Schuld und Versagen im Fall Wilke Wurstwaren

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Todesfälle durch Keime in Wurst

Wilke Wurstwaren in Berndorf hat schmutzig gearbeitet, immer wieder und trotz Strafen, die „empfindlich“ gewesen sein sollen. Darum konnte die Gammelwurst immer wieder auftauchen.

Twistetal - Der Geschäftsführer muss hoffentlich bald erklären warum. Er ist verantwortlich für wiederkehrende Verstöße, fragwürdige Eigenkontrollen und mangelhaftes Handeln. Dies soll offenbar sogar mit Absicht geschehen sein. Das Hessische Ministerium für Verbraucherschutz: „Es muss eher davon ausgegangen werden, dass mit krimineller Energie gearbeitet wurde.“ Das sagt auch der Landrat: „Das Unternehmen hat sich, trotz Kontrollen, Geldbußen und Auflagen über Vorschriften hinweggesetzt und Behörden bewusst getäuscht.“

Das Unternehmen ist seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. Schlamperei bei den eigenen Kontrollen, Verschweigen von Listerienfunden und bauliche Problemen, die nicht, wie gefordert, beseitigt wurden, stehen als Ergebnis in den Berichten der Behörden.

Kritik am Landkreis

Das Ministerium geht aber noch weiter und kritisiert auch die Kontrollleistung des Landkreises, die nicht dem entspricht, was sich das Ministerium im Nachhinein gewünscht hätte. Kommunikationsprobleme, Fehleinschätzungen und zu wenige Kontrollen muss sich der Landkreis demnach vorwerfen lassen. „Wir wissen, dass es auf allen drei Ebenen (Ministerium, Regierungspräsidium und Kreis) Fehler gegeben hat und wir sind bereit – zum Schutz der Verbraucher – die Lebensmittelüberwachung gemeinsam weiter zu verbessern, um auch das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen“, betont Landrat Dr. Reinhard Kubat. „Der Fokus sollte nicht auf gegenseitigen Schuldzuweisungen, sondern auf den richtigen Schritten für die Zukunft liegen.“

Schon 2010 gab es erstmals nachgewiesene Listerien in Produkten des Wurstherstellers Wilke

Schon 2010 gab es erstmals nachgewiesene Listerien in Produkten des Wurstherstellers Wilke. Weil diese unter dem gesetzlichen Grenzwert lagen, wurde die Firma lediglich angewiesen die Kontrollen zu verstärken. Weitere Proben auch durch den Landkreis waren danach unauffällig. 2014 war die Task Force Lebensmittelsicherheit bei Wilke Wurstwaren in Berndorf. Ende 2013 wurde in verschiedenen Rohwürsten Salmonellen festgestellt. Weil die schon damals vorhandenen baulichen Mängel keinen Einfluss auf die Zulassung des Betriebes hatten, war der Fall für das Regierungspräsidium Kassel erledigt, somit auch für den Landkreis. Doch der hätte nachhaken müssen, sagt jetzt das Ministerium.

Seit 2015 gab es mehrere anonyme Hinweise

Zwischen 2015 und 2017 ließ der Kreis die Firma Wilke planmäßig kontrollieren. Wieder fielen hygienische und bauliche Mängel auf, deren Behebung durch den Landkreis überwacht wurden. Zwischen 2015 und 2019 gab es vereinzelt anonyme Hinweise zur Hygiene bei der Firma Wilke. Diesen ist der Landkreis nach eigener Aussage gründlich und umfassend nachgegangen. „Diese Beschwerden erwiesen sich jedoch als unbegründet“, so der Landkreis. Allerdings sind bei den fünf Kontrollen, die in 2018 stattfanden, wieder hygienische und bauliche Mängel festgestellt worden. Diese wurden in den Kontrollberichten festgehalten, aber nicht geahndet.

Zu wenige Kontrollen

Zwischen Mai 2018 und Mai 2019 kam es auch zu Listerienfunden in Proben der Firma Wilke, die das Unternehmen zunächst verschwieg, so der Landkreis. Laut Ministerium hätte zu dem Zeitpunkt ein Betrieb wie Wilke jährlich 12 Pflichtkontrollen und zusätzlich außerplanmäßigen Kontrollen sowie Nachkontrollen unterzogen werden müssen. „Aufgrund eines Fehlers des Landkreises ist die Firma auf ein dreimonatiges Kontrollintervall herabgesetzt worden“, erklärt das Ministerium.

Rückrufe in 2019

Im März 2019 wurde in Hamburg in Wilkes Pizza-Salami Listerien nachgewiesen. Das Unternehmen meldete dies zunächst nicht an den Landkreis und erhielt dafür ein Bußgeld, durfte die Ware aber mit einem internen Rückruf still und leise vom Markt nehmen. Im April 2019 folgte der nächste interne Rückruf. Diesmal fanden sich Listerien in Wilkes Frischwurst in Baden-Würtemberg. Wilke durfte weiterproduzieren. Nach den Listerienfunden ließ der Landkreis verstärkt Umgebungsproben nehmen. Produktproben blieben aus. Eine Meldung an das Bundesinstitut für Risikobewertung erfolgte deshalb auch nicht. „Ob die von der Firma Wilke genommenen Proben an das Bundesinstitut weitergeleitet wurden, ist dem Landkreis nicht bekannt“, heißt es dazu von Kreisseite.

Unternehmen kriegt Probleme nicht in den Griff

Im Mai wie im August stellt der Landkreis gravierende hygienische Mängel fest und bauliche, die das Unternehmen nicht in den Griff bekommt. Im August wird zudem die Wahrscheinlichkeit groß, das Wilke Wurst für einen Listerienausbruch in sechs Gesundheitseinrichtungen verantwortlich ist. Diese Meldung des Bundesamtes bleibt allerdings ein Woche im Ministerium von Priska Hinz ohne Wirkung liegen. Erst ab dem 20. August 2019 arbeiten Ministerium, Regierungspräsidium und Landkreis enger zusammen. Von da an wird so häufig es machbar ist, geprüft und kontrolliert.

Keine Vertrauen mehr in den Wurtshersteller

Im September 2019 muss das Vertrauensverhältnis zwischen Fachaufsicht und dem Wursthersteller so zerrüttet sein, das der Landkreis eine unangekündigte Kontrolle sogar ohne das sonst übliche Vorgespräch mit der Geschäftsführung durchführte. Allerdings wurde dabei auch das Regierungspräsidium und das Landeslabor ausgebootet, die eigentlich mit prüfen wollten. Danach erfolgte ein Informationsaustausch über die vorgefundenen Zustände zwischen RP und Landkreis, der ebenfalls in der Kritik steht.

Unternehmen zeigt sich nicht kooperativ

Der Sachstandsbericht des Landkreises zeigt aber auch die Uneinsichtigkeit bei der Wilke-Geschäftsführung: „Trotz intensiver Bemühungen war die Firma Wilke nicht bereit, die betreffenden Produkte (die vor dem 5. September 2019 produziert wurden), freiwillig vom Markt zu nehmen. Eine Woche später droht der Landkreis mit einer schriftlichen Verfügung. Daraufhin ruft die Firma bestimmte Produkte zurück. Zwischenzeitlich erfolgten Reinigungen und Desinfektionen. Erhöhte Listerienwerte bleiben dennoch an den Schneidemaschinen nachweisbar. Der Betrieb muss nach Anweisung des Landkreises am 1. Oktober schließen, kurz zuvor hatte das Robert-Koch-Institut den Zusammenhang eindeutig von Wilkeprodukten und dem Listerienausbruch herstellt, der auch mutmaßlich drei Todesopfer forderte.

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