„Dem Chef war‘s egal“ – ein ehemaliger Wilke-Mitarbeiter packt aus 

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Christoph Brinkmann war für rund ein halbes Jahr Leiter der Warenannahme für Hilfs- und Betriebsstoffe bei der Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH & Co. KG.

„Geschäftsführer Rohloff, die Leiharbeiter und das zuständige Veterinäramt sind Schuld daran, dass das so kam“, sagt Christoph Brinkmann.

Waldeck/Twistetal-Berndorf. Der Wilke-Fleischskandal erschüttert die Republik. Der Waldecker Fleisch- und Wurstwarenfabrikant soll Brühwurstaufschnitt und Pizza-Salami vertrieben haben, die mit Listerien belastet waren. Das hat in Südhessen zu zwei Todesfällen und 37 Verletzten geführt. Der Landkreis hatte die Wurstfabrik daraufhin geschlossen. Am Freitag vergangener Woche hat die Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH die Eröffnung eines vorläufigen Insolvenzverfahrens beantragt.

Jetzt hat die Staatsanwaltschaft gegen den Geschäftsführer Klaus Rohloff ein Ermittlungsverfahren eingeleitet – wegen fahrlässiger Tötung und dem Verstoß gegen das Lebensmittelrecht. Christoph Brinkmann hat bis zum Sommer 2018 bei Wilke gearbeitet. Brinkmann war dort ein gutes halbes Jahr Leiter der Warenannahme für Hilfs- und Betriebsstoffe. Für ihn ist es keine Überraschung, dass Wilke jetzt wegen Hygienemängeln dicht gemacht worden ist. Wir sprachen mit dem 30-Jährigen.

ET: Herr Brinkmann, sind Sie überrascht vom aktuellen Skandal um Ihren ehemaligen Arbeitgeber Wilke?

„Das musste ja mal so kommen“, war sich Christoph Brinkmann schon vor gut einem Jahr sicher, als er noch bei Wilke gearbeitet hat.

Christoph  Brinkmann: Nein! Schon als ich bei Wilke gearbeitet habe, ging es dort mehr als unhygienisch zu. Beispielsweise waren die roten E3-Metzgerkisten regelmäßig versifft, oft war Schimmel drin. Obwohl es für die Kisten eine Waschstraße gab. Für die Reinigung der Kisten hat sich aber niemand zuständig gefühlt.

ET: Aber das muss dem Chef doch auch auffallen. Und dann muss er für Abhilfe sorgen. Oder was sagen Sie dazu?

Brinkmann: Normal schon. Er muss es auch gesehen haben. Aber es schien ihm offenbar egal zu sein. Auch der Dreck in den Ecken und der Schimmel an Leitungen konnte einem nicht verborgen bleiben.

Wenn er ein vernünftiger Kerl gewesen wäre, hätte er gesagt: ‚Okay, wir produzieren am Freitag halt mal nicht. Wir reinigen die ganze Firma von Freitag bis Sonntag von Grund auf voll durch. Und am Montag geht‘s dann weiter.‘ Hat er aber nicht. Mit möglichst wenig Aufwand viel Geld verdienen, das war sein Ansinnen. Deshalb gab‘s ja auch so wenig ausgebildete Fachkräfte und so viele Leiharbeiter.

ET: Und die arbeiten schlechter?

Brinkmann: Aber Hallo! Jeder Mitarbeiter hatte sechs Sätze frische Wäsche für die Woche. Die gelernten deutschen Arbeitskräfte hatten jeden Tag frische Wäsche an. Die ungarischen Leiharbeiter haben die Woche mit einem Satz durchgearbeitet. Denen war das doch völlig egal.

Anderes Beispiel: Nachts sollten immer die Maschinen gereinigt werden, auch von Ungarn. Das haben die aber schlecht oder gar nicht gemacht. In aller Regel hat der deutsche Metzger, wenn er morgens kam, seine Maschine nochmal nachgereinigt.

ET: Inzwischen sind ja Fotos aufgetaucht (zu sehen auf www.lokalo24.de), die zeigen, welche katastrophalen hygienischen Zustände bei Wilke herrschten. Warum hat denn keiner der Mitarbeiter vorher mal auf diese Missstände hingewiesen?

Brinkmann: Na, ist doch klar. Jeder hatte Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren.

ET: Wer trägt denn Ihrer Meinung nach nun die Verantwortung für das, was jetzt passiert ist?

Brinkmann: An erster Stelle der Geschäftsführer. Und die Leiharbeiter. Außerdem das zuständige Veterinäramt. Das hat sich auch nicht mit Ruhm bekleckert. Die hätten für ihre Kontrollen mal unangemeldet kommen sollen. Man wusste aber immer schon vorher, wann die kommen würden. Logisch, dass dann alles sauber war und mit Mundschutz gearbeitet wurde. Am Ende gab‘s ein ‘Top-Quality‘ von der Behörde, und jeder hat sich gefragt: Wofür eigentlich? Einige haben gemunkelt, dass da auch Geld fließen würde.

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