So kam die „Spanische Grippe“ über Korbach

Fürstliches Landesgymnasium heute Alte Landesschule Korbach) um 1913.
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Fürstliches Landesgymnasium heute Alte Landesschule Korbach) um 1913.

Der Erste Weltkrieg war noch nicht beendet, da zeichnete sich am Horizont bereits die nächste Katastrophe ab. Im Sommer des Kriegsjahres 1918 erreichte die als Spanische Grippe bezeichnete Pandemie auch Korbach.

Von Dr. Marion Lilienthal

Korbach. Der Erste Weltkrieg war noch nicht beendet, da zeichnete sich am Horizont bereits die nächste Katastrophe ab. Im Sommer des Kriegsjahres 1918 erreichte die als Spanische Grippe bezeichnete Pandemie, die im Ausland bereits tausende Todesopfer gefordert hatte, auch das Deutsche Reich. Weltweit forderte sie mehr Opfer als der Erste Weltkrieg etwa 17 Millionen). Die Spanische Grippe tötete in nur wenigen Monaten schätzungsweise 25 Millionen Menschen. Manche Quellen sprechen sogar von mehr Toten. Gegenüber anderen Grippewellen hatte sie die Besonderheit, dass besonders junge Menschen im Alter von 20 bis 40 betroffen waren. Die Sterberate wurde bei 2,5 vermutet, während sie bei anderen Influenza-Pandemien bei 0,1 lag.

Die Spanische Grippe erreichte im Spätherbst 1918 auch Korbach. Blieb die Kleinstadt von der ersten Welle im Frühjahr 1918 noch verschont, erreichte die zweite Welle Korbach mit voller Härte. Die Zahl der Todesopfer vervielfachte sich in kürzester Zeit. Während im Februar und Juni 1918 jeweils 5 Todesopfer zu verzeichnen waren, stieg die Zahl für November auf 31. Die Pandemie war hochansteckend und die Familien standen ihr schutz- und hilflos gegenüber.

Unter den Opfern befanden sich überdurchschnittlich viele Kinder, junge Frauen und Mütter. Die Menschen waren durch die Mangelernährung der Kriegsjahre geschwächt und hatten ihr nichts entgegenzusetzen. Viele litten an chronischer Unterernährung. Plötzliches hohes Fieber, verbunden oft mit einer blutigen Lungenentzündung führte bei vielen nach wenigen Tagen zum Tod.

Schnell erreichte die Pandemie auch das Umland. So berichtete die Waldeckische Landeszeitung am 6. Dezember 1918: „Mühlhausen […] Die Grippe mit ihren Begleiterscheinungen herrscht gegenwärtig in den ländlichen Orten unseres Kreises und fordert Opfer. So standen gestern in unserem kleinen Orte fünf Leichen zur Beerdigung. Hoffentlich erreicht diese schreckliche Krankheit endlich ein Ende.“

Seit Beginn des Ersten Weltkrieges füllten Todesanzeigen die Waldeckische Landeszeitung, doch waren es bisher noch die des „Heldentodes fürs Vaterland“, den die Soldaten in den Schützengräben starben. Das änderte sich 1918. Jetzt erlagen insbesondere junge Frauen, Männer und Kinder einem unsichtbaren Feind, der Spanischen Grippe.

Vermutlich brachten amerikanische Soldaten die Krankheit nach Europa, wo sie sich zunächst unter Soldaten, dann aber auch in der Zivilbevölkerung rasant ausbreitete. In den Schützengräben Europas starben wöchentlich tausende Soldaten an der Grippe, unhygienische Verhältnisse auf den Schlachtfeldern förderten die Ausbreitung. Lange Zeit wurden Meldungen bewusst unterdrückt, sollte die kriegsmüde und erschöpfte Bevölkerung am Ende des Ersten Weltkrieg nicht noch zusätzlich verunsichert werden. Glaubten doch noch viele an den Endsieg.

Preußische Gesundheitsbehörden schätzten, dass zwei von drei Bürgern erkrankten. Wenn auch die Zahl vielleicht hoch gegriffen erscheint, verdeutlicht sie doch das Ausmaß der Pandemie. Die Krankheit verlief heftig und kurz mit hohem Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen. Hinzu kamen Husten, Hals- und Rachenerkrankungen, Lungenentzündung sowie Nasenbluten. Sauerstoffmangel führte häufig zu einer bläulich-schwarzen Verfärbung der Haut. Manche zeigten nur schwache Symptome, während andere innerhalb weniger Tage verstarben. Als Nachwirkungen folgten dann oft noch wochenlange Müdigkeit und Erschöpfung, aber auch Depressionen und neurologische Funktionsstörungen.

Am 25. Oktober 1918 warnte die Waldeckische Landeszeitung: „Corbach, 24. Okt. Die Grippe greift in beängstigender Weise um sich. Leider sind auch die Fälle mit tödlichem Verlauf im Zunehmen. Folgende ärztliche Merksätze seien der Beachtung dringend empfohlen: 1. Die Grippe ist außerordentlich ansteckend und wird vornehmlich durch Anhusten und Anniesen übertragen. 2. Jeder Grippekranke gehört alsbald ins Bett! Bei schwerer Erkrankung empfiehlt es sich, sofort ärztliche Hülfe zu suchen. 3. Man meide – soweit wie irgend möglich, - das Zusammensein mit vielen Menschen in geschlossenen Räumen! 4. Einfachste Rücksicht auf die Mitmenschen muß es sein, sie nicht anzuhusten oder anzuniesen. Hand vor den Mund halten! Kopf abwenden!“

In Frankenberg war bereits am 19. Oktober zu lesen: „Die Grippe breitet sich auch in unserer Stadt immer weiter aus. Leider sind auch schon einige Todesfälle infolge der tückischen Krankheit zu verzeichnen.“ Während die Männer auf dem Schlachtfeld für das „Vaterland“ kämpften, starben ihre Kinder und Familienmitglieder, deren Beisetzung sie nicht einmal beiwohnen konnten.

Am 27. Oktober 1918 schrieb die Waldeckische Landeszeitung: „Corbach, 26. Okt. Auch in unserer Stadt breitet sich die Grippe immer mehr aus. Die Erkrankungen unter den Schulkindern nehmen einen solchen Umfang an, daß in einigen Klassen der Bürger- und Töchterschule mehr als die Hälfte der Kinder fehlte und daß die Schule auf einige Tage geschlossen wurde. Eine weitere Zunahme der Krankheit machte aber eine Verlängerung dieser Maßnahme bis vorläufig zum 4. November notwendig.“ Dabei war es im Oktober im Korbach klimatisch recht mild.

Am Montag, dem 4. November, wurde der Unterricht am Landesgymnasium und der Bürgerschule nur kurzzeitig aufgenommen. Wegen der zahlreichen Grippe-Erkrankungen mussten tags darauf die Schulen wieder geschlossen werden.

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