Ein Zirkus gestrandet in der Krise: Das Lebensmodell der Freiheitsliebenden kämpft mit den Auswirkungen der Pandemie

Zirkus Barelli
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Spender Herbert Kuhaupt und Harry Barelli im Gespräch.

Der 1703 gegründete Zirkus musste schon viele Schicksalsschläge wegstecken, doch die Corona-Krise könnte der letzte Kampf für das Traditionsunternehmen Barelli werden.

Burgwald - Von Günter Göge: Für ein wenig Luft beim Corona-geschädigten Zirkus Barelli sorgt der Korbacher Architekt Herbert Kuhaupt und spendete am Wochenende dem in Ernsthausen gestrandeten Familien-Unternehmen einen vierstelligen Geldbetrag.

„Ich hoffe, es wird Nachahmer geben“, sagte der 93-Jährige bei seinem Besuch. Denn bei täglichen Kosten von rund 1.000 Euro kommt der Zirkus auch mit der Spende nicht lange über die Runden. Die roten Glühbirnen sind ausgeknipst, die schweren Zugmaschinen abgestellt. Kamele und Pferde fressen eine Art Gnadenbrot. Auftreten verboten.

Der Stolz des Senior-Chefs: Zorro, der schwarze Hengst aus Spanien.

Seit sechs Monaten dürfen die Barellis nicht mehr ihr tägliches Brot verdienen. Und beim großen Verteilen der Milliarden-Programme stehen sie mit anderen Künstlern außen vor: Staatliche Unterstützung gibt es nicht. Das Lebensmodell dieser Freiheitsliebenden passt so gar nicht in das staatliche Paragrafensystem.

Es könnte der letzte Kampf der aus dem fränkischen Herbolzheim stammenden Familie Spindler werden. Der 1703 gegründete Zirkus musste schon viele Schicksalsschläge wegstecken. Er überlebte Kriege, überstand familiäre Katastrophen, wie den Tod der Seniorchefin Rolina oder den ungebremsten Absturz des Sohnes Timmy Barelli vom Hochseil. Die aktuelle Herausforderung aber könnte sich als zu stark erweisen.

Unvergessen: Harry Spindler-Barelli vor dem Garderobenwagen seiner verstorbenen Frau Rolina Barelli.

Die goldenen Zirkuszeiten sind ohnehin vorbei. Fernsehserien wie „Salto Mortale“ mit Gustav Knuth oder „Zirkus meines Lebens“ mit Luise Ullrich waren in den 70er Jahren noch beste Werbung für das fahrende Volk. Doch das Interesse schwand. Das 1.000-Mann-Zelt der Spindlers wurde auch vor Corona höchstens noch von 200 Personen besucht.

Senior-Chef Harry (63) musste den Tierbestand verkleinern. Elefanten und Löwen verschwanden aus der Manege. „Die sind im Himmel“, sagt Enkel Francesco. In ihrer Verzweiflung haben sie höchste Stellen angeschrieben.

Die mächtigen Zugmaschinen stehen still.

Den Bundespräsidenten etwa. Ein Dr. Aike Müller äußert „große Anteilnahme“. Eingreifen dürfe sein Haus nicht: zuständig sind Bund und Länder. Dr. Madeleine Martin vom Hessischen Umweltministerium spricht die dramatisch veränderten Freizeit-Beschäftigungen an. Insbesondere an Tieren gebe es kaum noch Interesse. Sie schlägt Schulprojekte als neue Einnahmequellen vor und empfiehlt, mit der Zahl der Tiere die Kosten zu verkleinern.

Ramona Barelli, Tochter des Senior-Chefs Harry Spindler-Barelli, zeigt das neu geborene Kamelbaby.

Doch die geliebten Tiere verkaufen? Zorro, den schwarzen Hengst zum Beispiel? Oder die Kamele, in deren Reihen sich ein neu geborenes Baby tummelt? Unvorstellbar. Die Spindlers, die voller Stolz den Künstlernamen Barelli führen, wollen kämpfen. Am Wochenende bieten sie weiter kostenlose Tierschauen im ehemaligen Betonwerk Noll in Ernsthausen an. Für das Kamelbaby werden Paten gesucht. Und die Familie würde sich darüber freuen, wenn sie in umliegenden Orten Freiluftarenen aufbauen dürften. Spenden sind willkommen, Kontakt: 0157 3281 8873.

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