Sebastian (13) trinkt zu viel

Viele Jugendliche glauben Alkohol ausprobieren zu mssenKreis Kassel. Sebastian (Name von der Redaktion gendert) ist auf Klassenfahrt und h

Viele Jugendliche glauben Alkohol ausprobieren zu mssen

Kreis Kassel. Sebastian (Name von der Redaktion gendert) ist auf Klassenfahrt und hat zuviel getrunken. Er torkelt und bergibt sich. Die Nacht wird turbulent fr alle. So was passiert - auch wenn die Verbote und Regeln bekannt sind, die blichen Vorsichtsmanahmen getroffen wurden, berichtet Udo Reining, Abteilungsleiter der Ambulanten Jugendhilfe im Jugendamt des Landkreises Kassel. Viele Jugendliche glauben Alkohol ausprobieren zu mssen und wollen hierbei ihre Grenzen kennen lernen, so Reining weiter.

Heute beginne der Alkoholkonsum immer frher. Reining: Sebastian ist 13 Jahre - man kann also noch in keiner Weise von jugendlichem Probierkonsum sprechen. Sebastians Lehrer sprechen seinen Alkoholkonsum an, auch der Leistungsabfall der letzten Monate war ihnen aufgefallen. Es kommt zu einem Gesprch mit dem Schulsozialarbeiter der Schule. Dabei wird deutlich: Es ist nicht dass erste Mal, dass Sebastian Alkohol konsumiert. Auch auerhalb der Schule nimmt er regelmig Hochprozentiges zu sich. Nach dem Gesprch mit dem Schulsozialarbeiter ist Sebastian einverstanden, dass Just in time bei ihm anruft.

Peter Geipel von der mobilen Drogenhilfe Nordhessen ruft bei Sebastian an. Beide verabreden sich zu einem Spaziergang in der Nhe von Sebastians Wohnort. Sie kommen ins Gesprch miteinander. Sebastian berichtet ber den stndigen rger zu Hause. Aus seiner Sicht kritisieren alle stndig an ihm herum, insbesondere der neue Lebensgefhrte der Mutter. Ein weiteres Gesprch findet statt. Dann folgt auch das gemeinsame Gesprch mit seiner Mutter und deren Lebensgefhrten.Sebastian hatte es nie ganz einfach und seine Mutter auch nicht mit ihm. Aber mittlerweile geht gar nichts mehr. Den Freund der Mutter lehnt er vollstndig ab. Hinzu kommt die Clique der lteren Freunde. Sebastian kommt nach Hause wann er will und Alkohol gehrt in der Clique fest dazu. Seine Mutter besttigt, dass sie bereits lnger ihren erzieherischen Einfluss auf Sebastian fast gnzlich verloren habe. Peter Geipel steht unter Schweigepflicht, aber mit Einverstndnis der Beteiligten kann er Kontakt zum Jugendamt des Landkreises Kassel aufnehmen. Wir sind, begnstigt durch die gute Vorarbeit und Vermittlung, schnell zu dem Schluss gekommen, dass fr Sebastian eine Hilfe auerhalb des familiren Rahmens notwendig ist, erlutert Reining die Vorgehensweise des Jugendamtes an diesem Beispiel.Sebastian zieht in eine regional vorhandene, auf Jugendliche mit Suchtmittelproblemen spezialisierte Jugendwohngruppe. Hier finden seine Ansprechpartner einen Zugang zu ihm und Sebastian gelingt es im Lauf der Zeit wieder besser Regeln, auch von Erwachsenen, zu akzeptieren. Ziel bleibt jedoch die Rckkehr nach Hause. Die regelmigen Besuche am Wochenende zu Hause lassen hoffen. Sebastian ist frhzeitig erreicht worden. Hilfen des Jugendamtes htten ansonsten vielleicht auch zwei oder drei Jahre spter eingesetzt. Reining: Aber Sebastian wre dann an einem anderen Punkt gewesen. Weiterer regelmiger Alkoholkonsum htte seine Suchtgefhrdung drastisch erhht. Schulisches Versagen, schlechte berufliche Perspektiven und dauerhafte familire Konflikte wren als deutlich wahrscheinlicherer Weg vorgezeichnet gewesen.

Bei Sebastian griff die Kooperation der unterschiedlichen Hilfeangebote frhzeitig ineinander: Sensibilisierte Lehrer, ein Schulsozialarbeiter, der vermitteln konnte und ein auf die Arbeit mit suchtmittelkonsumierenden Jugendlichen spezialisierter Sozialarbeiter, der in hohem Mae Zugang und Kontakt findet, sowie ein Jugendamt, dass durch die vorherige Beratung durch Just in time begnstigt und schnell die notwendige Hilfe einleitet.

