Im Wilke Wurstskandal geht es vor Gericht schon weiter

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Der Wilke Wurstskandal beschäftigt weiter die Behörden und die Justiz.

Während die Staatsanwaltschaft weiter gegen die Geschäftsleitung ermittelt, will Wilke Wurstwaren nach dem Listerienskandal erneut gegen die Schließung juristisch vorgehen. Der Landkreis Waldeck-Frankenberg gibt dem Ministerium derweil auf 40 Seiten Auskunft über sein Vorgehen.

Korbach - „Wir haben auf über 40 Seiten mit Anlagen nicht nur den Fragenkatalog des Ministeriums detailliert beantwortet, sondern insgesamt die Vorgänge und Fakten rund um die Firma Wilke zusammengestellt“, erläutert Landrat Dr. Reinhard Kubat. Der Landkreis Waldeck-Frankenberg hat heute den vom Hessischen Ministerium für Verbraucherschutz angeforderten Bericht zur Schließung der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren in Twistetal-Berndorf an Staatsministerin Priska Hinz per E-Mail gesendet.

Der Landrat verwahrte sich in diesem Zusammenhang gegen die in Teilen der Öffentlichkeit geäußerte Kritik an Lebensmittelüberwachung und Veterinärverwaltung. Er gehe davon aus, dass das Ministerium den Bericht in den nächsten Tagen akribisch durcharbeiten werde und es dann zu einem Treffen aus Ministerium, Regierungspräsidium und Landkreis komme, um eine gemeinsame abschließende Bewertung vorzunehmen und darüber zu sprechen, welche Konsequenzen notwendig seien.

Wilke Wurstwaren will erneut gegen die Schließung juristisch vorgehen

Gestern hat der Landkreis Waldeck-Frankenberg „überrascht und verärgert“ auf die ‚Ankündigung der Firma Wilke reagiert, erneut gegen die von ihm verfügte Schließung der Produktion zu klagen. „Wir haben die Schließung nach gründlicher Zusammenstellung der Fakten und in enger Abstimmung mit den anderen Behörden vorgenommen – und sind fest davon überzeugt, dass diese Entscheidung absolut notwendig war und korrekt vorgenommen worden ist“, erklärt Landrat Dr. Reinhard Kubat und fügte hinzu: „Wir werden uns daher zum Schutz der Bevölkerung mit allen zur Verfügung stehenden Fakten und Argumenten gegen eine Wiederaufnahme zur Wehr setzen.“

Die Firma Wilke hatte bereits am 10. Oktober beim Verwaltungsgericht Kassel einen Eilantrag eingereicht, mit dem sie sich gegen die durch den Landkreis WaldeckFrankenberg verfügte Betriebsuntersagung zur Wehr setzen wollte (Aktenzeichen 5 L 2504/19.KS).

Die 5. Kammer des Verwaltungsgerichts Kassel hat durch Beschluss vom 14. Oktober den Eilantrag der Firma Wilke abgelehnt. Der Landkreis habe korrekt gehandelt, da nachweislich gesundheitsschädliche Lebensmittel in Verkehr gebracht wurden.

Außerdem gebe es eine ungenügende Umsetzung des Hygienemanagements bei Wilke, was dem Gutachten der Task Force Lebensmittel vom 5. Oktober 2019 zu entnehmen sei.

Das reinste Chaos bei den Schlachtabfällen von Wilke Wurstwaren

Hervorgehoben wurde dabei, eine Kontrolle am 4. September 2019. Der Raum für war vor Kontrolle mit einem Bügelschloss verschlossen worden. Erst auf Drängen sei der Schlüssel vom Unternehmen ausgehändigt worden. Im dem Raum habe „das reinste Chaos“ geherrscht. Er war demnach gefüllt mit völlig vergammelter Ware, Schimmel, Fäulnis, Gestank. Am Boden befand sich eine stinkende Flüssigkeit. Durch diese Flüssigkeit fuhr das Unternehmen, nach den Spuren zu bemessen, mit einem Gefährt die Abfälle oder Ware nach draußen und auch in „reine Räume“.

Laut Pressemitteilung ist es für das Verwaltungsgericht nachvollziehbar, dass der Betrieb in seinem gegenwärtigen hygienischen und baulichen Zustand ideale Bedingungen für eine Vermehrung und Verbreitung von Listerien bietet. So erstaune es auch nicht, dass am 25. September 2019 vom Landesbetrieb Hessisches Landeslabor trotz einer durch die Veterinärbehörde am 20. September 2019 verfügten Grundreinigung und Desinfektion an zwei von fünf Slicern sowie dem Kutter erneut Listerien nachgewiesen worden seien.

