„Nicht selten will man sich danach erst mal einen Märchenfilm ansehen”

Region. Was sie zeichnet, bleibt in Erinnerung: Ob der Kannibale von Rotenburg, der Elternmord von Morschen oder andere emotionale Fälle, die jedem

Region. Was sie zeichnet, bleibt in Erinnerung: Ob der Kannibale von Rotenburg, der Elternmord von Morschen oder andere emotionale Fälle, die jedem im Gerichtssaal an die Nieren gehen. Als Kassels einzige Gerichtszeichnerin hatte Christine Reinckens sie alle vor ihrem geistigen Auge. Sie gehört zu den Menschen, die ihre Leidenschaft zu einer spannenden und raren Profession gemacht haben.

"Schon zu früheren Zeiten waren Zeichner auch Expeditionsbegleiter und dokumentierten alles. Zeichnend erobere ich mir einen anderen Zugang zur Realität als beim Fotografieren”, sagt Christine Reinckens. Zwar sei Reinckens vor allem freischaffende Künstlerin, doch das Gerichtszeichnen entwickelte sich mehr und mehr zu einem unerlässlichen Teil ihrer künstlerischen Laufbahn.

Seit rund 15 Jahren ist die Künstlerin mit Herz und Seele Gerichtszeichnerin und könnte mit den Geschichten, die hinter ihren Zeichnungen stecken, ganze Bücher füllen.  Vieles sei auch schwierig, brutal und aufwühlend gewesen. "Nicht selten will man sich danach erst mal einen Märchenfilm ansehen”, sagt sie.

Nichts bleibt verborgen

Vor allem ihren ersten Einsatz wird sie niemals vergessen: Weil das Medieninteresse enorm war und es sich um minderjährige Straftäterinnen handelte, saß  Christine Reinckens auch beim Heinzerling-Prozess im Gerichtssaal.

"Die beiden Töchter haben  ihre Adoptiveltern ermordet", erinnert sich Reinckens. So wie sie mit ihren Zeichnungen den Menschen vor Fotografen schützt, so möchte auch die Künstlerin auf Bildern lieber unerkannt bleiben. Von Gefühlsausbrüchen  bis hin zur Erstarrung und nüchterner Schilderung der perfidesten Gräueltaten im Prozess hat die Gerichtszeichnerin alles erlebt. Die Distanz im Gerichtssaal sei dabei wichtig, um nach der Verhandlung Abstand zu bekommen.

"Die Zeichnung vermittelt einen inneren Eindruck. Man bekommt ein Gesicht zu sehen. Doch anders als auf Fotos, sieht man nur einen bestimmten Typen und hat einen Eindruck davon, wie sich der Mensch vor dem Richter verhält”, erklärt Christine Reinckens. Dafür übt sie jeden Tag: Ein kleines Zeichenbüchlein ist ihr stetiger Begleiter.

Geschichten hinter den Zeichnungen

"Immer wenn ich unterwegs bin, zeichne ich Leute. Ob am Strand, in der Bahn, im Wartezimmer, Café oder Zug – das ist meine tägliche Gymnastik. Und Leute, die man zeichnet, vergisst man nie”, betont die Künstlerin. Ihr spannendster und erschütterndster Fall bis heute war der des Kannibalen von Rotenburg: "Da hatte ich aber auch meinen Spaß als Gerichtszeichnerin, weil viele Zeugen vermummt waren und vom Kopf oft nur ein Ohr zu sehen war.”

Für Christine Reinckens ist jeder Mensch für sich interessant. "Allein wie sie sitzen, zuhören und auf die Blicke reagieren, ist spannend. Man sieht den Menschen  nicht an, dass sie oft schreckliche Verbrechen begangen haben", so die Künstlerin weiter.  Sich selbst bezeichnet Christine Reinckens als "Menschenmalerin und Beobachterin”. Als Gerichtszeichnerin dauert ihr Tag oft bis zu acht Stunden, denn es muss vorgezeichnet und nachgearbeitet werden. Und was ist für sie das Wichtigste am Gerichtszeichnen? "Dass ich mit meinen Bildern Geschichten erzähle”, sagt sie.

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