleitet hätten. Es lägen keine Anhaltspunkte für eine Tötungsabsicht vor, so argumentierte Rechtsanwältin Meike Schoeller. Der Beweis sei, dass der Angeklagte weder ein Motiv gehabt, noch versucht habe die Spuren seiner Tat zu verwischen. Für sie sei der Tod von Mara P. "ein schrecklicher Unfall", der als fahrlässige Tötung eingestuft werden müsse. Da der Angeklagte beste Aussichten habe sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren, forderte sie das Gericht auf, eine mögliche Freiheitsstrafe zur Bewährung auszusetzen, damit Stefan M. die im Gefängnis begonnene Ausbildung in Freiheit und unter besseren Bedingungen fortsetzen könne.

Als Letzter hatte Stefan M. selbst das Wort, der den Prozess bis dahin stumm und äußerlich teilnahmslos verfolgt hatte. "Das tut mir alles sehr leid", so sagte er und man möge ihm glauben, "dass ich nie die Absicht hatte Mara zu töten".

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