Die nächste Pleite an der Kreisklinik in Frankenberg

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Mit der Wahl Gerhard Hallenbergers zum Geschäftsführer sollte 2018 endlich Ruhe einkehren beim Kreiskrankenhaus Frankenberg.

Der Landkreis muss den Geldhahn viel weiter aufdrehen: „Sonst ist das Haus nicht mehr flüssig“.

Frankenberg/Korbach - Seit mindestens 20 Jahren versucht der Landkreis vergeblich sein Krankenhaus in Frankenberg so aufzustellen, das möglichst wenig Zuschüsse anfallen.

Als eigenständiges und kommunal geführtes Haus funktionierte es nicht. Auch mit einem großen Klinikenbetreiber als Partner konnten die roten Zahlen nicht wie gewünscht eingedämmt werden.

Die Rückkehr zur kommunalen Eigenständigkeit wird aber noch teurer, wie sich nun zeigt. Finanziell wird es immer schlimmer. Das liegt weiterhin am aktuellen Finanzierungssystem, das kleine Krankenhäuser bundesweit benachteiligt, aber auch an hausgemachten Fehlern, die aufhorchen lassen.

„Die Situation ist prekär“, beschreibt Landrat Dr. Reinhard Kubat in der gesonderten aktuellen Stunde des Kreistags die Situation. Drohende Insolvenzen müssen mittlerweile regelmäßig mit Steuergeldern abgewehrt werden. Das ärgert besonders andere Klinikbetreiber im Landkreis, die ohne ähnlich opulente Finanzspritzen auskommen.

Waren es Ende 2017 noch rund 1,5 Millionen Euro, die dem Klinikbetrieb fehlten, so sollte ein Kredit über 3 Millionen Euro den Fortbestand sichern. Mittlerweile muss der Landkreis auf 10 Millionen Euro aufstocken, um die Klinik zu halten.

Die politischen Entscheidungsträger, vorne weg CDU und SPD, stecken in der Zwickmühle. Sie wollen die ortsnahe Grundversorgung auf jeden Fall erhalten, wissen aber nicht wie dies rentabel gelingen soll und haben auch niemanden der unmittelbar aus der Schieflage heraushelfen kann.

Auch alle anderen Fraktionen wollen die Klinik nicht aufgeben. Rund 23.000 Einwohner müssten sonst länger als 30 Minuten PKW-Fahrzeit in Kauf nehmen, um ein Krankenhaus der Grundversorgung zu erreichen. Ob dies die anderen Krankenhäuser überhaupt kompensieren könnten, ist dabei eine andere Frage.

Jedoch alle anderen 135.000 Bürger und die Kommunen im Landkreis immer mehr für Frankenberg zahlen zu lassen, will sich auch keine der Kreistagsfraktionen gerne auf die Fahne schreiben.

Ein strukturelles Problem am Kreiskrankenhaus in Frankenberg

Aktuell fehlen dem Kreiskrankenhaus Einnahmen von rund 5 Millionen Euro, die zum Teil selbstverschuldet sind. Landrat Dr. Reinhard Kubat, zugleich Aufsichtsratsvorsitzender beim Kreiskrankenhaus, räumte strategische und taktische Fehler ein.

Bei der wirtschaftlichen Führung im Kreiskrankenhaus gibt es Defizite. So werden im Kreiskrankenhaus Leistungen erbracht und nicht oder nicht richtig abgerechnet.

Allein 2,5 Millionen Euro könne die Klinik mehr einnehmen, wenn verschiedene „Sicherstellungszuschläge“ erfolgten, Personalkosten nach dem „Pflegepersonalstärkungsgesetz“ refinanziert würden und Regressforderungen sowie Versicherungsleistungen, die alle noch ausstehen, endlich eingingen. Doch ob und wann diese fehlenden Zahlungseingänge sich realisieren lassen, sei ungewiss. Die Klinik tritt deshalb beständig in Vorleistung.

Zwar hat es kurzfristige Bemühungen gegeben, einige Außenstände einzutreiben, doch der Kreisklinik fehlt es an entscheidender Stelle. Es gibt ein eklatantes strukturelles Problem. Erst ab August wird die Kreisklinik über ein Controlling verfügen.

Dessen Aufgaben sind unter anderem: Soll-Ist-Vergleiche, die Erstellung von Budgetplänen und Prognosen, die Aufbereitung und Übermittlung der Quartalszahlen an das Management, die Planung und Umsetzung strategischer Maßnahmen. Außerdem die Etablierung sowie Kontrolle von Betriebsabläufen, die Analyse von Schwachstellen und letztlich deren Optimierung.

Das Controlling längst hätte etabliert sein müssen. Erst dann kann gewährleistet werden, das sämtliche erbrachten Leistungen richtig abgerechnet werden und das in den nächsten Monaten eine Bestandsaufnahme und Analyse der aktuellen Ausgangslage erfolgt.

Wirtschaftlich erschwerend kommt hinzu, dass orthopädische Operationen geringer honoriert werden als zuvor. Die Fallprüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen hat zugenommen, was zu späteren Erträgen führt und es gibt weniger stationäre Behandlungen.

Patienten werden immer häufiger ambulant und woanders behandelt. Das Kreiskrankenhaus verzeichnet aktuell weniger Fallzahlen (- 7,6 %) und weniger Leistungszahlen (Casemix - 9,5 %) im ersten Quartal 2019. Dies liege deutlich unter dem, was geplant war. Schon jetzt sei das Jahresergebnis voraussehbar nicht mehr zu erreichen.

Auch der Personalaufwand (Tarifliche Steigerungen, notwendige Anpassungen und gesetzliche Vorgaben sowie tarifliche Einmaleffekte) treiben die Kosten gegenüber dem Vorjahr in die Höhe.

Erst wenn das Controlling läuft, will sich der Landkreis das medizinische Konzept ansehen und weitere Finanzierungen sowie Investitionen angehen.

Klinik-Geschäftsführer Gerhard Hallenberger schätzt den Investitionsbedarf in den kommenden 10 Jahren auf rund 38 Millionen Euro netto.

Doch bevor es soweit kommt, steht Hallenberger in der Pflicht. Der Kreistag fordert vom Geschäftsführer, dass er sämtliche strategischen und organisatorischen Maßnahmen ergreift, um die wirtschaftliche Situation des Krankenhauses nachhaltig zu stabilisieren. Dazu zählt insbesondere eine Geschäftsprozessuntersuchung.

Zudem hat die Geschäftsführung den Landkreis jeden Monat über die ergriffenen Maßnahmen und erreichten Ziele zu informieren.

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