Das Leben im Flüchtlingsheim

Region. Deo, Shampoo und Duschgel stehen in dem Holzregal, daneben sieben Pakete Mehl. Aus dem macht Sulta Kamil Brot. "Fünf Leute haben viel

Region. Deo, Shampoo und Duschgel stehen in dem Holzregal, daneben sieben Pakete Mehl. Aus dem macht Sulta Kamil Brot. "Fünf Leute haben viel Hunger", sagt sie und zeigt auf die Heizung, auf der eine Schüssel mit Hefeteig steht.  Die Kamils sind eine von sieben Familien, die als Asylbewerber  in "Rotte Breite"  bei Nieste untergebracht wurden. Insgesamt 32 Menschen  leben in dem ehemaligen Freizeitheim im Wald bei Nieste, darunter eine Familie aus Afghanistan sowie drei aus Serbien und Mazedonien. Auch Sulta  Kamil  floh mit ihrem Mann Demir und den drei Kindern aus dem Binnenstaat.  "Mazedonien ist nicht gut. Alles kaputt, keine Arbeit", sagt der Familienvater.

Ganzen Besitz verkauft

Seinen ganzen Besitz hat er zu Geld gemacht, um die Flucht nach Deutschland bezahlen zu können. Fast immer sind es professionelle Schleuser, die die Familien mit falschen Versprechungen nach Deutschland locken und daran verdienen.  Wieviel Demir Kamil für die Hoffnung auf ein besseres Leben bezahlt hat, sagt er nicht. Nur, dass der Bus von Mazedonien drei Tage bis nach Deutschland gebraucht hat.  Nach der Ankunft in der Erstaufnahmeeinrichtung  in Dortmund wird die Familie "umverteilt", kommt in die Hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen bis nach drei Wochen fest steht:  Die Odyssee der Kamils endet in "Rotte Breite".

Mehr als eine Tüte und die Kleidung, die sie am Körper tragen, ist der Familie nicht geblieben.  Vom Landkreis bekommen sie eine Erstausstattung mit Bettwäsche, Geschirr und Kleidung.  Die hat Sulta Kamil ordentlich gefaltet in den Schrank gelegt. Platz ist knapp in dem Zimmer, in dem neben einem Regal noch zwei Hochbetten stehen, Toilette und Gemeinschaftsduschen befinden sich auf dem Flur.

Fünfköpfige Familie bekommt 1.200 Euro pro Monat

Das Zusammenleben in "Rotte Breite" funktioniert gut, sagt Hajo Ullrich, der sich als sozialpädagogischer Betreuer um die Asylbewerber kümmert. "Die Gebäude sind in gutem Zustand, das erleichtert die Situation. Alle geben sich mehr Mühe", erzählt der 59-Jährige. Die Familien kümmern sich selbst um die Sauberkeit der Küche, füttern die Ziege, stellen die Mülltonnen raus oder fahren mit dem Bus zum Einkaufen. Dass der nur einmal in der Stunde fährt, findet Demir Kamil schade. "Hier ist nicht viel. Sehr langer Weg in die Stadt", sagt der 36-Jährige. 1.200 Euro bekommt eine  fünfköpfige Familie im Monat an finanziellen Leistungen. Demir Kamil würde  lieber arbeiten. Als was, ist dem gelernten Fleischer egal. "Hauptsache Arbeit", sagt er.

Gesundheitszustand katastrophal

Größtes Problem der Flüchtlinge ist die Sprachbarriere. Um ihr Deutsch zu verbessern, gucken sie Fernsehen, die Kinder bekommen Förderkurse in den Schulen. Hajo Ullrich setzt sich dafür ein, dass  auch die Erwachsenen  die Sprache lernen. So könnten beispielsweise pensionierte Deutschlehrer vor Ort unterrichten. "Ohne die Sprache kann  ein vernünftiger Start nicht funktionieren", sagt der sozialpädagogische Betreuer.  Ein weiteres Problem ist der oft katastrophale Gesundheitszustand der Flüchtlinge. So hat Demir Kamils Sohn  Nurhadin nach einem Unfall nur noch 20 und 30 Prozent Sehkraft. Dank eines Kasseler Augenarztes erhält der Zehnjährige bald eine Brille, mit der er endlich besser sehen kann.

Hoffen auf Asyl

Familie Kamil ist dankbar für diese Hilfe.  Ob sie und die anderen Flüchtlinge aus "Rotte Breite"  in Deutschland bleiben können, ist allerdings ungewiss.  Die Asylverfahren laufen, einige haben die Ablehung ihres Antrags bereits erhalten.  Den Flüchtlingen bleibt dann nur, Klage vor dem Verwaltungsgericht zu erheben.

Demir Kamil und seine  Familie hoffen weiter, dauerhaftes Aufenthaltsrecht zu bekommen. Doch als Mazedonier stehen ihre Chancen schlecht. Sie gelten als "Wirtschaftsflüchtlinge", die in ihrer Heimat zwar unter Arbeitslosigkeit und Armut  leiden, aber nicht nicht als asylberechtigte Flüchtlinge annerkannt werden.  Solange keine Ablehung des Asylantrags im Briefkasten liegt,  hoffen die Kamils weiter.  "Ein Haus und Arbeit. Das wäre schön", sagt Sulta Kamil.

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