Zeitzeugen berichten über die Schrecken der Pogromnacht vor 80 Jahren in Frankenberg

Bei dem Gedenkrundgang wurden auch, wie alljährlich, sämtliche Stolpersteine in der Stadt Frankenberg gereinigt.
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Bei dem Gedenkrundgang wurden auch, wie alljährlich, sämtliche Stolpersteine in der Stadt Frankenberg gereinigt.

Bei einem Stadtrundgang haben die Frankenberger Edmund Völker und Fritz Neuschäfer berichtet, wie sie die Pogromnacht erlebt haben. Der Rundgang wurde auch genutzt um die Stolpersteine zu reinigen.

Frankenberg - Der SPD-Ortsverein Frankenberg hat anlässlich der 80. Jährung der Reichspogromnacht einen öffentlichen Stadtrundgang veranstaltet, bei dem den Opfern des NS-Regimes gedacht wurde. Unter den Opfern waren nicht nur jüdische Bürger, sondern auch der sozialdemokratische Widerstandskämpfer Karl Richter. Die Teilnehmer nutzten den Rundgang auch, um die Stolpersteine zu reinigen, die im Stadtgebiet vor den ehemaligen Wohnhäusern der Opfer in den Bürgersteig eingelassen sind. Unter den Teilnehmern waren auch zwei Zeitzeugen, die die NS-Ausschreitungen als Kinder miterlebt hatten.

„Sie schleppten die Gebetbücher aus der Synagoge über die Straße, stapelten sie auf einem Haufen und zündeten sie an“, erzählte der Frankenberger Edmund Völker. Er war 1938 vier Jahre alt, wohnte mit seiner Familie im Scharwinkel direkt neben der Fachwerksynagoge und beobachtete aus dem Fenster, wie SA-Leute in Uniform Möbelteile durch die Glasscheiben warfen.

Auch der 90-jährige Fritz Neuschäfer, der in seiner Kindheit noch mit jüdischen Nachbarskindern am Obermarkt gespielt hat, berichtete von den Übergriffen im November 1938. Er konnte sich aber auch noch daran erinnern, wie die letzten noch lebenden älteren Juden ihre Wohnungen verlassen und in der Synagoge zusammengepfercht leben mussten, bis sie 1942 nach Theresienstadt und von dort in die Todeslager deportiert worden sind.

Vor dem Haus Steingasse 20 nahm die Teilnehmergruppe den Stolperstein für Rudolf Dilloff zum Anlass, der Opfer aller Kranken- und Behindertenmorde der NS-Verbrecher zu gedenken. Schwer traumatisiert war Dilloff aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, ab 1920 Patient in der Heilanstalt Haina. 1940 brachten ihn die NS-Täter in der Euthanasie-Mordanstalt Brandenburg um.

Vor der Frankenberger Synagoge schilderten die Zeitzeugen Fritz Neuschäfer (Mitte, blauer Anorak) und Edmund Völker (hinter ihm), wie sie als Kinder die Ausschreitungen gegen die Juden erlebten.

Dass es damals für die durch viele NS-Schikanen bedrohten Frankenberger Juden immer noch christliche Nachbarn gab, die ihnen treu zur Seite standen, klang aus Zeitzeugenberichten der verstorbenen Geschwister Emmi und Maria Rindelaub, die am Haus Schmiedegasse 2 verlesen wurden. Ihre Mutter versorgte die Nachbarfamilie des Kaufmanns Moritz Marx, indem sie ihr nachts Körbchen mit Gemüse und Eiern auf den Hof stellte.

An der Gedenktafel für die NS-Opfer in Frankenberg in der Rathausschirn hatte zu Beginn Hendrik Klinge der kürzlich verstorbenen Sozialdemokratin Jutta Emde ehrend gedacht, die neben ihren vielen ehrenamtlichen Funktionen auch als Mitinitiatorin der Stolpersteine früher bei solchen alternativen Stadtrundgängen aktiv mitgewirkt hatte.

Das ehemalige Haus Dilloff in Frankenberg neben dem historischen Rathaus.

Bei dem anschließenden Kaffeetrinken im SPD-Parteibüro kritisierte die Landtagsabgeordnete Dr. Daniela Sommer, „dass Antisemitismus in unserem Land wieder salonfähig geworden ist“. Sie appellierte an alle Teilnehmer des Gedenkens, deshalb wachsam zu sein und nicht zu schweigen. „Das sind wir den Opfern schuldig.“

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