Hunderttausende Hessen haben ein Suchtproblem: Verhältnis im Landkreis ähnlich

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Der DAK-Gesundheitsreport "Sucht4.0" stellt die aktuellen Zahlen dar. Suchtprobleme beeinträchtigen vor allem auch den Arbeitsalltag.

Waldeck-Frankenberg - Trinken, Dampfen, Gamen – Hunderttausende Beschäftigte in Hessen haben ein Suchtproblem. Das zeigt der aktuelle DAK-Gesundheitsreport „Sucht 4.0“. Das Suchtrisiko hat auch gravierende Folgen für die Arbeitswelt. Denn der Krankenstand bei betroffenen Erwerbstätigen ist fast doppelt so hoch. Laut DAK-Gesundheitsreport 2019 haben hessische Arbeitnehmer mit Hinweisen auf eine so genannte Substanzstörung deutlich mehr Fehltage im Job als ihre Kollegen ohne auffällige Probleme.

Der Krankenstand der Betroffenen ist mit 7,9 Prozent fast doppelt so hoch. Sie fehlen aber nicht nur im Job, weil sie wegen ihrer Suchtproblematik krankgeschrieben werden. Es zeigen sich bei ihnen in allen Diagnosegruppen mehr Fehltage. Besonders groß ist der Unterschied bei den psychischen Leiden mit viermal so vielen Fehltagen. Bei Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen gibt es ein Plus von rund 90 Prozent, bei Atemwegserkrankungen sind es 40 Prozent.

Insgesamt sind nach der Studie unter den Erwerbstätigen in Hessen 336.000 abhängige Raucher, 78.000 erfüllen die Kriterien einer Internet Gaming Disorder (Computerspielsucht), rund 9.000 Erwerbstätige sind alkoholabhängig. Alkoholsucht macht Experten Sorgen

Der Großteil der Krankmeldungen bei Suchtproblemen ist in Hessen auf Alkohol zurückzuführen (75 Prozent). Laut Studie hat jeder zehnte Arbeitnehmer hierzulande einen riskanten Alkoholkonsum. 80 Prozent der hessischen Männer trinken demnach gelegentlich Alkohol. Bei den Frauen sind es 74 Prozent. Mit ihrem Trinkverhalten setzen sich rund 326.000 Erwerbstätige in Hessen Risiken aus, krank oder abhängig zu werden.

„Die Zahl der Betroffenen macht uns Sorgen. Der riskante Umgang mit Alkohol bleibt ein zentrales Problem in unserer Gesellschaft, das auch gravierende Folgen in der Arbeitswelt hat“, sagt Sötkin Geitner, Leiterin der DAK-Landesvertretung Hessen. Der hohe Alkoholkonsum wirkt sich auch auf den Arbeitsalltag aus. So gab bundesweit jeder zehnte Arbeitnehmer mit riskantem Trinkverhalten an, in den letzten drei Monaten wegen Alkohol abgelenkt oder unkonzentriert bei der Arbeit gewesen zu sein; bei Arbeitnehmern mit einer möglichen Abhängigkeit sogar fast jeder Zweite (47 Prozent). Je höher der Alkoholkonsum, desto häufiger kommen betroffene Mitarbeiter deshalb auch zu spät zur Arbeit oder machen früher Feierabend.

Online- und Gaming-Sucht nimmt zu

Erstmals untersucht der Report auch das Thema Gaming und seine Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Demnach spielen rund 60 Prozent der hessischen Arbeitnehmer Computerspiele. Jeder elfte hessische Erwerbstätige gilt als riskanter Gamer. Das heißt: 287.000 Beschäftigte zeigen ein auffälliges Nutzungsverhalten.

Das Rauchen von Zigaretten ist laut DAK-Report auch in Hessen die verbreitetste Sucht, die auch die Arbeitswelt betrifft. 10,6 Prozent der Erwerbstätigen sind zigarettenabhängig. Unter den jungen Erwerbstätigen zwischen 18 und 29 Jahren gibt es mit 16,3 Prozent den geringsten Anteil. Bei den 60- bis 65-jährigen Berufstätigen raucht fast jeder Vierte (23,7 Prozent). Fast jeder zweite Raucher raucht auch während seiner Arbeitszeit, also außerhalb der Arbeitspausen.

Probleme auch im Landkreis

Diplompädagoge und Leiter der Suchtberatung des Diakonischen Werkes Waldeck-Frankenberg, Klaus Fieseler, erklärte uns im Gespräch, dass die Zahlen auch auf den Landkreis anwendbar sind. Wobei die Alkoholsucht bei derzeit 300 bis 400 Menschen in Behandlung und Beratung mit 48 Prozent den Großteil ausmacht. Die Dunkelziffer liegt dabei höher.

In den vier Standorten des Diakonischen Werkes im Landkreis in Korbach, Frankenberg, Bad Wildungen und Bad Arolsen werden Beratungen angeboten. Zudem ist die ambulante Therapie von Alkohol- und Tablettensüchtigen Menschen möglich. Sie wird bereits seit rund 20 Jahren angeboten im Landkreis und verzeichnet gute Erfolgsraten, teilt Fieseler mit. Die meisten Menschen mit Suchtproblemen, wenden sich im Übrigen selbst an die Beratungsstellen, wie der Diplompädagoge erzählt.

„Meist gibt es ein ausschlaggebendes Ereignis, einen Auslöser. Das können Unfälle, versäumte Arbeitstage, die Reaktion von Familie und Freunden oder auch nur der Blick in den Spiegel sein.“ In anderen Fällen wenden sich jedoch auch Menschen aus dem engeren Umfeld an die Mitarbeiter der Suchberatung.

Prävention ist wichtig

Immer häufiger werden auch die Anfragen bei den Beratungsstellen wegen Online- oder Gaming-Sucht. Für Glückspielsucht kommen regelmäßig Berater aus Kassel oder Marburg. Fachstellen für Suchtberatung und –prävention gibt es flächendeckend in ganz Hessen. „In den Flächenkreisen wie Waldeck-Frankenberg sind jedoch zumeist Allrounder im Einsatz“, erklärt Fieseler. Mehr Personal wäre nötig, um ein breiteres Angebot zu ermöglichen. „Dann würde wahrscheinlich auch die Dunkelziffer sinken.“

Denn Prävention spielt einige wichtige Rolle. Sie reicht von der Informationsveranstaltung in der Schule bis hin zur Schulung von Lehrern und Betreuern. „Junge Menschen sind anfälliger als ältere. Sie müssen informiert werden und geschult. Denn am Ende müssen sie selbst entscheiden, welche Dinge sie konsumieren und in welchem Umfang“, so Fieseler.

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