Da eine konkrete Kontaminationsquelle trotz entsprechender Anordnungen bislang nicht mit der gebotenen Sicherheit festgestellt und damit auch nicht beseitigt werden konnten, bestünde bei einem weiteren Vertrieb die Gefahr, dass erneut kontaminierte Lebensmittel in Verkehr gelangten.

Vor diesem Hintergrund hat das Gericht keinen Zweifel daran, dass die getroffene Untersagungsanordnung und der angeordnete Rückruf nicht nur angemessen, sondern alternativlos sei, um erhebliche und schwerwiegende Gefahren für Leib und Leben einer Vielzahl von Menschen soweit wie möglich zu minimieren.

Die Entsorgung läuft und eine Lagerhalle von Wilke in Kaufungen ist Thema

Aktuell sind rund 320 Tonnen Ware der Firma Wilke zur Entsorgung freigegeben. Containerweise werden die Waren in Hüttenfeld bei einer Firma. Laut Umweltministerin Priska Hinz werden verpackte Warenanteile direkt in der Müllverbrennungsanlage Kassel verbrannt. „Wir müssen damit rechnen, dass die gesamte Entsorgung etwa zwei Wochen in Anspruch nehmen wird“, sagt Hinz. „Da gegen die Wilke-Geschäftsführung ermittelt wird, arbeiten wir bei der Entsorgung eng mit der Staatsanwaltschaft zusammen, damit mögliches Beweismaterial gesichert wird. Die Staatsanwaltschaft hat der Entsorgung der Ware zugestimmt.

Zudem ist dem Ministerium die Existenz eines weiteren Lagers in Kaufungen bekannt geworden, in dem die Firma Wilke Waren gelagert hat. Dort hat Wilke für die Auslieferung an Kunden Produkte zwischengelagert. Auch diese Informationen sind der Staatsanwaltschaft übergeben worden. Aufklärung hat für uns oberste Priorität.“

Task Force Lebensmittelsicherheit: Auszüge aus den Abläufen

Die Ministerin verwies auch nochmal auf den Bericht der Task Force Lebensmittelsicherheit, in dem nach bisheriger Erkenntnis im März 2019 das Veterinäramt in Hamburg Listerien bei Wurstwaren von Wilke nachgewiesen und die zuständige Lebensmittelkontrollbehörde in Waldeck-Frankenberg informierte. Die betroffene Ware, ist daraufhin zurückgerufen worden.

Der Kreis hat zudem Kontrollen durchgeführt und aufgrund von Verstößen gegen die Meldepflicht ein Bußgeld verhängt. Im April 2019 hat außerdem das Veterinäramt in Balingen (Baden-Württemberg) Listerien auf einem Wilke-Produkt festgestellt und die Behörden vor Ort informiert. Die betroffenen Produkte, sind umgehend zurückgerufen worden.

Es wurde zudem verordnet, dass der Betrieb eine Grundreinigung durchführen muss, die Mitarbeiter zum Thema Hygiene nachgeschult werden und die Produktprobenzahlen erhöht werden. Ein Verdacht auf Sigma 1 bestand zu diesem Zeitpunkt nicht. Als Mitte August der Verdacht aufkam, dass der Betrieb Wilke mit den Sigma 1 Krankheitsfällen in Verbindung stehen könnte, wurde durch Hessen veranlasst, dass die Probe aus Balingen noch einmal auf den Typ Sigma 1 analysiert wird. Diese Untersuchung führte letztlich am 16. September 2019 in Verbindung mit den epidemiologischen Erhebungen des Robert Koch-Instituts zu der Bestätigung, dass die Listerien, die deutschlandweit zu Erkrankungen und Todesfällen geführt haben, von Produkten der Firma Wilke stammen.

Mehr zum Fall: Tödliche Listerien in Wilke Wurstwaren

23.10.2019: Wilke Wurstskandal: Landkreis muss zahlen / Politisches Nachspiel und Protest

18.10.2019: Nach Wilke Wurstskandal: Insolvenzverwalter hat möglichen Käufer und kann Lohn für die Arbeiter herausholen

16.10.2019: Nach Wilke Wurstskandal: Interne Ermittlungen beim Landkreis sprechen Lebensmittelüberwachung frei

12.10.2019: Salamitaktik im Wilke Wurstskandal und alle vorangegangenen Meldungen dazu in der Übersicht am Textende

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