Löwe und Halbmond in Bad Wildungen

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Osmanischer Krieger in Kettenhemd, mit Panzerhaube und Armschienen. Foto: Museumslandschaft

Bad Wildungen. Das osmanische Prunkzelt aus dem 17. Jahrhundert, besser bekannt als "Türkenzelt", ist zurück in Schloss Friedrichstein. He

Bad Wildungen. Das osmanische Prunkzelt aus dem 17. Jahrhundert, besser bekannt als "Türkenzelt", ist zurück in Schloss Friedrichstein. Heute fand dazu ein Museumsfest statt.

Nach dreijähriger Restaurierung bildet der Publikumsliebling wieder den Höhepunkt der neuen Dauerausstellung "Löwe und Halbmond". Rund 60 Säbel, Dolche, Bögen, Pfeile und Feuerwaffen aus dem Osmanischen Reich begleiten das textile Meisterwerk in einer eindrucksvollen Neupräsentation.

"Wir haben die Restaurierung des Zelts genutzt, um die Räume endlich zu sanieren und ein modernes Ausstellungskonzept zu verwirklichen", erläutert Dr. Antje Scherner, Leiterin der Sammlung Angewandte Kunst der Museumslandschaft Hessen Kassel und Kuratorin der neuen Dauerausstellung. "Diese Sammlung ist hoch bedeutend, wie unsere Forschungen gezeigt haben, und ich hoffe, es gelingt uns, dies auch dem Besucher zu vermitteln".

Zentrum der neuen Schau, die sich am angestammten Ort über zwei Ausstellungsräume erstreckt, ist das Prunkzelt. Auf einer eigens entwickelten Stützkonstruktion ruht der 100 kg schwere Stoffriese nun leicht und elegant, ohne dass das historische Gewebe belastet wird.

"Die Stoffapplikationen im Inneren des Zelts kommen wunderbar zur Geltung", freut sich Scherner. Neben dem Prunkzelt bietet ein komplett gerüsteter osmanischer Krieger eine zweite Attraktion der Ausstellung. Er tritt dem Besucher in Kettenhemd, mit Panzerhaube und Armschienen entgegen, die Köcher mit Pfeilen und einem Bogen um die Hüfte gegürtet und den Säbel zum Hieb erhoben. Umgeben ist er von typischen osmanischen Kriegswaffen, den genannten Bögen und Pfeilen, Paradewaffen türkischer Krieger, aber auch Feuerwaffen, die vor allem die Elitetruppe der Janitscharen nutzte, sowie Säbeln, Reiterhämmern und anderen Hieb- und Stichwaffen. Der taktische Vorteil dieser Waffengattungen rückt in der Neupräsentation ebenso in den Blick wie die arabischen Inschriften vielfach religiösen Inhalts, die zahlreiche Waffen zieren.

"Gerade die Glaubensvorstellung im Islam, wonach der Ort und Zeitpunkt des Todes gottgegeben, vorherbestimmt und unabänderlich waren, machten osmanische Soldaten zu tapferen, todesmutigen Streitern", erläutert Scherner. Schließlich kann der Besucher die bis heute beeindruckende handwerkliche Qualität und die kostbaren Materialien der Waffen genauer in den Blick nehmen. Der kulturgeschichtlich hochinteressante Bestand wurde im Vorfeld der neuen Dauerausstellung wissenschaftlich erforscht, unter anderem in Zusammenarbeit mit der Rüstkammer in Dresden, wo bereits 2010 die Aufsehen erregende "Türckische Cammer" eröffnet wurde.

"Die Zusammenarbeit mit dem Fachkollegen in Dresden, aber auch die Forschungen im Marburger Staatsarchiv haben gezeigt, 2 dass die Sammlung viel älter ist, als wir immer geglaubt haben", sagt Scherner. Bereits 1572 gelangte ein erster türkischer Flitzbogen samt Pfeilen und Köcher in den Besitz Landgraf Wilhelms IV. von Hessen-Kassel.

Im 17. und 18. Jahrhundert kauften die Kasseler Landgrafen weitere Waffen an, erhielten sie zum Geschenk oder als Beuteanteil. "Wir können nicht sicher sagen, in welchem Zusammenhang das Prunkzelt in den Besitz der hessischen Landgrafen kam", bedauert die Wissenschaftlerin. Es sei aber denkbar, dass es sich um ein Beuteobjekt aus der Einnahme von Belgrad im Jahr 1717 handelt. Landgraf Karl von Hessen-Kassel hatte damals seinen Sohn Maximilian mit einem Regiment hessischer Soldaten auf den Balkan entsandt. Unter dem Kommando des Prinzen Eugen trugen die Hessen tapfer zum Sieg bei, was der berühmte Feldherr in einem Brief an den Kaiser festhielt. Das Zelt könnte daher aus der damaligen Kriegsbeute stammen.

"Da Hessen und Waldeck immer wieder Truppen zum Kampf gegen die Osmanen gestellt haben, lässt sich allerdings kaum sagen, wann welche Waffen wirklich erbeutet wurden. Die historischen Inventare schweigen sich darüber leider aus", sagt Scherner, die weiter darüber forschen will. Aus Anlass der Neupräsentation erscheint ein reich bebilderter Begleitband, der die bisherigen Ergebnisse zusammenfasst. Er liefert vertiefende Informationen zu den kostbaren Objekten und beleuchtet deren Geschichte. Die Ausstellung und der Katalog laden gleichzeitig ein auf eine Zeitreise in eine Epoche, als das Osmanische Reich das christliche Abendland zwar bedrohte und doch eine unwiderstehliche Faszination ausübte, die bis heute nachwirkt.

Die aufwendige Restaurierung des osmanischen Prunkzeltes wurde ermöglicht durch die überwältigende Spendenbereitschaft von Bürgern und Unternehmen aus Bad Wildungen und der Gemeinschaft der Freunde Schloß Friedrichstein e.V.. Dieses beeindruckende bürgerschaftliche Engagement trägt wesentlich zum zukünftigen Erhalt des herausragenden Sammlungsstückes bei.

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