Klinikleitung in Bad Wildungen suspendiert wegen Impf-Trickserei

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Die beiden Verwaltungsdirektoren der Werner-Wicker-Klinik, die sich vorab haben gegen Corona impfen lassen, obwohl sie noch nicht an der Reihe waren, bedauern ihren Fehler sehr.

Bad Wildungen. Update vom 1. März 2021, 12.14 Uhr: Die beiden Verwaltungsdirektoren der Werner-Wicker-Klinik, die sich vorab haben gegen Corona impfen lassen, obwohl sie noch nicht an der Reihe waren, bedauern ihren Fehler sehr.

Sie wollten mit bestem Beispiel vorangehen, da es zu Beginn nur eine geringe Bereitschaft zur Impfung gegeben habe, wie die Klinik gegenüber ihren Mitarbeitern erklärt. Nachdem die Fälle genauestens geprüft wurden, steht fest, dass nicht für alle impfbereiten Beschäftigten ausreichend Impfstoff vorhanden war.

Die Verwaltungsdirektoren hätten dem Personal, das einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt ist, den Vortritt lassen müssen. Doch trotz großer und teils persönlicher Enttäuschung im Haus, liegt formell kein Verstoß gegen die Impfverordnung vor.

Die bis dato jahrelange, vertrauensvolle Zusammenarbeit soll nun fortgesetzt werden. Nach intensiven Gesprächen, wurde die Freistellung der Verwaltungsdirektoren aufgehoben.

Allerdings ist klinikintern die Impfreihenfolge für Mitarbeiter mit hoher und höchster Priorität nochmals klarer definiert worden, um ähnliche Vorfälle künftig sicher ausschließen zu können.

Update vom 18. Februar 2021, 12.36 Uhr: Wie berichtet, wird mancherorts gegen die vorgegebenen Impfreihenfolgen verstoßen. Auch in Korbach und Hofgeismar sollen Angehörige von Mitarbeitern und Leitungskräften Impfungen bekommen haben, die nicht für sie vorgesehen waren. Von mindestens elf Fällen ist die Rede.

Betroffen ist das Ev. Altenhilfezentrum Korbach und die Altenhilfe in Hofgeismar, die zur Evangelischen Altenhilfe Gesundbrunnen gehören. Dort werden nun arbeitsrechtliche Schritte gegen die Leitungskräfte geprüft, die ihre Vertrauensposition missbrauchten. Eine ver­bindliche Regelung zum Umgang mit Impfresten gibt es bislang nicht. Es drohen auch keine Sanktionen nach der Impfverordnung. 

Update vom 11. Februar 2021, 13.37 Uhr: Eine Reihe von Impf-Tricksereien zerstört aktuell das Vertrauen in das System. An der Werner-Wicker-Klinik in Bad Wildungen wurde bekannt, dass die Klinikleiter sich offensichtlich unberechtigt gegen das Coronavirus haben impfen lassen und damit dem medizinischen Personal Impfdosen vorenthielten.

Nun brodelt es in dem seit 1978 privat geführten Orthopädischen Klinikum. Die beiden leitenden Mitarbeiter wurden sofort suspendiert. Die Klinik ließ über ihre Sprecherin Julia Gäck verlauten: „Das passt nicht zum Leitbild unseres Unternehmens.“

Da aktuell der Impfstoff knapp ist und nur nach der bekannten Priorisierung geimpft werden darf, muss der Landkreis Waldeck-Frankenberg, wie überall in Deutschland, bei der Verteilung Schritt für Schritt vorgehen und kann wegen der eingeschränkten verfügbaren Menge nicht alle auf einmal impfen lassen.

Neben den heimischen Seniorenzentren erhält erst seit einigen Tagen auch das medizinische Personal in den Kliniken, das bekanntlich an vorderster Front gegen das Virus kämpft, Impfdosen. Seitens des Landkreises sind insgesamt 120 dieser Impfdosen an die Werner-Wicker-Klinik geliefert worden.

Unklar ist, wie es zur Impfung der Klinikleitung kam, wie viele Personen involviert sind und welche Hintergründe dafür ausschlaggebend waren. Im Raum steht auch, dass möglicherweise Familienmitglieder der Klinikleiter geimpft wurden.

Die Klinik arbeitet den Fall gerade auf und geht den Vorwürfen nach. In einem Fall wurde ein Familienmitglied geimpft, das aber für die Klinik im medizinischen Bereich arbeitet. Aktuell werden zudem personalrechtliche Konsequenzen geprüft, mehr ist noch nicht bekannt gegeben worden.

Anwälte werden auch von der Gegenseite bereits hinzugezogen. Wegen des Verstoßes gegen die Impfverordnung drohen den Klinikleitern von staatlicher Seite zumindest keine Sanktionen. Aktuell wird der Klinikbetrieb von einem erfahrenen Mitarbeiter aus der Klinikgruppe geführt.

Dass die Impfreihenfolge umgangen wird, ist aktuell kein Einzelfall. Klinikleitungen in Niedersachsen, unter anderem in Langenhagen, Peine und Aurich, haben auch Impfungen gegen das Coronavirus erhalten, obwohl Ärzte und Pflegende noch nicht vollständig geimpft werden konnten.

Der Marburger Bund Niedersachsen kritisiert die Vorfälle und fordert Regelungen für den Umgang mit nicht-verbrauchten Impfstoffresten.

„Solange eine Impfstoffknappheit besteht, erwarten wir, dass die klar definierten Impfprioritätsstufen auch eingehalten werden. Erst recht dann, wenn noch nicht alle geimpft werden konnten, die tagtäglich im direkten Kontakt mit Patienten stehen“, betont Hans Martin Wollenberg, Erster Vorsitzender des Marburger Bundes Niedersachsen.

Wollenberg findet klare Worte: „Das Verhalten der Impfvordrängler war egoistisch und unsolidarisch. Natürlich können und dürfen die betreffenden Klinikleitungen oder auch Politiker sich impfen lassen – aber eben erst dann, wenn sie an der Reihe sind. Das Verhalten hat viele Kolleginnen und Kollegen mehr als irritiert. Ich erwarte, dass auch die Impfärzte auf die Einhaltung der Impfreihenfolge achten.“

Auch die Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes Fulda, Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg, hat sich nach Recherchen des Hessischen Rundfunk ebenfalls vorzeitig impfen lassen. Sie gehört keiner Gruppe an, die bislang beim Impfen an der Reihe ist.

Die 69-jährige Präsidentin und die wesentlich jüngere Assistentin der DRK-Geschäftsstelle wurden Ende Januar in einem Altenheim des Kreisverbandes von einem mobilen Team geimpft.

„Aus Gründen des Datenschutzes“ sei man „nicht autorisiert, zu konkreten Impfvorgängen Auskünfte zu erteilen“, ließ Freifrau Schenck zu Schweinsberg über die DRK-Geschäftsstelle zunächst erklären. Sie war bis 2018 Vizepräsidentin des DRK-Bundesverbandes.

Der zuständige Landkreis Fulda will sich wegen „Verletzung von Privatgeheimnissen“ nicht zu den Fällen äußern. Die Revision gehe jedoch Hinweisen nach, dass es in einzelnen Fällen zu unberechtigten Impfungen gekommen sein soll, erklärte eine Sprecherin. Laut Hessischen Rundfunk hat die Freifrau Schenck zu Schweinsberg mittlerweile erklärt, in der Seniorenbetreuung tätig zu sein.

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