Die Pistole am Kopf

Bad Arolsen. Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Seit 1996 gilt der 27. Januar in Deutschland als Gedenktag fr d

Bad Arolsen. Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Seit 1996 gilt der 27. Januar in Deutschland als Gedenktag fr die Opfer des Nationalsozialismus.Zu den Opfern gehrten auch Jehovas Zeugen. Ihre vehemente Weigerung, den Eid auf Fhrer und Staat zu leisten, eine Waffe in die Hand zu nehmen sowie ihr ffentliches Predigen wurden vom NS-Regime nicht toleriert. In den Konzentrationslagern stigmatisierten die Nationalsozialisten die Zeugen als einzige religise Gruppe sogar mit einem gesonderten Zeichen, dem Lila Winkel.Ihre Haltung habe allerdings ausschlielich religise Grnde gehabt. Ihrem Glauben abzuschwren kam fr die allermeisten Zeugen nicht infrage, auch nicht fr die Waldecker Zeugen Jehovas. Ihre Arolser Gemeinde bestand 1933 gem Angaben aus dem Bad Arolser Stadtarchiv aus mindestens zwlf Personen, berichtet Matthias Meyer, Regionaler Beauftragter der Zeugen Jehovas. Nicht mitgezhlt sind ihre Kinder. Eines dieser Kinder war Anneliese Ludwig. Sie erlebte die Schrecken des Naziregimes am eigenen Leib. Die heute 79-jhrige Arolserin sagt: Es war eine Zeit, die durch Gewalt und Brutalitt geprgt war und uns in stndiger Angst leben lie. Wir mussten immer damit rechnen, dass unsere Eltern weggeholt wrden.Die Rentnerin wohnt heute noch mit ihrem Mann in Bad Arolsen. Wenn sie alte Familienbilder hervorholt, leben Erinnerungen an Gestapobesuche und Hausdurchsuchungen wieder auf. Ein Tag ist ihr besonders im Gedchtnis geblieben. Als sie acht Jahre alt und ihr jngerer Bruder sogar erst zwei Jahre alt war, wurden ihr Vater Rudolf Hilgenstock und ihre Mutter Elise von der Gestapo abgeholt. Die Kinder mussten allein zu Hause bleiben und wussten nicht, ob und wann sie ihre Eltern wieder sehen wrden.Viele Bibelforscher, wie Jehovas Zeugen bis 1931 hieen und von den Nazis auch danach so genannt wurden, kamen damals zunchst in Gefngnisse und danach meist in so genannte Schutzhaft direkt in die Konzentrationslager. Glcklicherweise entkamen die Arolser Bibelforscher diesem Schicksal.Anneliese Ludwig erzhlt: Mein Vater kam ins Arolser Gefngnis und wurde dort verhrt. Er wurde mit einer auf seinen Kopf gerichteten Pistole bedroht.

Bild: Das Arolser Ehepaar Rudolf und Elise Hilgenstock gehrte zu den Arolser Zeugen Jehovas, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.

Der Gestapo ging es um Preisgabe von Namen anderer Gemeindemitglieder. Ein Buch mit den gesuchten Informationen lag ganz oben auf einem Stapel beschlagnahmter Literatur, berichtet Anneliese Ludwig. Um es nicht in die Hnde der Verfolger gelangen zu lassen, nahm mein Vater allen Mut zusammen und sagte: Da liegt ja die Bibel meiner Frau! Die werde ich doch wohl mitnehmen drfen! Die Beamten lieen ihn mit dem Buch mit den gesuchten Daten gehen und mein Vater wurde mit Heil Hitler entlassen. Er erwiderte Guten Tag und ging.

Ein Arolser Polizist hat uns immer gewarnt, bevor die Gestapo kam.(Anneliese Ludwig, damals noch ein Kind)

In Ruhe gelassen wurden die Zeugen dennoch nicht. Repressalien und Anzeigen waren an der Tagesordnung. Aber es gab auch Lichtblicke. Der Arzt meines Onkels Alfred Schubart bewahrte ihn vor einer Einlieferung ins KZ und ein Arolser Polizist hat uns immer gewarnt, bevor die Gestapo kam, wei Anneliese Ludwig. Alfred Schubarts Status als Bankbeamter wurde aber sofort nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aberkannt. Er wurde 1937 zu neun Monaten Gefngnis verurteilt, von denen er fnf in Korbach absitzen musste.Nach dem Krieg haben die Zeugen ihre Ttigkeit legal wieder aufnehmen knnen. Alfred Schubart wurde erneut als Leiter der Arolser Sparkasse eingesetzt. 1961 baute Anneliese Ludwigs Vater, Rudolf Hilgenstock, auf seinem Grundstck einen Knigreichssaal. Das Gemeindezentrum In der Strothe wurde von den Arolser Zeugen bis 1990 genutzt. Heute treffen sie sich zweimal wchentlich in der Uplandstrae.Matthias Meyer: Jehovas Zeugen waren keine fernen, unerreichbaren Helden, erklrte der ehemalige nordrhein-westflische Landtagsprsident Ulrich Schmidt. Mit Bezugnahme auf Schmidts Rede beschrieb das Informationsblatt Landtag Intern Zeugen Jehovas als einfache Menschen, die ihrem Gewissen folgend standhaft an ihrer religisen berzeugung festhielten, Zivilcourage zeigten und geistigen Widerstand aus christlicher berzeugung geleistet htten.

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