Probleme mit dem Jobcenter: "Ich weiß, was Kälte ist"

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Mehrere Aktenordner dokumentieren den Schriftverkehr zwischen Michael Kleimann und dem Jobcenter.

Michael Kleimann weiß, was Kälte bedeutet. Der Hartz IV-Empfänger konnte in diesem Winter seine Wohnung noch nicht richtig beheizen. Er kommt nicht an das nötige Holz für die drei Öfen heran.

Waldeck - Eine andere Heizung gibt es in der verschachtelten 48-Quadratmeter-Wohnung nicht. „Ich habe Probleme mit dem Jobcenter“, sagt er gereizt und zündet ein mobiles Gasheizgebläse, das auf dem Boden in seiner kleinen Küche steht.

Wie eine Miniturbine dröhnt die Röhre fortan mit ihrer blauen Flamme. Für Wohnräume ist das Gerät eigentlich nicht gedacht. Auch der andere Gasheizstrahler, der im Schlafzimmer ab und an eingesetzt wird, sorgt bei Kleimann schon seit mehreren Tagen für einen kratzigen Hals.

Das digitale Thermometer an der Wand zeigt 2,7 Grad Celsius Raumtemperatur. In der folgenden Nacht soll die Temperatur draußen bis Minus 11 Grad sinken. Die grobe Pressspanplatte, die an der Eingangstür notdürftig eine fehlende Glasscheibe ersetzt, zeigt aber schon jetzt Spuren von eisiger Feuchtigkeit auf der Innenseite und Kleimanns Rücken schmerzt seit Wochen. „Kommt alles von der Kälte“, unterstreicht er.

Für Kleimann, der seit sechs Jahren von der staatlichen „Stütze“ lebt, begannen die Probleme vor drei Jahren. „Davor hatte ich einen anderen Sachbearbeiter“, erklärt er. Vor jeder Heizperiode überwies das Jobcenter ihm das nötige Geld für rund acht Raummeter Holz. Damit bestellte er bei einem Händler das Brennmaterial und legte anschließend die Quittung beim Jobcenter vor. Der Händler lieferte und lud sogar das Brennholz in der angrenzenden Scheune ab. Eine andere Lagermöglichkeit, gibt es auf dem Gelände, wo das alte Fachwerkhaus steht, nicht.

Doch dann änderte das Jobcenter das Verfahren. Statt Geld gab es nur noch einen Bescheid, der den Anspruch bestätigt. Seither muss der Händler zunächst, ohne Geld zu bekommen, das Holz liefern und anschließend den Betrag vom Jobcenter einfordern. Diesen bürokratischen Aufwand, will aber nicht jeder Händler auf sich nehmen.

Für Kleimann wurde es von da an immer schwieriger, einen Händler zu finden, der auch lieferte. Und der Preis stieg. Lieferung und vor allem das Abladen kosten nun. „Diese zusätzlichen Kosten wollte das Jobcenter aber nicht tragen“. Kleimann klagte dagegen und bekam recht.

Dies dauerte trotz angestrebten Schnellverfahrens von November 2018 bis 8. Januar 2019. Der neue Bescheid mit dem Datum 10. Januar 2019 wurde acht Tage später zugestellt. „Den regulären Bescheid vor der Heizperiode hatte ich nicht einmal bekommen.“

Doch als er den aktuellen Bescheid liest, ist er fassungslos. Dort steht wörtlich: „Auf Grund Ihres Antrages vom 14.09.2018 bewillige ich Ihnen zur Deckung des als angemessenen anzusehenden Heizbedarfs für die Dauer der kommenden Heizperiode eine Beihilfe von 8 Raummeter Brennholz inklusive Lieferung bis zur Höhe von max. 60,00 Euro.“

„Ich habe also Anspruch auf acht Raummeter Holz und die Lieferung zum Gesamtpreis von 60 Euro.“ Kein Wort von knapp 1.000 Euro, die allein das Holz kosten könnte.

Kleimann fühlt sich schikaniert. „Kein Händler wird mir dafür Holz geben. Die wollen mich fertig machen“, glaubt er. „Aber ich lasse mich nicht als Mensch zweiter Klasse behandeln“, gibt er sich kämpferisch und hat wieder seinen Anwalt eingeschaltet.

Die Temperatur in dem gedrungen wirkenden Raum mit seinen geschätzten zwei Metern Deckenhöhe ist laut Thermometer nach 30 Minuten Gasheizgebläse auf gerademal 10 Grad geklettert. Alle anderen Räume bleiben kalt.

Das Jobcenter Waldeck-Frankenberg wollte auf unsere Anfrage nicht antworten. Wir fragten lediglich, warum das Verfahren vor rund drei Jahren geändert wurde und ob der aktuelle Bescheid missverständlich formuliert sei. Doch statt einer Anwort, die den Grund erklären könnte oder das Missverständnis ausräumt, gab es nur den Hinweis: „Bei den von Ihnen erbetenen Auskünften/Stellungnahmen und Informationen handelt es sich um konkret personenbezogene Sozialdaten im Sinne des Sozialgesetzbuch 10 (SGB X), die nach dem 2. Kapitel des SGB X dem besonderen Schutz von Sozialdaten unterliegen.“

Kleimann befürchtet indes, dass sich das Hin und Her mit dem Jobcenter noch bis Ende des Winters hinziehen könnte.

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