Neues aus der "Korbacher Spalte": Einzigartige Funde aus der Urzeit

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Diese Fossilien wurden allesamt in Korbach entdeckt.

Die "Korbacher Spalte" ist eine Art "Schaltstelle" der Wirbeltier-Evolution. Neben dem berühmten "Korbacher Dackel" wurden nun einige weitere Arten nachgewiesen, die vor über 250 Millionen Jahren hier lebten.

Korbach - Seit rund drei Jahren forscht der Paläontologe Prof. Dr. Jörg Fröbisch vom Naturkundemuseum in Berlin am 252,5 bis 255 Millionen Jahre alten Fundmaterial, das in der „Korbacher Spalte“ geborgen und zwischenzeitlich präpariert wurde. Sein Interesse gilt besonders den so genannten Therapsiden, die zu den säugetierähnlichen Reptilien und damit zu den Urahnen der Säugetiere zählen.

Ende August besuchte eine Delegation aus Korbach mit Dr. Wilhelm Völker-Janssen (Wolfgang-Bonhage-Museum Korbach), Dr. Marc Müllenhoff (Stadtmarketing Korbach), Norbert Panek (Geopark-Projektbüro GrenzWelten) und Dr. Cornelia Kurz (Naturkundemuseum Kassel) den Wirbeltier-Paläontologen Fröbisch, um sich über den Fortschritt der Forschungsarbeiten zu informieren.

Von 2011 bis 2015 wurde ein Großteil des Fundmaterials aufgearbeitet und präpariert. Der Sammlungsbestand umfasst zirka 3.000 Fundstücke. Davon wurden 1.230 Stücke präpariert. Im September 2015 wurde ein Großteil der präparierten Objekte an Prof. Dr. Jörg Fröbisch zur weiteren wissenschaftlichen Bearbeitung übergeben. Nach seinen Aussagen können bisher rund 10 Prozent des untersuchten Materials einer bestimmten Tierform zugeordnet werden.

Die Forschungen von Prof. Fröbisch haben bestätigt, dass Procynosuchus, der bekannte „Korbacher Dackel“, die im Fundmaterial am häufigsten vorkommende Tierart ist. Von großem Interesse für die weitere Forschung ist die Frage, ob Procynosuchus in Korbach eine eigene Art bildet oder mit den aus dem südlichen Afrika stammenden Funden gleichzusetzen ist. Außer Procynosuchus birgt das Fundmaterial die Reste weiterer säugetierähnlicher Reptilien.

Der Procynosuchus hat den netten Spitznamen "Korbacher Dackel" erhalten.

So können erstmals Fossilien den Therocephaliern und Gorgonopsiern zugeordnet werden. Im Fundmaterial wurden zudem Zahnreihen von Captorhiniden, frühen pflanzenfressenden Reptilien, freigelegt, die mit ähnlichen Funden aus China korrespondieren. In Korbach können schon jetzt mindestens drei Formen dieser Familie nachgewiesen werden. Zu den Neufunden gehören Nachweise von Protorosauriern und Pareiasauriern.

Ein besonders spektakuläres Fundstück ist eine Hautknochenplatte, die einem Chroniosuchier zugeordnet werden kann. Damit wäre erstmals auch ein Fossil aus der Gruppe der reptiliomorphen Amphibien in Korbach nachgewiesen. Zudem gibt es ungewöhnliche Zahn- und Kieferfunde, zu denen bisher weltweit keine Vergleichsfunde identifiziert werden konnten. Möglicherweise handelt es sich um bisher unbekannte Vertreter bereits existierender Großgruppen.

Nach Meinung von Prof. Dr. Fröbisch ist die Fossilienfundstätte „Korbacher Spalte“ in ihrer Art und Zusammensetzung weltweit einzigartig. Zum einen handelt es sich um eine der weltweit ältesten Spaltenfüllungen, die aufgrund ihrer Ablagerungsverhältnisse bisher überwiegend fragmentarische und kleine Tierformen hervorgebracht hat. Zum anderen lag Korbach vor rund 255 Millionen Jahren im Übergangsbereich zweier Paläo-Klimazonen, an der sich die Faunen dieser beiden Klimazonen trafen bzw. vermischten, was zu einer besonders hohen Artenvielfalt geführt haben könnte.

Die hier vorkommenden Synapsiden sind Vertreter der Säugetier-Stammlinie. Zudem wurden sowohl Knochenreste von Ur-Reptilien als auch von Archosauriern gefunden, die evolutionsgeschichtlich zu den frühen Vorfahren der Krokodile und Dinosaurier zählen. Die Vielfalt der gefundenen Wirbeltierformen, die verschiedene Entwicklungslinien repräsentieren, unterstreicht die Bedeutung der „Korbacher Spalte“ als eine Art „Schaltstelle“ der Wirbeltier-Evolution.

Die ersten Forschungsergebnisse zum Fundmaterial werden voraussichtlich im Frühjahr 2019 veröffentlicht. Bis das gesamte präparierte Material ausgewertet ist, werden mindestens noch drei Jahre vergehen. Die Vertreter der Stadt Korbach sowie des Geoparks hoffen, die dann vorliegenden Ergebnisse auch einem breiteren Publikum in Ausstellungen und Publikationen zugänglich machen zu können. Wilhelm Völcker-Janssen, Marc Müllenhoff und Norbert Panek sind zuversichtlich, dass irgendwann eine Bewerbung der „Spalte“ um das UNESCO-Prädikat „Weltnaturerbestätte“ gelingen könnte. Dazu seien allerdings noch einige „hohe Hürden“ zu bewältigen.

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