Bunker der Geschichte

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Bernhard Bock (zweiter vorne rechts) und Klaus Ruehl (vorne rechts) vom Kulturverein Burgwald stellen das Projekt „Bunker der Geschichte“ vor. Foto: red

Burgwald. Im Verlauf unserer Serie "Im Dienste der Sicherheit" haben wir Einrichtungen in der Region kennengelernt, die in der Nachkriegszei

Burgwald. Im Verlauf unserer Serie "Im Dienste der Sicherheit" haben wir Einrichtungen in der Region kennengelernt, die in der Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts errichtet wurden.

Aber es gab auch andere Zeiten. Unter dem NS-Regime sollte die deutsche Sicherheit unter anderem durch Ausweitung des "Lebensraums" gewährleistet werden, durch Angriffskriege in die Tat umgesetzt. Eine üppige Kriegsindustrie war dazu angelaufen, und die Folgen der Aufrüstung haben später die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt. An der Produktion der benötigten Massen an Kriegsgerät und Munition arbeiteten weite Teile der Nation.

15 "Munas" in Hessen

In sogenannten "Munitionsanstalten" (Munas) wurde Bomben und Granaten für die Kriegszüge gelagert. Rund 370 dieser Einrichtungen wurden im Deutschen Reich unter der Regie der Wehrmacht betrieben, alle in identischer Bauweise und 15 davon in Hessen. Eine Muna gab es in auch in Burgwald, betrieben von der Luftwaffe. Der Ort Industriehof ist heute noch geprägt von der Anlage, Gebäudereste sind noch in der Umgebung zu finden.

Die Anlage wurde 1936 bis 1938 gebaut und war ursprünglich 155 Hektar groß und streng geheim. Selbst viele, die dort arbeiteten, wussten nichts vom Ausmaß ihrer Tätigkeit. Eine zunehmende Zahl von  Arbeitern wurde gegen Kriegsende zwangsverpflichtet. Die Straßen und Wege hatten Namen, wie Adolf-Hitler-Straße, Richthofen Straße oder Hindenburg Straße.

Kampfstoff für den "Polenfeldzug"

Die Tarnung war nahezu perfekt, Gebäude wurden zum Teil in die Erde gebaut, wieder mit Erde bedeckt und mit Bäumen bepflanzt. Die Bahngleise waren tagsüber abgedeckt, Transporte fanden nur nachts statt. Alle drei Monate wurde die Tarnung durch die deutsche Luftwaffe überprüft. So blieb die Anlage von der feindlichen Luftaufklärung auch bis Kriegsende unentdeckt.

Munition und Kampfstoffe für den "Polenfeldzug" wurden hier zunächst teilweise gefertigt, gelagert und ausgeliefert, ab 1942 auch üble "moderne" Kampfstoffe, wie die Nervengase Tabun und Sarin. Am 29. März 1945 wurde die Muna von den vorrückenden amerikanischen Truppen eingenommen. Die meisten Bunker wurden gesprengt. In den verbleibenden Gebäuden siedelten sich zügig Industrieunternehmen an, in die Wohn- und Verwaltungsgebäude zogen Aussiedler und Flüchtlinge ein. Insgesamt 51 Gebäude sind heute noch erhalten. 1948 erhielt der neue Ort offiziell den Namen Industriehof. Danach verlor sich die Erinnerung an die Spuren der Muna für mehrere Jahrzehnte.

Erst 2006 begab sich die Jugendfeuerwehr auf Spurensuche. Seitdem wird die Geschichte der Muna aufgearbeitet. Zu diesem Zweck wurde 2006 der "Kulturverein Burgwald e.V." gegründet, der sich seitdem um Ortsverschönerung, Heimatpflege und Heimatkunde kümmert, vor allem um die Dokumentation der Muna. Im Rahmen des Projekts "Bunker der Geschichte" wurden Gebäude beschriftet, ein "geschichtlicher Rundgang" erstellt, die Pferdetränke instand gesetzt, vor allem aber ein kleines Museum im ehemaligen Notstrombunker eingerichtet und die Außenanlagen neu gestaltet.

Zwei Schautafeln im Ort zeigen das ehemalige Munagelände und kennzeichnen einen Rundweg. Viele interessierte Gruppen konnte Bernhard Bock vom Kulturverein bereits durch den Ort führen. Er hat eine Menge Geschichtliches, Augenzeugenberichte und Geschichten rund um die Muna auf Lager und kann diese mit Fundstücken und Exponaten aus dem Museum illustrieren: Geschirr, Bombenzünder, Feldwalzen aus Bombenhülsen und das Feuerwehrauto von 1939, das kürzlich nach über 60 Jahren aus Frankenberg in die Burgwaldgemeinde zurück kam und nun im Wasserhaus steht. Am 26. August wurde das Museum "Bunker der Geschichte" offiziell eröffnet.

Warum das Giftgas beinahe im Edersee versenkt worden wäre und manches mehr, erfahren Sie im Video:

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