Die „Pest“ aus dem Aquarium: Gefahr für heimische Flusskrebse

Nachbarkreis. "Das ist vergleichbar mit einer Heuschreckenplage", sagte Christian Gertje mit einem besorgten Blick, "nur eben im Wasser

Nachbarkreis. "Das ist vergleichbar mit einer Heuschreckenplage", sagte Christian Gertje mit einem besorgten Blick, "nur eben im Wasser." Im September vergangenen Jahres entdeckten Spaziergänger mehrere Exemplare des nordamerikanischen Marmorkrebses im Singliser See (Borken/Schwalm-Eder). Eine Fluss­krebsart, welche erst seit 1996 bekannt ist und die durch den deutschen Aquarienhandel eingeführt wurde. Wie sie nach Singlis gekommen sind, kann man nur vermuten. Aber der Verdacht liegt nahe, dass sie ein Aquarianer im See "ausgesetzt" hat. Eine unverantwortliche Tat, mit nicht absehbaren Folgen für die Ökologie.

Selbstvermehrung alle acht Wochen

Denn der Marmorkrebs ist der einzig bis jetzt bekannte Fluss­krebs, welcher sich durch Parthenogenese, oder auch Jungfernzeugung, vermehrt. Eine Form der eingeschlechtlichen Fortpflanzung, aus der genetische Klone hervorgehen. Die Eierstöcke der ausschließlich weiblichen Individuen (bis dato wurden noch keine Männchen entdeckt) entwickeln reifende Eier, die nach drei bis sechs Wochen zirka 120 Jungtiere hervorbringen – und das ganzjährig alle acht Wochen. Möglicherweise ist der Mamorkrebs eine spezielle Züchtung der Aquaristik.

"Die Krebse stellen ein enormes ökologisches Problem dar. Ihre Ernährungsweise setzt tief an der Nahrungskette an. Damit können sie ganze Ökosysteme lahm legen und zerstören", berichtet Rainer Hennings, Referent für Naurschutz beim Verband Hessischer Fischer.  "Wenn der Bestand noch dünn ist, kann man sicher etwas dagegen unternehmen. Wenn man aber die Größe des Singliser Sees bedenkt, zusätzlich sich der Gombether Tagebausee und die Schwalm in unmittelbarer Nähe befinden, sehe ich schwarz, dass man das noch in den Griff kriegen kann", so Hennings weiter.

Welche Gefahr zudem von dem Marmorkrebs ausgeht: er ist Überträger der Krebspest. Dabei handelt es sich um eine tödlich verlaufende Krankheit bei Flusskrebsen, welche die einheimischen Krebse, insbesondere den Edelkrebs, in ihrem angestammten Lebensraum weitgehend ausrottet. Denn die Krebspest endet für nicht-amerikanische Fluss­krebse zu 100 Prozent tödlich. Sie ist auch die Hauptursache dafür, dass auch heute, trotz deutlicher Verbesserung des allgemeinen Gewässerzustandes, alle einheimischen Fluss­krebsarten in Deutschland auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen.

Im Oktober vergangenen Jahres wurde in einer Informationsveranstaltung über den invasiven Charakter der Tiere aufgeklärt. Um über die Verbreitung der Krebse, und ob sie bereits in die Schwalm gewandert sind, einen Überblick zu bekommen, sollten Reusen ausgelegt werden. "Im See selber haben wir keine Reusen ausgelegt, aber in der Schwalm. Und dort war das erste Ergebnis negativ", erläuterte Axel Kramer, Vorsitzender des Angelvereins Borken, den Stand der Dinge. Nach den Sommermonaten soll ein weiteres Mal gemessen werden.

Keine natürlichen Feinde

Der Verband Hessischer Fischer, Präsident Gert Wenderoth, gibt zu Bedenken: "Ich sehe darin eine erhebliche Gefahr. Die Marmorkrebse haben keine natürlichen Feinde. Sie verdrängen die Wiederbelebung des einheimischen Edelkrebses und die Biozönose gerät völlig aus dem Ruder." Fremde Arten, die sich in heimische Gefilde einquartieren und sich so explosionsartig vermehren, würden im erheblichen Maße das biologische beziehungsweise ökologische Gleichgewicht stören, erläutert Wenderoth weiter.

"Das Ökosystem der Schwalm ist bereits angekratzt. Vor Jahren hat man noch Barben, Äschen und Rußnasen gesehen. Jetzt nicht mehr. Wenn der Marmorkrebs Einzug in die Schwalm hält, ist das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt", prognostizierte Gertje noch vor wenigen Tagen. Inzwischen hat er einen Aal aus der Schwalm gefischt, in dessen Magen er einen amerikanischen Fluss­krebs fand.

Ob dem jemals Einhalt geboten werden kann, ist laut Wenderoth zu bezweifeln. Man kann einzelne Krebse fangen, aber die angesiedelte Population gänzlich wieder loszukriegen, sei schier unmöglich.

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