Als Arzt auf dem Land: „Landtag Werra-Meißner" richtete sich an angehende Allgemeinmediziner

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Das Panorama hat schon mal überzeugt: Die Teilnehmer erhielten von Dr. Lars Kleeberg (rechts, WfG) ein Stückchen Werra-Meißner-Kreis, Rasen mit Mohnsamen.

Der Kreis wirbt ganz offensiv um Ärzte, die sich auf dem Land niederlassen wollen. Ein Infotag zeigte angehenden Allgemeinmedizinern nun, was es für Vorteile als Landarzt im Werra-Meißner-Kreis gibt.

Grebendorf. Wenig Infrastruktur, Patienten ohne Ende und keine Privatsphäre – die scheinbaren Nachteile beziehungsweise Klischees eines Lebens als Landarzt sind in vielen Köpfen verankert. Dass es aber vollkommen anders sein kann, das zeigte am vergangenen Freitag der „Landtag Werra-Meißner-Kreis” im Hotel Kochsberg in Grebendorf, organisiert vom Werra-Meißner-Kreis und der Philipps-Universität Marburg.

„Das Programm richtet sich vor allem an Ärzte in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin, aber auch an Studierende der Humanmedizin, es ist alles bunt gemischt”, sagt Jana Groth, Projektkoordinatorin von der Uni Marburg. In Hessen ist dieses Programm bisher einmalig, in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg habe man derartiges schon angeboten. Der Tag soll ausführliche Informationen zur Region sowie Einblicke in die Arbeiten der Hausärzte geben. „Wie von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht wurde, sind wir der familienfreundlichste Kreis Hessens. Und auch abseits davon haben wir viel zu bieten”, warb Landrat Stefan Reuß für die Region in der Mitte Deutschlands. So verwies er unter anderem auf die gute Infrastruktur, den erlebenswerten Naturraum und die vielseitigen Freizeitmöglichkeiten.

Auf diese Vorzüge der weichen Standortfaktoren ging anschließend auch Dr. Lars Kleeberg von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft GmbH ein. „Wir zeichnen uns aus durch einen guten Wirtschafts –, Lebens- und Erholungsraum. Sprechen Sie uns an, wir helfen Ihnen gerne zur gelungenen Integrierung”, so Kleeberg. Dazu gehöre auch das Integrieren von Partnern und Kindern, wenn sich Ärzte mit Familien im Kreis niederlassen. Jobsuche für Lebenspartner und Betreuungsmöglichkeiten für Kinder seien vor allem durch die größer werdende Zahl an weiblichen Medizinstudentinnen immer wichtigere Themen. Daher sei es auch wichtig, eine möglichst große Auswahl an flexiblen Arbeitsformen zu bieten.

Eine davon stellte Thomas Eckhardt (Bürgermeister Sontra) vor. Gemeinsam mit Herleshausen, Nentershausen und Cornberg hat man vor etwa zwei Jahren begonnen, die ärztliche Versorgung in kommunale Hand zu nehmen. „Im Verbund haben wir einen Standort gefunden für ein interkommunales Gesundheitsversorgungszentrum (iGVZ), das mehrere Gesundheitsanbieter unter einem Dach bündeln wird”, sagte Eckhardt und ergänzt: „Wir suchen Ärzte, die etwas bewegen und gemeinsam an einem Strang ziehen wollen.” Das „Leuchtturmprojekt”, das unterstützt wird vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration, wurde sogar für den Hessischen Demografiepreis 2019 nominiert. Wenn es konkret um eine Niederlassung oder Anstellung als Arzt geht, konnte Lisa Probst von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen Auskunft geben. Einen weiteren Einblick in die praktische Arbeit erhielten die Teilnehmer am Nachmittag dann bei der Exkursion in die Praxen von Sigrun Kazalla (Eschwege) und Dr. Oliver Kühlke (Bad Sooden-Allendorf). Anschließend waren die Ärzte in Weiterbildung zu einer Praxisbörse und zum Erfahrungsaustausch eingeladen.

