Im Internet präsentiert sich der Hartz IV Empfänger als Waldarbeiter

Im Februar fehlte Michael Kleimann Holz zum Heizen, weil der Hartz IV Empfänger sich darum mit dem Jobcenter stritt. Er kaufte alternativ Gas. Doch zeitgleich präsentiert er sich im Internet als Waldarbeiter. Nachgefragt, wie dies alles zusammenpasst, erklärt er uns...

Waldeck  - Am 2. Februar 2019 haben wir hier über Michael Kleimann aus Waldeck berichtet. Der Hartz IV Empfänger beklagte Probleme mit dem Jobcenter. Es ging um acht Raummeter Brennholz im Wert von rund 1.000 Euro für den Winter. Das habe Kleimann bis zum damaligen Zeitpunkt weder ordern, geschweige denn sich liefern lassen können, weil ihm das Geld bzw. der nötige Bewilligungsbescheid, entsprechende Mobilität und Hilfe fehlte. Auch hatte er eigens mit einem Anwalt weitere 60 Euro eingeklagt. Denn schon das Abladen sei für ihn nicht möglich. Nach unserem Bericht darüber, bekamen wir Hinweise, das sich der Hartz IV-Empfänger im Internet ganz anders präsentiert.

Auf Youtube hat Kleimann seit 2012 einen eigenen Kanal und stellt unter dem Namen „mrwoodland74“ munter Videos ein. Bis zum 7. März 2019 waren es mehr als 430 Videos die bei 6.862 Abonnenten Anklang finden. Der Kanal sammelte bisher mehr als 4,9 Millionen Aufrufe. Er bedient verschiedene Themen.

Nach der Veröffentlichung unseres Artikel ist der besagte Youtube-Kanal überarbeitet worden. Einige Videos sind nicht mehr zu sehen. Die folgende Themenüberschrift wurde herausgenommen und die folgenden Verlinkungen funktionieren nicht mehr. Entsprechend hat sich die Kanalinfo verändert. (Aktualisiert am 11. März 2019, 9.56 Uhr)

Eines heißt „Alles was mit Brennholz und dessen Beschaffung zu tun hat“. Doch dabei geht es weniger um Anträge beim Jobcenter. Kleimann zeigt sich in Waldarbeitermontur und mit seinem „Kollegen“ Jens: Traktoren, Ladeflächen, angetriebener Spalter und Kettensägen inklusive. Im Video „Sturmholz zu Brennholz Tag 3 Teil 2“ wuchtet er mit Leibeskräften ein rund 70 Zentimeter dickes und meterhohes Stammstück in Richtung Spalter.

Im Beschluss zur Holzlieferung im Rechtsstreit mit dem Jobcenter heißt es indes bei der 5. Kammer des Sozialgerichts Marburg am 8. Januar 2019: „Der Antragsteller (Michael Kleimann/Anm. d. Redaktion) habe keine Bekannten, Freunde oder Familienangehörigen, die ihm beim Entladen des Holzes helfen könnten, aufgrund einer sozialmedizinischen gutachterlichen Stellungnahme sei belegt, dass das Brennholz nicht auf die Straße geliefert werden könne.“ Das fällt nun bei diesen Bildern schwer nachzuvollziehen.

In einem anderen Video ist er vor einem vollbeladenen Anhänger zu sehen. An seine Videozuschauer gerichtet bedauert er sogar in einem Clip, dass er sonntags dort nicht weiter arbeiten kann, „weil der Förster etwas dagegen hat.“

Die Videos sind teilweise mit dem Zusatz „Tag 1“ bis „Tag 4“ überschrieben, was den Eindruck erweckt, er sei mehrere Tage nacheinander im Wald unterwegs, um Holz zu machen.

Hartz IV-Empfänger Kleimann hat aber noch viel mehr Arbeit, der er sich begeistert zuwendet. Mit Schweißausrüstung und an einer Fräsmaschine werden in einer Werkstatt Ersatzteile für Traktoren hergestellt. Das sind nicht die einzigen Geräte. Unter „Vorstellung unserer Geräte und Maschinen“, präsentiert Kleimann 14 Stück. Auch werden Radlager an verschiedenen PKW gewechselt, Reifenmontage an einem Traktor oder einen Fahrwerkstausch titelt er seine Videos. In einem Clip findet sich ein Aufruf, wo er bis zu einem Hektar Ackerland samt kleinem Gehöft auf Mietkaufbasis sucht, und ein anderes, wo er Ackerland bewirtschaftet. Auch als Baggerfahrer ist er im Einsatz.

Nachgefragt bei Michael Kleimann, wie dies alles zusammenpasst, erklärt er uns: Die gezeigte Arbeit im Wald sei reine Nachbarschaftshilfe. Das Holz gehöre ihm nicht. Wenn er etwas davon haben wolle, müsse er es bezahlen und das Geld dafür habe er nicht. Sein Waldarbeiterkollege verkauft das Brennholz ausschließlich. Allerdings hat er es ihm in der Vergangenheit zumindest gegen Bargeld geliefert. Doch ohne Geld hilft ihm sein Kollege nicht. Als Gegenleistung für die Arbeit im Wald bekommt Kleimann ab und an das Auto seines Kollegen, der widerum keinen Führerschein hat und den er auch zum Einkaufen fährt.

Die gezeigte Werkstatt gehöre nicht ihm, sondern seinem Vermieter. Die Arbeit an verschiedenen PKW sei ebenfalls Nachbarschaftshilfe. Und die Videos, die im Titel, auf mehrere Tage hinweisen, seien komplett am Stück innerhalb von zwei Stunden abgedreht und später entsprechend geschnitten worden. Das Ackerland sei wieder verkauft worden und das er einen Traktor habe und verschiedene Geräte, sei mit mühsam gespartem Geld möglich.

Warum er als gelernter Metallbauer mit Schweißerschein und Qualifikation an der CNC-Fräse keine Arbeit findet, mag man beim derzeitigen Fachkräftemangel nicht glauben. Michael Kleimann dreht auch hier den Spieß rum und bezweifelt den Fachkräftemangel. Vielmehr würden Fachkräfte nur gesucht, um sie weit unter Leistung zu bezahlen. Seiner Erfahrung nach würden Ausgebildete mit 9,02 Euro abgespeist und das lohne sich für ihn nicht. Auf Bewerbungen habe er keine Reaktionen bekommen, darum hofft er, mit seinen Videos einen Arbeitgeber zu finden, der besser bezahle. Das alles nachzuvollziehen fällt schwer.

Der Streit mit dem Jobcenter geht indes in die nächste Runde. Aktuell fordert Kleimann nach eigener Aussage das Geld zurück, welches er für das Gas ausgegeben hat, mit dem er seine Wohnung provisorisch heizte, weil er ja nicht an Brennholz herankam. Und sein Anwalt habe ihm danach 300 Euro für den Holzkauf vorgestreckt und wolle dies ebenfalls vom Jobcenter zurück. Fortsetzung nicht ausgeschlossen...

Rubriklistenbild: © Foto: Althaus

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