„Desaster mit Ansage“: 10.000 Hektar Baumbedeckungsverluste in Waldeck-Frankenberg

Der Statistik von „Global Forest Watch“ ist zu entnehmen, dass die Baumbedeckungsverluste 2018 und 2019 kreisweit allein 2.120 Hektar umfassten. Insgesamt waren zwischen 2001 und 2019 Verluste in Höhe von 9.570 Hektar zu verzeichnen.

Waldeck-Frankenberg -Die extrem niederschlagsarmen Hitzeperioden in den Jahren 2018 und 2019 haben bekanntermaßen zu großflächigen Trockenschäden vor allem in Nadelholzbeständen Fichte), in der Folge dann zu flächigem Borkenkäferbefall und Absterben der Bäume sowie zu einer Entblößung, sprich Entwaldung der Forstflächen durch kahlschlag-ähnliche Räumung des Schadholzes geführt.

Größere verkahlte Waldflächen können weltweit mit Hilfe des von der Universität Maryland USA) entwickelten, satellitenbild-gestützten Kartendienstes „Global Forest Change“ lokalisiert werden. In diesem Internetportal sind Waldflächen mit Baum-Biomassen- bzw. Baumbedeckungsverlusten der letzten rund 20 Jahre erfasst. Über ein Menü sind auf der Seite https://www.globalforestwatch.org zudem für alle Länder verschiedene Flächenstatistiken abrufbar. Der Kartendienst präsentiert bisher weitgehend unveröffentlichtes Zahlenmaterial, das vom Korbacher Landschaftsplaner und Waldexperten Norbert Panek ausgewertet wurde.

Dichte der Waldverluste erschreckend

In Waldeck-Frankenberg erfolgten demnach in den beiden letzten Jahren dürrebedingte Räumungen, verbunden mit Baumbedeckungsverlusten in erheblichem Umfang. Die Dichte der Schadflächen ist teilweise erschreckend. Der Statistik von „Global Forest Watch“ ist zu entnehmen, dass die Baumbedeckungsverluste 2018 und 2019 kreisweit allein 2.120 Hektar umfassten. Insgesamt waren zwischen 2001 und 2019 Verluste in Höhe von 9.570 Hektar zu verzeichnen. Das sind nach Angaben von „Global Forest Watch“ rund 10 Prozent der aktuellen Waldfläche Waldeck-Frankenbergs. Bundesweit lagen die Verluste bei „nur“ sechs Prozent, im benachbarten Hochsauerlandkreis hingegen bei 20 Prozent der dortigen Waldfläche. Schwerpunkte befinden sich in unserem Landkreis vor allem im Raum Nordwaldeck, westlich von Korbach, im mittleren Kellerwald sowie in Teilen des Ostsauerländer Gebirgsrandes mit „Hotspots“ im Raum Lichtenfels sowie um Battenberg.

Auffällig ist zudem der hohe Anteil älterer Kahlflächen im Waldeckischen Upland südwestlich und westlich des Diemelsees, die durch Sturmwurf und Räumung entstanden sind. In der weit überwiegenden Zahl der Fälle handelt es sich um ehemalige Fichten-Kulturen, die zum größten Teil geräumt und anschließend wieder aufgeforstet wurden. Knackpunkt laut Panek: Dem Ökosystem wurden damit erhebliche Mengen an Holzbiomasse auf einem Schlag entzogen. Die maschinelle Räumung bzw. Befahrung verursacht zudem erhebliche Bodenschädigungen, die eine natürliche Regeneration der Flächen unnötig erschweren. Die geräumten Flächen sind zudem einer verstärkten Sonneneinstrahlung und damit der Austrocknung im Zuge weitere Hitzeperioden ausgesetzt. Bisher wurde, so Panek, öffentlich kaum ein Wort über die ökologischen Folgen dieser verfehlten, forstlichen Flächen-Behandlung verloren. Der Klimawandel wird als „Hauptursache“ angeführt und das eigentliche Problem, ein naturwidriger, auf Nadelholz fixierter Forstbau, verschwiegen oder kleingeredet.

Die satellitenbild-gestützten Kartierungen dokumentieren auf ebenso anschauliche wie dramatische Weise den flächigen Abgang der Wirtschaftsbaumart Fichte in unserer Landschaft und damit auch das alarmierende Ausmaß der durch die Klimaerwärmung verstärkten Waldumwandelung in den letzten zwei Jahrzehnten mit einer über Jahre hinweg verminderten Kohlenstoff- und Wasserspeicherung infolge des Baum-Biomassenverlustes. Verantwortlich für diese Veränderungen sei vor allem eine Forstwirtschaft, die viel zu lange auf die falsche Baumart gesetzt hat.

Gravierende ökologische Folgen

Aktuell sei weiterhin eine Verschärfung des Verlusts von Baum-Biomasse durch großflächige, sogar staatlich geförderte Räumungen der Schadflächen zu verzeichnen, so Panek. Anstatt auf die Natur zu setzen und eine natürliche Wiederbewaldung durch schnellwachsende Pionierbaumarten zuzulassen, werden auf den beräumten Flächen anschließend neue Monokulturen mit teilweise standort- und naturraumfremden Nutzhölzern angelegt.

Das Liegenlassen der Flächen hätte nach Ansicht von Panek den positiven Effekt, dass eine maschinelle Holzbergung und die damit verbundene Bodenverdichtung unterbleiben, die liegengebliebenen Schadhölzer mit zunehmendem Zersetzungsgrad Feuchtigkeit speichern und zur Humus-Neubildung beitragen würden. Ein artenreiches Pionierstadium der Sukzession mit schnelllebigen Gehölzen wie z.B. Birken könnte zudem relativ rasch für ein bodenschützendes Kleinklima sorgen. Anschauungsbeispiele für solche Flächen sind derzeit vor allem im Nationalpark „Kellerwald-Edersee“ zu finden. Allein schon aus Kostengründen und zur Entlastung des Holzmarktes wäre es sinnvoller, die Räumung des nicht mehr befallenen Käferholzes zu unterlassen.

Krise als Chance nutzen

Panek fordert eine grundlegende Neuausrichtung der Forstwirtschaft. Angesichts des Desasters, das durch die jahrzehntelange, einseitig auf Nadelhölzer fixierte Plantagenwirtschaft angerichtet wurde, wäre ein konsequent ökologisch orientiertes Forstmanagement dringend geboten. Aktuell muss es vorrangig um den substanziellen Erhalt unserer Wald-Ökosysteme, also um eine gezielte Aktivierung der natürlichen Regenerationskräfte gehen. Naturwidrige Aufräum- und Aufforstungsprogramme sind nach Paneks Ansicht der falsche Weg. Stattdessen müsse gerade in Zeiten der Klimaerwärmung die Wasserspeicherfunktion von Wäldern aktiviert bzw. optimiert werden. Panek: „Wir sollten diese Krise als forsthistorische Chance nutzen!“

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