Dorf schnappt Dieb

Nachbarkreis. Eigentlich ist es ein besonders ruhiger Sonntag im kleinen Örtchen  Büchenwerra (Gemeinde Guxhagen).  37 Grad Celsius zeigt das Th

Nachbarkreis. Eigentlich ist es ein besonders ruhiger Sonntag im kleinen Örtchen  Büchenwerra (Gemeinde Guxhagen).  37 Grad Celsius zeigt das Thermometer an jenem Tag. Lena Hartung ist zusammen mit einer Kassiererin alleine im Gasthaus ihrer Eltern. Die sind kurz zuvor nach Hause gegangen, um sich etwas auszuruhen. Kein Problem, denkt die 16-Jährige. Nix los,  nur eine Handvoll Gäste hat es sich auf den Bierbänken vor dem Haus unter den Sonnenschirmen gemütlich gemacht.

Dieb flüchtet mit Tageseinnahmen

Dann  zerreißt plötzlich ein Schrei die träge Stille. "Hilfe, Hilfe", hört Lena die Rufe der Kassiererin.  Sofort lässt sie alles stehen und liegen und rennt hinaus. Ein junger kräftiger Mann, der eben noch unter den Gästen saß, hat die Kassiererin beiseite geschubst und sich das prall gefüllte Portemonaie geschnappt. Sein Fluchtfahrzeug, ein Fahrrad, lehnt griffbereit an der Hauswand. "Ohne nachzudenken, bin ich sofort hinter ihm her", erzählt Lena. Das Fahrrad lässt der völlig überraschte Räuber stehen, stattdessen flüchtet er zu Fuß. Quer durch die Gärten der Häuser geht die Verfolgungsjagd, über Zäune und Holztüren. Lena dem Mann immer dicht auf den Fersen.  "Bleib stehen", ruft sie, doch der Flüchtende läuft unbeirrt weiter. Das Wechselgeld wirft er auf den Boden.

Durch die Schreie ist inzwischen das halbe Dorf auf den Beinen. Schnell spricht sich herum was passiert ist. Aufregung macht sich breit. Die Verfolger organisieren sich. Autos und Mopeds werden gestartet. Motoren heulen auf. Lenas Vater schwingt sich auf sein Quad. Die Kassiererin, die den Mann wiedererkennen soll, auf dem Sozius. Man will dem Flüchtenden den Weg abschneiden.

Verfolgung mit Mopeds und Autos

Doch wo ist er?  Mit Lena im Rücken, die ihm keuchend weiter auf den Fersen ist, flüchtet er in den nahegelegenen Wald. Über ihr Handy ruft sie den Vater an. Weitere Dorfbewohner stoßen schnell dazu. Der Älteste ist schon fast 60 Jahre alt und hat sich mit einer Latte bewaffnet. Zusammen durchkämmen sie den Wald. Inzwischen ist auch die Polizei alarmiert.

Plötzlich springt der in die Enge getriebene Dieb hinter einem Gebüsch hervor.  Mit großen Schritten läuft er aus dem Wald und über ein gerade abgeerntetes Feld auf die Fulda zu. Die Verfolger sind hinter ihm. Unter ihnen ist auch Günter Roth. Der stellvertretende Wehrführer von Büchenwerra ist ein unerschrockener  Typ. Als der Täter in den Fluß springt und auf das andere Ufer zustrebt, springt Roth neben Lena hinterher. Doch der Abstand wird schnell größer. Beide sind sich inzwischen sicher: Der Mann kennt sich in der Gegend aus. Denn nicht nur die inzwischen aus Kassel eingetroffenen Polizeiwagen, sondern auch alle anderen Autos können ihm hier nicht folgen.

Befehl: Ausziehen

Nur mit einem hat der Flüchtende nicht gerechnet: Mit der Entschlossenheit von Lenas Vater. Der steuert gedankenschnell sein schmales Quad mit Vollgas über die nahegelegene Fahrradbrücke, schneidet ihm den Weg ab  und kann den Räuber auf der anderen Fuldaseite stellen.  Da er nichts dabei hat, um den Mann zu fesseln bis die Polizei eintrifft, befiehlt er ihm, sich bis auf die Unterhose auszuziehen.   Der Täter gehorcht, doch bei der ersten sich bietenden Gelegenheit springt er erneut auf und rennt in Richtung Grebenau. Hier lebt er, wie sich später heraus stellt, hier kennt er sich aus. Sein Ziel ist eine Scheune.

Hier wird er umstellt. Die Dorfbewohner  und sechs Polizisten machen ein erneutes Entkommen unmöglich. Erst jetzt, nach über zwei Stunden wilder Jagd, gibt der Räuber auf und lässt sich vor den Augen umstehenden Dorfbewohner festnehmen. Doch nur 50 Euro finden sich in seiner nassen Unterhose. Den Rest der Beute hat er unterwegs weggeworfen. Lena wird die 800 Euro und das Portemonnaie später auf dem Feld finden.

Jetzt, zwei Wochen später, sitzen Lena und Günter zusammen im Gasthaus. Sie haben die Geschichte erzählt. Lena sagt, sie habe seitdem Knieschmerzen und müsse mal zum Arzt.Günter zeigt stolz die Fotos von der Festnahme auf seinem Handy. "So etwas kann eigentlich nur in Büchenwerra passieren”, sagt er und Lena nicjt. "Hier sind wir eben wie eine große Familie”.

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