Ukrainer halten per Video Kontakt nach Nordhessen

Per Whatsapp, Telefonat mit Pfarrer Johannes Klein. 
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Per Whatsapp: Telefonat mit Pfarrer Johannes Klein. 

Bekannte berichten von Versorgungsengpässen, Gefechten und Flucht. Erster Hilfstransport startet noch in dieser Woche.

Von Helmut Krümler

Kassel. Unfassbar! Vor knapp einem Jahr habe ich die beiden nordhessischen Landwirte Ottmar Rudert und Günter Rüddenklau bei einem ihrer Hilfstransporte nach Osteuropa begleitet und anschließend über die Freude und Dankbarkeit der Empfänger in Rumänien aber auch in der ukrainischen Kleinstadt Iwanowa berichtet, wo u. a. dank der Spenden aus unserer Region ein Altenheim komplett ausgestattet werden konnte. Während meines Aufenthaltes dort habe ich viele beeindruckende Menschen kennen gelernt, jetzt besteht wieder Kontakt - wenn auch unter ganz anderen, dramatischen Voraussetzungen. Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat das „normale“ Leben weg gewischt.

Noch vor drei, vier Wochen sind die Menschen in Iwanowa, Zythomir oder Kiew relativ entspannt gewesen, westliche Befürchtungen, Russland könnte einen Krieg beginnen,haben sie nicht geteilt. Doch seit dem Angriff ist die Situation eine völlig andere. Anton und seine Frau Olga berichten, dass sie am Donnerstag in der vergangenen Woche gegen 5 Uhr früh von lauten Explosionen geweckt worden seien. Russisches Militär habe wohl einen Luftwaffenstützpunkt in der Nähe bombardiert. „Seit sieben Jahren herrscht im Donbass Krieg, das ist aber rund 800 Kilometer weg von hier“, so der Familienvater. „Dass hier bei uns so etwas passiert, damit hat keiner gerechnet.“

Sofern es in den Geschäften noch etwas gibt, habe sich die Bevölkerung mit Lebensmitteln und Benzin eingedeckt. Doch nicht nur die Waren werden knapp, es gibt auch kein Geld mehr, Banken und Bankautomaten haben geschlossen. Inzwischen hätten sich viele Menschen bewaffnet, wollen sich den russischen Invasoren auch rund um Zythomir entgegen stellen - mit Gewehren, Pistolen, selbstgebauten Molotow-Cocktails. „We feel like liberators“, unterstreicht Anton mehrfach. Sie alle hoffen, dass die russischen Truppen durch den Widerstand demoralisiert würden, „wir haben gehört, dass den Soldaten erzählt wurde, sie würden an einer Übung teilnehmen und nicht an einem Krieg“. Die russischen Truppenbewegungen haben zu Flüchtlingswellen geführt, nicht nur als dem Land heraus, sondern innerhalb der Ukraine selbst. Anton: „Meine Frau und ich haben bereits sechs Menschen aus der Ostukraine in unserem Haus aufgenommen.“

Dramatischer als auf dem Land stellt sich die Lage in den Großstädten Charkow und Kiew dar. „Bei uns sind dauernd Explosionen zu hören, Kiew wird angegriffen“, berichtete Sasha am Donnerstag: Auf ihre Dolmetscherkünste hatten die beiden nordhessischen Landwirte in der Vergangenheit immer wieder zurück gegriffen. Die junge Frau setzte darauf, zusammen mit ihrer Mutter nach Israel auszureisen, allerdings gab es keine Tickets und der Flughafen war geschlossen. „Wir sind mit dem Auto an die Grenze, nach rund zwanzig Stunden Wartezeit durften wir nach Polen einreisen“, meldete sie sich jetzt erschöpft aber glücklich aus Warschau.

Erster Hilfstransport aus der Region startet diese Woche

Nicht nur per Skype oder Whatsapp sondern durch enge Verbindungen richtig nahe dran am Geschehen ist Pfarrer Johannes Klein aus Fagaras. Mittlerweile sind die ersten Flüchtlinge in der rumänischen Kleinstadt eingetroffen; Klein hatte vorausschauend bereits Unterbringungsmöglichkeiten organisiert - bei Privatpersonen, dem Diakonieverein und auf einem Areal, wo sonst Kinderferienspiele stattfinden. Darüber hinaus nutzt er seine Kontakte in die Ukraine, um in Erfahrung zu bringen, welche Hilfe dort vorrangig benötigt wird. „Lebensmittel sind knapp, die Bevölkerung bekommt das immer mehr zu spüren“, so der Pfarrer in einem gestrigen Telefonat. Als sie davon hörten haben die beiden Biobauern Rüddenklau und Rudert spontan ihre Unterstützung zugesagt. Ergebnis: Noch in dieser Woche wird ein Lkw mit Lebensmitteln von Nordhessen aus an die ukrainische Grenze fahren, wo die Sachen auf ukrainische Fahrzeuge umgeladen werden. Ein weiterer soll Fagaras ansteuern, sobald feststeht, welche Hilfe dort für die Unterbringung der Flüchtlinge konkret benötigt wird.

Bei der Aktion sofort mit Spenden dabei waren die Spedition Scharf aus Lohfelden (Lkws); Rewe Breuna (4 Paletten Lebensmittel), Rewe Schäfer Hofgeismar (1 Palette Lebensmittel), die Fleischereien Köhler und Hack aus Hofgeismar (1 Palette Konserven), Klemme (1 Palette Obst in Gläsern) sowie die Usseler Bauernmolkerei, die Mühle Rüning (Mehl), und mit Geldspenden Gaea e.V. Oekologischer Landbau, MGH Gutes aus Hessen GmbH sowie viele Partnerbetriebe der beiden Biobauern.

Geldspenden für Ukraine
Evangelische Bank; Kirchenkreisamt Hofgeismar-Wolfhagen, (IBAN DE13 5206 0410 0002 0001 05), Verwendungszweck:  Moldawienhilfe Ostheim (gegen Spendenquittung; dafür bitte Adresse angeben).

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