Als vor 70 Jahren die Alliierten einmarschierten

Ein verunglückter Panzer am Ufer der Diemel bei der Brücke des Charlottenhammers bei Giershagen. Foto: Marsberger Geschichten
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Ein verunglückter Panzer am Ufer der Diemel bei der Brücke des Charlottenhammers bei Giershagen. Foto: Marsberger Geschichten

Ein ehemaliger Soldat berichtet über die letzten Kriegstage im Raum Brilon-Marsberg.

Brilon. Am Gründonnerstag, 29. März 1945, gelangten alliierte Truppenverbände über Adorf in das heutige Marsberger Stadtgebiet. Dem Marsberger Geschichts- und Heimatverein "Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit e. V." liegen drei Berichte deutscher Soldaten vor, die die letzten Tage des Krieges im Briloner und Marsberger Gebiet erlebt haben.

Die drei Soldaten: Erhard Koschka, Werner Lampertz und Hubert Brünen kamen in alliierte Kriegsgefangenschaft auf Hof Fobbe in Giershagen. Der Bericht von Hubert Brünen beschreibt die Situation ziemlich deutlich. Brünen gehörte einer versprengten Truppe der Panzer-Korps-Nachrichtenabteilung an. Die Briloner Schützenhalle war kurzer Hand als Wehrmachtsdepot umgemodelt worden. Dort erhielten die Soldaten nochmals frische Wäsche. Bevor sie nach Messinghausen zu einer mit Spritmangel neuaufgestellten Sturmgeschütz- und Panzerabteilung gebracht wurden.

Die Feindlage erschien für alle Soldaten sehr undurchsichtig. Die Bahnstrecke Richtung Kassel war aber anscheinend noch frei, da ein Lazarettzug die Strecke passierte und ein gutbestückter Flakzug den Bredelarer Bahnhof sicherte. Das war auch das Ziel der Soldaten um Hubert Brünen. Dort hatten am Ortseingang vor dem Klostergut Männer der Waffen-SS die Straße gesperrt. Sie erfassten alle Wehrmachtangehörigen für eine Ortsverteidigung und wiesen darauf hin, dass die nächste Ortschaft "Marsberg" bereits feindbesetzt sei. Kommandeur der kleinen SS-Einheit war ein SS-Untersturmführer, der offenbar im Haus des Gutsbesitzers sein Quartier hatte. Die Truppe nannte sich "Panzerjagdkommando" und kam aus Arolsen. Die Soldaten bildeten einen Spähtrupp und machten sich auf in Richtung Marsberg. Da die Soldaten keinerlei wirksame Waffen gegen die "Überlegenheit der Alliierten" aufbieten konnten, ging es für sie zurück nach Bredelar. In der Zwischenzeit hatten Amerikaner aus Richtung Giershagen Bredelar angegriffen. Ein Lazarettzug bekam dabei etwas ab.

Die Flakbedienungen machten ihre Geschütze unbrauchbar und türmten. Die Wagen brannten. Die Nacht zum 30.03.1945 verbrachten die Soldaten in einem großen Schlafsaal des Fremdarbeiterlagers bei Holländern. Brünen: "Außer den SS-Männern war jedoch niemand sonderlich verteidigungsbereit, denn wir hatten nicht eine einzige gegen gepanzerte Fahrzeuge wirksame schwere Waffe, nicht einmal für alle Handfeuerwaffen. Die wenigen Panzerfäuste wurden von der SS sorgfältig gehütet." Am Bredelarer Forsthaus lauerten mehrere feindliche Panzer, die laufend Verstärkung erhielten. "Wir rechneten jeden Moment damit, dass die deutsche Panzerabteilung aus Messinghausen anrollte. Mit Sicherheit wäre es dann in Bredelar zu einem schweren Panzergefecht mit Straßenkämpfen gekommen." Im Glauben, eingekesselt zu sein, zerstörte allerdings die Einheit in Messinghausen ihre Panzer, was von einem SS-Kommando geahndet wurde. Plötzlich hieß es: "Die Amis kommen!". "Es waren Panzer, wir hörten deutlich das näherkommende Kettengerassel…" Aus dem Keller des Gutshauses konnten die verbliebenen Soldaten und Zivilisten erkennen, dass die Amerikaner auf der Kreuzung Halt machten. Die SS hatte sich hinter das Gutshaus und seitlich davon mit Panzerfäusten zurückgezogen, war aber – Gott sei Dank – unschlüssig zu handeln. Nach einem Hinweis von einer Fremdarbeiterin näherten sich die bewaffneten, amerikanischen Soldaten dem Gutshof. Mit einem "Hands up" wurden die deutschen Soldaten aufgefordert ihr Versteck zu verlassen. Die SS war über den Hinterhof getürmt. Auf die 8 gefangenen deutschen Soldaten stürzten sich polnische und russische Fremdarbeiter und trachteten nach deren Leben, was die Amerikaner aber zu verhindern wussten.

"Schließlich kam ein Jeep, und man jagte uns im Laufschritt durch den langgezogenen Ort bis auf ein hinter dem Forsthaus gelegenes Grundstück. Dort sammelte sich eine stattliche Anzahl Gefangener." Nach einiger Zeit kam ein Militärkommando. "Wir wurden ziemlich rüde auf die Straße getrieben, mußten die Hände in den Nacken legen und ab ging es im Laufschritt bergan nach Giershagen." Wer nicht schnell genug war oder verschnaufen wollte, bekam schmerzhafte Kolbenstöße und Tritte. Am Ortseingang in Giershagen hatten die Alliierten auf Hof Fobbe ein Lager mit Sanitätspersonal für deutsche, gefangene Soldaten aus der Umgebung eingerichtet. "Die Hofbäuerin (Karoline Fobbe) war sehr couragiert. … Wir erhielten von den Ortsbewohnern sehr gute Verpflegung. Es waren fertige, reichlich belegte Butterbrote und kräftige Suppen. Obwohl wir mehrere hundert Gefangene waren, war es immer genug für alle. Den Giershagenern muss man hierfür ein sehr hohes Lob zollen."

Auch den Ostersonntag verbrachten die Gefangenen und das Sanitätspersonal mit einem Gottesdienst auf dem Gehöft. Die Ärzte und ihr Personal wurden später nach Marsberg zu den Lazaretten in Marsch gesetzt. Am Ostermontag-Nachmittag, dem 02.04.1945, wurden die gefangenen Deutschen in Lastwagen verfrachtet und nach Eisemroth gebracht. Von dort aus gab es eine Odyssee in ein 12.000 Mann fassendes Riesenlager in Nordfrankreich.

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