Das sagen die Teilnehmer

Der Kreis möchte nicht nur allgemein Studenten und Ärzte für die Niederlassung im Kreis ansprechen, sondern auch gezielt Studierende, die zwar aus dem Kreis kommen, aber für das Studium wegzogen sind, von einer Rückkehr überzeugen. So wie Jana Schmidt, ursprünglich aus Datterode, wegen des Studiums nach Magdeburg gezogen. „Ärztin hier auf dem Land zu sein, ist auf jeden Fall eine Perspektive. Teilweise habe ich bereits Praktika hier absolviert. Für Nachwuchsmediziner im Hintergrund der heute aufgezeigten Perspektiven ist es auf jeden Fall interessant”, sagt sie. So ähnlich sieht es auch Stefan Schäfer, der, ursprünglich aus Bad Sooden-Allendorf stammend, derzeit in Göttingen wohnt und in Northeim arbeitet. „Wenn man Beruf und Familie gut vereinen will, geht das hier sehr gut, vor allem im Hinblick auf die Zukunft”, sagt der Arzt in Weiterbildung. In die Region verliebt hat sich auch schon Stephan Kamm aus Gießen. „Ich habe bereits einige Wochen während meines Studiums im Klinikum in Eschwege auf der Inneren, der Geriatrie und der Psychiatrie verbracht. Sofort habe ich mich mit allen gut verstanden und mich in Eschwege verliebt”, sagt er.

Wertschätzung ist das A und O

Im Rahmen des „Landtags Werra-Meißner”, an dem Ärzte in Weiterbildung und Medizinstudenten über die Perspektiven auf dem Land informiert wurden, erzählten auch zwei niedergelassene Hausärzte über ihre Erfahrungen. Dr. Klaudia Ress hat seit 21 Jahren in Hessisch Lichtenau eine Einzelpraxis. Sie ist im Werra-Meißner-Kreis „gestrandet”, wie sie sagt. „1994 kam ich aus Baden-Württemberg nach Witzenhausen, um dort am Klinikum ein Notarztsystem aufzubauen. Ich dachte, danach gehe ich wieder zurück”, erzählt sie. Dann ist sie allerdings mit anderen Hausärztin ins Gespräch gekommen und geblieben. „Und habe es nie bereut”, so Ress, die in Hessisch Lichtenau auch ihren Mann kennenlernte.

Dr. Jan Purr und Dr. Klaudia Ress sind seit Jahren niedergelassene Hausärzte.

Ähnlich geht es auch Dr. Jan Purr, der seit 17 Jahren eigenständig als Arzt in Großalmerode tätig ist. Als Sohn und Enkel eines Arztes sei er quasi in der Arztpraxis aufgewachsen. „Es ist eine Generationenpraxis, die ich übernommen habe”, sagt er. Und das aus originären Gründen. So ist er schon in vielen Orten gewesen, unter anderem Wien, Aachen, Giessen und einige Jahre in Liverpool, letztendlich zog es ihn aber doch wieder in die Heimat. „Das war alles schön und nett, aber irgendwann kam dann die Frage, wo will ich hin und wo möchte ich leben”, erzählt Purr. Viel habe sich in den letzten Jahren am Image des Landarztes gewandelt. Arbeitszeiten seien flexibel planbar und durch Schichten mit der Freizeit vereinbar. Auch kann man den Patienten deutlich machen, dass man auch mal Privatsphäre braucht. „Bei mir kann es schon vorkommen, dass ich Patienten an der Käsetheke behandle”, merkt Ress mit einem Schmunzeln an. Als Frau weist sie auf die Vorteile hin, die sich in den letzten Jahren ergeben haben. So müsse man zum Beispiel mit kleinen Kindern nicht unbedingt nachts im ärztlichen Bereitsschaftsdienst (ÄBD)arbeiten oder seinen Wohnort in Praxisnähe haben. Auch ein Konkurrenzverhalten sei im Kreis unüblich, alle arbeiten gut und kollegial zusammen.

„Auch der ÄBD und das Thema Regress dürfen nicht unterschätzt werden, das System muss verstanden werden und Regeln müssen eingehalten werden. Aber wenn Sie diese akzeptieren, dann ist es ein super Job. Ich kann nur sagen, machen Sie es”, so Purr. Beide Ärzte sind sich über den großen Vorteil eines Landarztes einig: Die Wertschätzung, die sie immer wieder von den Patienten erfahren. „Hier kann ich Menschen behandeln, keine Krankheiten”, sagt Ress. Und auch Purr stellt klar. „Wir sind Profis, die ihre Patienten kennen und das eben meist über Generationen hinweg.”

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