„In 80 Prozent aller Fälle gibt’s Wodka“

Von ULF SCHAUMLFFEL und ANDREAS EINBOCK Kassel. Die Schreckensmeldungen ber Alkohlexzesse von Jugendlichen und Kindern reien

Von ULF SCHAUMLFFEL und ANDREAS EINBOCK

Kassel. Die Schreckensmeldungen ber Alkohlexzesse von Jugendlichen und Kindern reien nicht ab: Am Wochenende ist ein siebenjhriger Junge mit zwei Promille in die Intensivstation einer Berliner Klinik eingeliefert worden. Und eine Statistik belegt: ber 23.000 Teenies zwischen zehn und 20 Jahren wurden allein im Jahr 2007 mit Alkoholvergiftung stationr in Krankenhusern behandelt, fast 1500 davon in Hessen. Tendenz steigend. Ralf Hohmann schockiert jeder neue Fall. Als Geschftsfhrer einer Offenbacher Testkauf-Agentur ist er mit einer der Ursachen konfrontiert: Jugendliche kommen viel zu leicht an Alkohol.Mit einem verschmitzten Lcheln luft Giuliano Hierl die Treppenstufen eines Kiosks herunter. In der Hand hlt er eine Flasche Wodka. Ja, da haben wirs wieder. So einfach luft das. Nicht einmal nach dem Ausweis hat sie gefragt, kommentiert Ralf Hohmann den erfolgreichen Testkauf, bevor ihm Giuliano die hochprozentige Beute bergibt.Der 16-Jhrige verdient sich seit zwei Jahren sein Taschengeld als Testkufer. Als er zehn Jahre alt war, wurde er durch den Alkoholmissbrauch seines Freundes, der sich 5,2 Promille aus Apfelkorn und Bier angetrunken hatte, mit dem Thema konfrontiert. Seine erstes Bier trank Giuliano schon vor zwei Jahren. Ich kenne meine Grenzen. Aber viele Kumpels an der Schule kippen sich alles Mgliche rein ohne zu schlucken. Das ist einfach widerlich. Durch das Trinken ohne Schlucken knnten Jugendliche innerhalb krzester Zeit mehr Alkohol aufnehmen als sonst blich. Auerdem wirkt er schneller.Unverstndnis hat auch Ralf Hohmann, allerdings fr die Ordnungsmter und die deutschen Gesetze.Da wird berhaupt nicht kontrolliert. Anstatt unsere Jugend zu schtzen werden teure Sicherheitsdienste und externe Firmen engagiert, die haufenweise Knllchen verteilen. Mit Verkaufskontrollen wrden die wesentlich hhere Bugelder eintreiben und gleichzeitig die Jugend besser schtzen, sagt der 44-jhrige Frankfurter.

Schulungen sind erfolgreich

Jugendliche als Testkufer losschicken darf das Ordnungsamt aber nicht. Die Mglichkeit sogenannter Testkufe durch behrdlich eingesetzte Minderjhrige ist rechtlich nicht zulssig. Eine entsprechende Gesetzesnderung des Bundesministeriums (BMFSFJ) blieb im Ansatz stecken; sie wurde abgelehnt. Wir haben 12 Ordnungspolizeibeamte, die wochentags zwischen 8 und 24 Uhr und samstags zwischen 11 und 24 Uhr im Rahmen ihres Streifendienstes auf den Straen und auf ffentlichen Pltzen Jugendliche auf Alkohol kontrollieren, so Gnter Boll, Leiter der Verkehrsberwachung beim Kasseler Ordnungsamt, zu dem auch der Bereich Vollzugsdienst gehrt. So ist es wohl eher Zufall, wenn die Beamten Alkohol bei Jugendlichen entdecken.

Ralf Hohmann wird dagegen fast immer fndig. Tglich beweist er, dass der Kauf von weichen, aber auch harten Alkoholika ein Kinderspiel ist. Am Anfang ist das immer eine Katastrophe. In 80 Prozent der Flle bekommen die Jugendlichen vllig problemlos Schnaps. Nachdem die Kunden mit diesen Ergebnissen sensibilisiert sind, schulen sie ihre Verkufer. Fast immer ist das so erfolgreich, dass wir dort nichts mehr verkauft bekommen, beschreibt Hohmann sein Konzept.Das wendet der Geschftsfhrer bei etwa 2000 Testkufen im Monat an. Sein Team aus vier Erwachsenen und 16 Jugendlichen schickt er bei 186 Discountern, Grohndlern und Lden in Frankfurt, Offenbach, Saarbrcken, Offenburg, Mnchen, Bayreuth und Kassel zum Einkauf. Giuliano hat da schon einiges erlebt: Einmal hat eine andere Verkuferin fr mich eine Flasche gekauft. Das Verrckteste war aber ein Verkufer, der seine Kollegin an der Kasse zur Seite schob, mir den Wodka verkaufte und dann sagte, verdirb dem Jungen nicht sein Wochenende.Dass er auf den Shoppingtouren nie allein unterwegs ist, darauf legt Testkauf-Inhaber Hohmann groen Wert. Deshalb versteht er auch nicht, warum die Bundesgesundheitsministerin mit ihrem Vorschlag scheiterte, derartige Kontrollen flchendeckend einzufhren.Ursula von der Leyens Plan wurde vor zwei Jahren vom Einzelhandel und vom Kinderschutzbund als unverhltnismig und moralisch verwerflich abgestempelt. Vlliger Quatsch. Die Ware wird wieder beim Kunden abgegeben, die Kinder werden betreut und sie sind auch nie allein unterwegs. In anderen Lndern geht es doch auch, sagt Hohmann. In der Schweiz oder Norwegen sei das schon lngst normal.

