Eheschließung unter Zwang: Wie aus Edersee und Hemfurth eins wurde

Edersee (im Vordergrund) und Hemfurth (hinten) wurden am 1. September vor 50 Jahren vereint. Am 1. September 2018 wird dieser Zusammenschluss gefeiert. Doch das war nicht immer vorherzusehen. Lange Zeit gab es Differenzen.
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Edersee (im Vordergrund) und Hemfurth (hinten) wurden am 1. September vor 50 Jahren vereint. Am 1. September 2018 wird dieser Zusammenschluss gefeiert. Doch das war nicht immer vorherzusehen. Lange Zeit gab es Differenzen.

Die ehemals selbstständigen Gemeinden Edersee und Hemfurth besiegelten vor 50 Jahren ihren Zusammenschluss. Es war alles andere als eine Liebeshochzeit und schon gar keine leichte Geburt von Hemfurth-Edersee.

Edertal - Der Festausschuss des Bürgervereins und der Ortsbeirat von Hemfurth-Edersee laden anlässlich des Zusammenschlusses beider Gemeinden vor 50 Jahren zu einem Jubiläumsfest auf das Gelände des Grillplatzes Klausberg ein. Die Veranstaltung beginnt am Samstag, 1. September, mit einem Sternmarsch.

Treffpunkte sind um 17 Uhr der Vogelbrunnen am Sperrmauervorplatz in Edersee und die Ederbrücke in Hemfurth. Von beiden Orten aus geht es in jeweiliger Begleitung der Blaskapelle Frankenau und des Spielmannszuges der Freiwilligen Feuerwehr Höringhausen auf den Festplatz. Dort erwarten die Besucher bei Speisen und Getränken kurze Jubiläumsansprachen sowie Unterhaltung der musikalischen Ensembles sowie der „Lustigen Pfefferbeißer“.

Nicht immer war abzusehen, dass Hemfurth-Edersee einmal den Zusammenschluss der beiden ehemaligen Gemeinden feiern würde. Dass es vor der Zusammenlegung einige Hürden und Probleme zu überwinden galt, weiß Uli Klein. Er hat einen Blick in das Protokoll der denkwürdigen Sitzung der Hemfurther Gemeindevertretung vom Montag, 22. Juli 1968, geworfen. Und so kam es zum Zusammenschluss: 

Der Tagesordnungspunkt drei dieses Treffens der Hemfurther Gemeindevertretung besaß nach vielen Vorgesprächen und mitunter hitzig geführten Debatten in der Bevölkerung beider Dörfer gewisse Brisanz. In der von Erich Bremmer verfassten Niederschrift heißt es: „Ein Antrag des Landratsamtes auf Zusammenlegung der Gemeinden Hemfurth und Edersee wurde nach eingehender Beratung mit 5:2 Stimmen angenommen. Auf besonderen Wunsch der Gemeindevertreter Heinrich Jungermann und Heinrich Theis wird vermerkt, dass beide Vertreter gegen den Antrag gestimmt haben.“ Dem gegenüber waren der Vorsitzende Heinz-Werner Höhle, Willy Bremmer, Karl-Heinz Weinreich, Arthur Müller und Alois Mertel für die Zusammenlegung beider Dörfer.

Gemeindevertreter „restlos bedient“

Zu den aufmerksamen Sitzungsbeobachtern zählten der nicht stimmberechtigte Bürgermeister Karl Unzicker sowie die nicht stimmberechtigten Christian Becker (Erster Beigeordneter) und Fridolin Simshäuser (Zweiter Beigeordneter). Auf Ederseer Seite stellten damals Bürgermeister Fritz Ellenberg, Karl Scholl, Johann Spillner, Richard Zwiener, Wilhelm Störmer, Karl Weinrich, Georg Rogowski und Willi Müller die Weichen für die Zusammenlegung von Hemfurth und Edersee. Nach der nervenaufreibenden Verschmelzung beider Verwaltungseinheiten schienen die Hemfurther Gemeindevertreter gelinde ausgedrückt „restlos bedient“ zu sein. Das verdeutlicht ein Abstimmungsergebnis nur wenige Tage nach der beschlossenen Fusion mit Edersee.