Peter Geipel kommt wie seine Kollegin Marit Kraneis von der Drogenhilfe Nordhessen e.V. Beide fhren seit anderthalb Jahren das Frhhilfeprojekt Just in time fr suchtgefhrdete Jugendliche durch.

Just in time wurde in Zusammenarbeit zwischen dem Jugendamt des Landkreises Kassel und der Drogenhilfe Nordhessen e.V. konzipiert und luft seit April 2008 mit sehr gutem Erfolg, wie Reining besttigt. 73 Jugendliche im Landkreis Kassel, die in unterschiedlichsten Situationen mit riskantem Suchtmittelkonsum erwischt wurden, sind seitdem durch beide Mitarbeiter der Drogenhilfe kontaktiert, aufgesucht und beraten worden. Individuell passende Hilfen wurden nach diesem Beratungs- und Klrungsprozess eingeleitet.

Jugendliche haben in der Regel kaum Problembewusstsein beim Missbrauch von Suchtmitteln und wenden sich von selbst so gut wie nie an Beratungsstellen, wei Geipel. Deswegen ist gerade der aufsuchende Ansatz des Projektes Just in time zum Zeitpunkt der Erstaufflligkeit so bedeutsam. Geipel: Riskanter Konsum findet leider heute berall statt.Just in time lebt von der Zusammenarbeit mit allen Institutionen, die mit jugendlichen Suchtmittelkonsum zu tun haben. Kooperationspartner sind die Schulen, die Polizeidienstellen, die Ortsjugendarbeit in den Kommunen und die Kreiskliniken in Wolfhagen und Hofgeismar und das Jugendamt des Landkreises.Wnschenswert wre natrlich auch eine entsprechende aufsuchende Beratungsarbeit im ganzen Landkreis Kassel, so Reining. Allerdings sind hierzu die personellen Kapazitten der Mitarbeiter der Drogenhilfe nicht mehr ausreichend.

Alkohol und Cannabis sind bei den von Just in time betreuten Jugendlichen die bei weitem am hufigsten benutzten Suchtmittel, so Marit Kraneis von der Drogenhilfe Nordhessen. Der Gefhrdungsgrad der jungen Menschen, die mit Suchtmittelkonsum auffallen, sei sehr unterschiedlich. Kraneis: Manchmal reichen zwei oder drei aufklrende Gesprche vllig.Nicht jeder, der zu frhzeitig einmal Alkohol probiert hat, ist gleich auf dem Weg zur Sucht, betont die Suchtberaterin. Kommen aber frhes Einstiegsalter, belastende psychosoziale Lebensumstnde und hufiger Konsum zusammen, ist mit diesen typischen Risikofaktoren der Weg in die Sucht oft vorgezeichnet.Die mobile Drogenberatung im Landkreis Kassel Just in Time ist ber die Drogenhilfe Nordhessen e.V., Brgermeister-Laneus-Strae 1-2 in Hofgeismar, Tel.: 05671/50199, Mail: mobile.drogenberatung@drogenhilfe.com oder erreichbar. Weitere Informationen gibt es auch auf der Internetseite www.drogenhilfe.com.

Hintergrund:Von April 2008 bis Oktober 2009 wurden 73 Kinder, Jugendliche und junge Volljhrige, die mit unterschiedlichen Suchtmitteln auffllig wurden, von "Just in time" erreicht, betreut und gegebenenfalls weitervermittelt. Die Altersgruppe der beratenen Jugendlichen reicht von 12 - 22 Jahren. Ein Schwerpunkt sind hierbei die 14- und 15-jhrigen. Ab dem 17. Lebensjahr dominieren mnnliche Jugendliche beziehungsweise junge Erwachsene. Der Altersschwerpunkt der Mdchen lag bei den 14-15 jhrigen.Die Vermittlungen erfolgten hauptschlich ber das Jugendamt und die Schulsozialarbeit. Beratungsanlsse sind problematischer Alkoholkonsum, Cannabismissbrauch und Amphetamine. Bei der berwiegenden Zahl dieser Frhhilfebetreuungen erfolgt eine Weitervermittlung. Das Vermittlungsspektrum erstreckt sich, abhngig von der Problemlage, ber die rtliche Vereinsarbeit, die Drogenberatung, den qualifizierten Entzug in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wabern bis hin zu spezifischen ambulanten und stationren Jugendhilfemanahmen.

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