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Stellungnahme des Kasseler Jugendamtes zum Verkauf von Alkoholika an Jugendliche:

"Das Jugendamt sieht im Dialog mit den Eltern, der Gastronomie, denLebensmittel- und Getrnkemrkten, den Tankstellen und Kiosken einen wichtigen Beitrag zu mehr Mitverantwortung bei der Abgabe von Alkoholika an Jugendliche sowie zu einer konsequenteren Einhaltung der Jugendschutzvorschriften.

Es ist seit Jahren gngige Praxis des Jugendamtes bzw. des Jugendschutzes, jedem Hinweis nachzugehen, der auf einen Versto gegen die Jugendschutzbestimmungen hindeutet. Dies geschieht insbesondere bei Versten im Zusammenhang mit der Abgabe bzw. dem Verkauf von Alkoholika an Kinder und Jugendliche.Das Jugendamt und die Ordnungsbehrden kooperieren zu diesem Zwecke eng miteinander. So wurde bisher jeder Hinweis zum Anlass genommen, ein persnliches Gesprch mit dem Geschftsfhrer bzw. dem verantwortlichen Personal zu fhren. Leider sind fast alle eingehenden Hinweise anonym oder wenig konkret, sodass im ordnungsrechtlich verwertbaren Sinne ein Versto nicht nachgewiesen und damit ein Bugeldverfahren nicht eingeleitet werden kann.

Von Seiten des Jugendamtes wurde eigens zum Thema *Abgabe bzw. Verkauf von alkoholischen Getrnken an Jugendliche* ein Informationsbrief Jugendschutz verfasst und an alle Kasseler Lebensmittelgeschfte, Gaststtten, Tankstellen und Kioske versandt. Zudem wurden bei besonderen Problemlagen * wie beispielweise im Fall der Goetheanlage bereits 2007/2008 * alle Lebensmittelgeschfte, Tankstellen und Kioske im erweiterten Umfeld persnlich aufgesucht und Gesprche mit den verantwortlichen Personen gefhrt.

Die Mglichkeit sogenannter Testkufe durch behrdlich eingesetzte Minderjhrige ist rechtlich nicht zulssig. Eine entsprechende Gesetzesnderung des Bundesministeriums (BMFSFJ) blieb im Ansatz stecken; sie wurde abgelehnt. * 28 Abs. 4 JuSchG (Jugendschutzgesetz) lsst nach wie vor keine Testkufe zu.

Jugendliche unterlaufen die Bestimmungen des Gesetzes auch dadurch, indem sie ber 18-jhrige aus ihrer Gruppe bitten, alkoholische Getrnke fr sie zu kaufen. Dies ist fr das Verkaufspersonal nicht immer ersichtlich.

Wie schnell sich Jugendliche zudem auf eine vernderte Situation einstellen, zeigt sich bei den Mixgetrnken. So bringen sie hochprozentige selbstgemixte Getrnke zu ihren Treffpunkten mit, statt hoch besteuerte und dadurch teure Alkopops zu kaufen.

Die Erfahrung des Jugendamtes hat gezeigt, dass sich der berwiegende Teil der Betreiber von Lebensmittel- und Getrnkemrkten sowie Kiosken an die Jugendschutzbestimmungen hlt und ber die einschlgigen Jugendschutzinformationen informiert ist. Es fllt dem Personal gerade in Tankstellen jedoch schwer * zudem hufig allein * am Abend einer Gruppe Jugendlicher den Verkauf von Alkohol zu verweigern. Die Angst, in eine Konfliktsituation zu geraten, ist gro.

Mit dem Projekt FRESH der Drogenhilfe Nordhessen e.V. ist das Jugendamt der Stadt in diesem Jahr verstrkt dabei, gezielt die Kinder und Jugendlichen im ffentlichen Raum anzusprechen, die durch einen riskanten Alkoholkonsum auffallen. Neben der kritischen Reflektion des Konsumverhaltens, der Vermittlung von Risikokompetenz und der Motivation zur Suchtmittelreduktion verfolgt das Projekt das Ziel, bei ersten Anzeichen fr eine Suchtgefhrdung so frh, so schnell und so effektiv wie mglich die notwendigen Hilfen zur gesundheitlichen und sozialen Stabilisierung einzuleiten.Das Projekt kooperiert eng mit der Jugendhilfe, dem Ordnungsamt, der Polizei, den Schulen und dem Jugendschutz.

Bei Kindern und Jugendlichen, die im ffentlichen Bereich vom Ordnungsamt, der Polizei oder des Jugendschutzes alkoholisiert angetroffen werden, erhlt der Jugendschutzbeauftragte des Jugendamtes eine Mitteilung. Diese Mittelung wird zum Anlass genommen, die Eltern durch einen Elternbrief hierber zu informieren, mit der Bitte, das Konsumverhalten ihres Kindes kritisch zu hinterfragen, und dem Angebot, sich hierbei Rat und Untersttzung bei der Fachstelle *FRESH* zu holen."

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