Ein besonderer Weihnachtsgruß: Der Sage nach hat das Christkindwiegen in Korbach die Seuchengefahr gemildert

Christkindwiegen in Korbach.
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Christkindwiegen in Korbach.

Das Christkindwiegen hat in Korbach eine lange Tradition, die in diesem Jahr, wenn auch in anderer Form ihre Fortsetzung findet.

Korbach. „Dies ist der Tag den Gott gemacht, sein werd in aller Welt gedacht; ihn preise was durch Jesus Christ im Himmel und auf Erden ist. Die Völker haben dein geharrt, bis daß die Zeit erfüllet ward; da sandte Gott von seinem Thron das Heil der Welt, dich, seinen Sohn.“

Wenn dieser Choral, laut von vielen Männerstimmen gesungen, über den Dächern der Korbacher Altstadt erklingt, ist Heiliger Abend. Jedes Jahr am 24. Dezember steigen die „Weihnachtsfreunde“ abends um 20 Uhr die steile Wendeltreppe hinauf auf den Umgang am Turm der Kilianskirche. Sie singen den ersten und zweiten Vers des 1757 von Christian Fürchtegott Gellert geschriebenen Chorals in alle vier Himmelsrichtungen und schwenken dabei bunte Laternen, die sie an langen Seilen außen am Kirchturm herunterlassen. Es ist „Christkindwiegen“ und rund um die Kirche haben sich hunderte Korbacher versammelt, die dem Gesang lauschen und sich im Anschluss ein frohes Weihnachtsfest wünschen.

Das Christkindwiegen hat eine lange Tradition. Wolfgang Medding erwähnt es in seinem Buch „Korbach – Die Geschichte einer deutschen Stadt“ im Kapitel über das „Kulturelle Leben seit der Jahrhundertwende“ im Zusammenhang mit den Sitten und Gebräuchen um die christlichen Feiertage. Er beschreibt, dass „die Laternen und Papierlampions weit in die dunkle Festnacht leuchten. Eine feurige Woge umkränzt so das ehrwürdige Haupt des Kiliansturmes.“ Medding verweist darauf, dass das Christkindchenwiegen bereits 1543 erwähnt wird.

Der Korbacher Lehrer, langjährige Stadtführer und Stadtarchivar Wilhelm Hellwig erzählt die Geschichte des Christkindwiegens in seinem Buch „Märchen aus Korbach und der Waldeckischen Heimat“ so, wie sie seit vielen Jahren unter den Korbachern weitergegeben wird. In Europa tobte ein schlimme Seuche die Pest), viele waren bereits verstorben oder sehr schwer erkrankt. Das Kloster war bereits als Hospital eingerichtet, und als auch dieser Platz nicht mehr ausreichte, wurden die Kranken in die Kirche gebracht. Der Rat hatte jede Menschenversammlung in einem Raum wegen der Seuchengefahr verboten, die Kirche war mit Kranken gefüllt und es konnte keine Christmette stattfinden. Wie sollte es nun Weihnachten werden?

Ein junger Geselle und sein Meister wollten jedoch den Wunsch einer sehr kranken Frau erfüllen und dem Christkind eine Wiege schaffen, damit es am Abend kommt. Sie riefen die Männer zusammen, die beschlossen auf den Kirchturm zu steigen, wenn sie nicht in die Kirche dürfen. Mit ihren Laternen und Fackeln wollten sie „vom Umgang des Turmes das Christkind wiegen und loben, und alle sollten teilhaben“. Und über die leidende Stadt, über Kranke, Pflegende, Besorgte und Trauernde erklangen die Stimmen der Väter, Männer und Söhne: „Dies ist der Tag, den Gott gemacht...“

Der Sage nach, schien es zur damaligen Zeit als göttliches Wunder, dass die furchtbare Seuche seit dem Weihnachtsabend kein Todesopfer mehr gefordert hat und das neue Jahr statt Todkranken nur noch Genesende sah. Die Gemeinde gelobte danach in der gereinigten Kirche, dass sie dem Heiland fortan an jedem Christabend auf der Höhe des Kirchturms ein feierliches Wiegenfest bereiten wolle, überliefert Wilhelm Hellwig. Einen ähnlichen Brauch gibt es auch in Bad Wildungen, Alsfeld und Soest.

2020 geht das Coronavirus um die Welt. Täglich neue, erschreckende Zahlen an Neuinfizierten und Verstorbenen machen betroffen, viele haben Angst um die eigene Gesundheit. Und doch wollen die „Weihnachtsfreunde“ die Tradition in diesem so ganz anders verlaufenden Jahr aufrecht erhalten. Ursprünglich hatten sie ein umfassendes Hygiene- und Abstandskonzept erstellt, um das Christkindwiegen annähernd in der bekannten Form stattfinden zu lassen. Angesichts des „harten“ Lockdowns und der weiter steigenden Infektionszahlen wurde in enger Abstimmung mit der Kirche, der Stadt Korbach und dem Gesundheitsamt im Vorstand der Weihnachtsfreunde jedoch beschlossen, dass in diesem Jahr nur drei Männer auf den Kirchturm steigen. Sie werden beim Aufstieg im Turm FFP2-Masken tragen, nicht singen und sich auf dem Turmumgang mit großem Abstand aufstellen. Pünktlich um 20 Uhr werden sie ihre Laternen für jeweils rund eine Minute in jede Himmelsrichtung am Turm herunterlassen und einen symbolischen Weihnachtsgruß sowie die stumme Botschaft für Frieden und Gesundheit über die Korbacher Dächer senden.

Da die Laternen weit über die Stadt hinweg sichtbar sein werden, werden alle Interessierten gebeten, dies aus der Ferne zu betrachten und sich nicht in der üblichen Form um die Kirche und auf der Stechbahn zu versammeln.

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