Zusammenlegung mit Bringhausen scheitert

Landrat Karl-Hermann Reccius hatte eine weitere Zusammenlegung mit Bringhausen ins Spiel gebracht. Diesem Vorschlag erteilte das Gremium eine deutliche Absage. Im Protokoll der Sitzung vom Freitag, 9. August 1968, heißt es unter dem Tagesordnungspunkt Verschiedenes: „Antrag des Herrn Landrats wegen Einbeziehung der Gemeinde Bringhausen in die Gesamtgemeinde Hemfurth-Edersee. Vorstehender Antrag wird auf einstimmigen Beschluss abgelehnt.“ Die Gründe für die mitunter kritische Haltung vieler Hemfurther gegenüber der Verwaltungen und Bewohnern der Nachbardörfer reichte weit zurück in die Zeit des geplanten Baus der Sperrmauer.

Hohe Entschädigungen

Vor mehr als 110 Jahren sah sich die Gemeinde bereits dazu gezwungen, fruchtbare Ländereien sowie ertragreiche Waldgebiete an den Staat abgeben zu müssen. Hohe Entschädigungszahlungen sollten zwar auch Privateigentümern den Verkauf von Gebäuden, Grund und Boden schmackhaft machen, andernfalls drohte der Staat mit Zwangsenteignungen. Ein entsprechendes Enteignungsgesetz hatte der Landtag von Waldeck-Pyrmont am 31. Juli 1906 wegen des absehbaren Sperrmauer-Baus verabschiedet. Das Gefühl der Bevormundung vieler Dorfbewohner wurde aber noch verstärkt und auf eine weitere harte Probe gestellt.

Rückwirkende Gründung

Das Fürstlich-Waldeckische Regierungsblatt verkündete am 19. Mai 1914 die Gründung des Dorfes Edersee rückwirkend zum 14. Mai des gleichen Jahres. Dieser zusätzliche Stachel saß besonders tief, wenngleich es sich bei der offiziellen Anerkennung der Gemeinde Edersee nur noch um eine reine Formsache handelte. Die Gemarkungsgrenzen des neuen Gemeindebezirks waren bereits am 15. Februar 1912 per Gesetz geregelt worden: „Die Grundflächen der Gemeinden Hemfurth, Waldeck, Berich, Bringhausen und Niederwerbe sind aus den bisherigen Gemeindebezirken ausgeschieden und sind zu einem selbstständigen Gemeindebezirk Edersee gebildet worden", steht in dem Regierungsblatt. Die Verordnung regelte zudem, wer die künftigen Bürgermeister der Gemeinde Edersee sein würden. Aus ihren Reihen bestimmten die Beamten die Gemeindeoberhäupter, einen Gemeindevorstand gab es nicht.

Als erster Bürgermeister von Edersee wurde Oberbauwart Hofmeister ernannt, der am 8. April 1920 als Regierungsbausekretär nach Kassel versetzt wurde. Zu seinem Nachfolger bestimmten die Staatsbediensteten Baubetrieb-Obersekretär Gehring. Unter seiner Regie wurde die Gemeinde Edersee am Sonntag, 7. August 1921, während eines offiziellen Festaktes von den Bewohnern und geladenen Gästen eingeweiht. Während dieser Zeremonie umkreisten die Anwesenden jedes Haus zu Fuß, um anschließend in der ehemaligen Kantine der Talsperrenbaustelle die Gründung des Dorfes ausgelassen zu feiern.

Ort wächst mit Edertalsperre

Anfangs bestand die Ortschaft Edersee aus gerade einmal drei Häusern. Am 1. Juli 1908 waren zwei Beamtenunterkünfte an der Hammerbergstraße bezugsfertig, und auf dem heutigen Gelände des Aquaparks wurde am 15. Juli 1908 ein großes Bürogebäude in Betrieb genommen, von wo aus sämtliche Arbeiten an der Staumauer koordiniert wurden. Wegen der stetig steigenden Zahl der Beschäftigten der Talsperrenverwaltung und des Zuzugs ihrer Familien, ging es an den Bau weiterer Wohngebäude.

Noch heute ziehen diese acht mit Grauwacke-Steinen errichteten Doppelhaushälften viele Blicke in Edersee auf sich, bei deren Bau das gleiche Steinmaterial wie beim Errichten der Sperrmauer verarbeitet wurde.

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