Der „Tante Emma Laden“

Waldeck-Frankenberg. Viele, vor allem ltere Leute beklagen, dass es kaum noch kleine Lden gibt, in denen sie ohne Hast einkaufen knn

Waldeck-Frankenberg. Viele, vor allem ltere Leute beklagen, dass es kaum noch kleine Lden gibt, in denen sie ohne Hast einkaufen knnen, die wohnungsnah gelegen sind und die ohne groe Wege den tglichen Einkaufsbedarf decken, persnliche Beratung und Kommunikation inbegriffen.

Die Altstdte sind - was die tgliche Versorgung anbelangt - zunehmend verwaist, Supermrkte und Discounter haben sich auf der grnen Wiese stadtnah niedergelassen und locken mit groen Parkpltzen und Superangeboten. Das Gros hat sich darauf eingestellt: vom Einkaufswagen in den Kofferraum. So ist der einst geliebte Laden um die Ecke zu einer aussterbenden Spezies geworden. Vor allem ltere Menschen in den Drfern leiden unter dieser Entwicklung, denn Supermrkte verirren sich uerst selten in Ortschaften unter 5.000 Einwohnern.

Im Landkreis Waldeck-Frankenberg gibt es noch Tante Emma Lden. Vereinzelt, aber sie trotzen der wachsenden Konkurrenz von Discountern und Einkaufszentren.

Einheimische verirren sich selten in den Laden

Gisela Degendorf betreibt den Laden in Meineringhausen, der schon eine mehr als hundertjhrige Tradition hat, seit neun Jahren. Es gibt Lebensmittel, Getrnke und Zeitschriften. Der grte Teil ist Laufkundschaft, morgens zwischen 6 und 8 Uhr ist richtig was los, denn viele LKW-Fahrer und Handwerker versorgen sich mit Tagesproviant. Manch einer verweilt am Stehtisch und geniet frischen Kaffee. Einheimische verirren sich selten in den kleinen Laden. Der Umsatz ist nicht ppig, es lohnt sich nur noch vormittags. Wir geben uns Mhe, solange es noch geht. Gisela Degendorf rechnet: Wenn jeder Dorfbewohner nur einmal pro Monat bei ihr einkaufen wrde, wre ihre Existenz gesichert und die Dorfgemeinschaft knnte knftig vom Laden um die Ecke profitieren.

Raukes Laden in Rhena gibt es schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts, damals ein kleiner Kolonialwarenladen mit begrenztem Sortiment. 1976 wurde ein Neubau erstellt und das Sortiment erweitert. Waltraut Rauch betreibt das Geschft und Schwiegervater Otto hilft gelegentlich noch mit. Der Kundenkreis kommt im Wesentlichen aus dem Dorf, bei der Lage des Ladens in der Dorfmitte ist Laufkundschaft die Ausnahme. Frische Brtchen Samstag morgens locken die Kunden besonders, und Rhenaer Hahnenfeuer, einen Kruterschnaps, gibt es nur bei Raukes. Reichtmer seien heute mit einem kleinen Dorfladen nicht mehr zu verdienen. Es reicht gerade. Otto Rauch (89) erinnert sich an bessere Zeiten. Ihn und seine Schwiegertochter verbindet die Hoffnung, dass die Leute aus dem Dorf weiter bei ihnen einkaufen, denn dort ist schlielich auch ein wichtiger Umschlagplatz fr Neuigkeiten.

Das kleinste Kaufhaus der Region

Das Sortiment ist faszinierend: Zeitschriften, Bcher, Andenken, Schreibwaren, Blumen und Gartenartikel, Werkzeuge, Eisenwaren, Textilien und Kurzwaren, Fotos, Geschenkartikel und Spielzeug. Bei Dietz am Marktplatz in Waldeck gibt es fast alles. Das kleine Warenhaus existiert seit 1971, die Firma ist seit 1913 im Ort ansssig. Kunden sind im Wesentlichen Einheimische, in den Sommermonaten kommen Touristen dazu. Insgesamt sind die Umstze rcklufig, Zeitschriften, Blumen und Schreibwaren laufen noch ganz gut. Karl Joachim Dietz befrchtet, dass das Geschft mit dieser Generation auslaufen wird. Wir sind noch mit Idealismus dabei, sonst geht es nicht. Und eins ist klar: ohne das kleine Warenhaus, wrde Waldeck ein Stck Originalitt verlieren.

Ein Dorf denkt um

Frauke Standtke betreibt den Lebensmittelmarkt in der Dorfmitte seit 2004 und bietet ein sehr breites Sortiment an. Der Laden in Berndorf stand im vergangenen Jahr knapp vor dem Aus. Nur von Artikeln, die die Kunden beim Einkauf in der Stadt vergessen haben, konnte ich auf die Dauer nicht leben, erzhlt Frau Standtke. Sie ging in die Offensive, informierte Presse und ffentlichkeit ber die Situation und verteilte Handzettel: mit durchschlagender Wirkung. Die Berndorfer haben offensichtlich erkannt, was sie an dem Laden haben, beziehungsweise, was ihnen fehlen wrde, wenn er nicht mehr da wre. Das Kundeninteresse ist seitdem stark gestiegen, und Frauke Standke plant sogar eine Erweiterung der Verkaufsflche.

Verein bernimmt

Einige Jahre lang gab es in Hringhausen keinen Lebensmittelladen mehr. Fr viele Brger und den Ortsbeirat ein Verlust an Lebensqualitt. Der Eigentmer der Metzgerei Krause aus Freienhagen konnte fr die Geschftsidee gewonnen werden. Man grndete einen Verein zur Frderung eines Lebensmittelmarktes. Durch private Darlehen kamen die Gelder fr die Einrichtung und das Warenangebot zusammen. Seit September 2006 gibt es wieder einen Markt. Der Geschftsbetreiber ist erfolgreich mit einem Bringdienst, vor allem ltere schtzen dieses Angebot. Ortsvorsteher Heinrich Figge sieht in der Einrichtung des Ladens ein Gemeinschaftswerk und einen wichtigen Schritt zur Steigerung der Wohnqualitt im lndlichen Raum.

Resteinkufer lohnen nicht

Gerhard Seebold hat in Frstenberg keine guten Erfahrungen gemacht. Fnf Jahre lang hat er alles gegeben und alles verloren. In seinem Dorfladen wurde es nach anfnglich gutem Start immer weniger, und von Resteinkufen und Brtchen am Wochenende konnte er nicht existieren.

Viele beklagen den Verlust von menschlicher Nhe und mangelnde bersicht im Angebot der groen Mrkte, sind aber wenig bereit, die Kleinen zu untersttzen. Fr die Gegenwart funktioniert das Supermarkt-System, solange die Meisten noch per Auto einkaufen knnen. Angesichts der zunehmenden beralterung der Bevlkerung wird vielen in den nchsten Jahren, deutlich werden, welcher Verlust an Lebens- und Wohnqualitt mit dem Aussterben der kleinen Lden einhergeht. Die persnlichen Erfahrungen aller Ladenbesitzer belegen, dass nur die Solidargemeinschaft der Anwohner deren Existenz und damit die Lebensqualitt der Menschen im Umfeld aufrechterhlt.

Die Weichen dafr, dass sie dies in Zukunft auch noch knnen, stellt letztlich jeder durch sein Kaufverhalten.

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