„Diese Hundemarke wurde mir zu blöd“

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Diskussions- und streitfreudig: Ruth Krueger bei ihrer Lesung in Eschwege. Fotos: Winter

Ehrlich, gefühlvoll und schonungslos: Holocaust-Überlebende Ruth Klüger beeindruckt in EschwegeEschwege. Ihr Alter merkt man Ruth Klüger nicht an,

Ehrlich, gefühlvoll und schonungslos: Holocaust-Überlebende Ruth Klüger beeindruckt in Eschwege

Eschwege. Ihr Alter merkt man Ruth Klüger nicht an, wenn sie liest, wenn sie spricht und wenn sie die Menschen mitnimmt in die dunkelsten Jahre deutscher Geschichte. In die Jahre ihrer Kindheit, in die Jahre von Ausgrenzung und Verfolgung, Leid und Tod, die sie durchlebt und durchlitten hat. Ruth Klüger überlebte den Holocaust, war in Auschwitz, und schrieb mit über 60 Jahren ihre Kindheitserinnerungen in ihrem Buch "weiter leben. Eine Jugend" auf. Die in Amerika lebende Literaturwissenschaftlerin wurde mit Preisen überhäuft, hält Lesungen vor großem Publikum in den Metropolen Europas und war am Dienstag dank der Initiative von Jochen Schweitzer und Lutz Schaub zu Gast in Eschwege. Nachdem sie sich in das Goldene Buch der Stadt eintrug, las sie gestern Abend in der Anne-Frank-Schule aus ihrer preisgekrönten Biografie.

Ruth Klüger war ein halbes Jahr vor Hitlers Einmarsch eingeschult worden. Ihre Heimatstadt Wien wurde für das kleine Mädchen zum Gefängnis. "Mit Judenstern hat man keine Ausflüge gemacht. Fahrradfahren oder Schwimmen lernen war nicht möglich. Juden und Hunde waren allerorts unerwünscht", beschreibt sie ihre ersten Erfahrungen mit dem Nazi-Regime.

,Im Stall, der zum Schlachthof gehörte'

Mit zwölf Jahren wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert. "Dem Stall, der zum Schlachthof gehörte – zu Auschwitz." Den Zug, der sie ins Vernichtungslager Ausschwitz brachte, bezeichnet sie als Rattenfalle. "Es ist nicht so, wie in Filmen zu sehen, dass für mehrere Menschen an der Fensterluke des Waggons Platz war – es war Platz für einen Menschen", schreibt sie. Eine alte Dame habe ihrer Mutter auf den Schoß uriniert. Sie, Ruth Klüger, das zwölfjährige Mädchen, habe damals nicht verstanden, warum ihre Mutter so ruhig darauf reagierte, jenseits von Zorn und Empörung. Angekommen in Auschwitz wollte sie weinen, doch die Tränen versiegten vor der Unheimlichkeit dieses Ortes. "Der Boden auf dem du stehst, will, dass du verschwindest – die Rampe von Auschwitz", beschreibt sie klar und schnörkellos ihr damaliges Empfinden.

Unbeschreiblicher Gnadenakt

Dass sie und ihre Mutter überlebten, verdankten sie einem Zufall – sie konnten dank der Hilfe einer Frau bei der Verlegung im Februar 1945 flüchten. "Das war ein unbeschreiblicher Gnadenakt dieser Frau, die nichts anderes wollte als einen anderen zu retten. Ich habe sie erlebt – die reine Tat. Und hatte eine Lebensverlängerung bekommen", schreibt Ruth Klüger.

Eine Lebensverlängerung, die die streitbare Frau nutzt, um Zeilen zu schreiben, wie man sie nur von ihr lesen kann. Die gegen Heldendenkmäler rebelliert, wie sie sagt. Die so bissige Sätze über ihren Ruhm sagt, wie: "Wenn eine Tierart ausstirbt, weil sie besonders intensiv gejagt wurde, werden die übrig gebliebenen Exemplare besonders gepflegt."

Die sich ihre eintätowierte Auschwitz-Nummer weglasern ließ, weil ihr es "zu blöd geworden war, den Eindruck zu erwecken, damit Schuldbewusstsein schüren zu wollen. Ich wollte diese Hundemarke nicht länger tragen."

Die Sätze sagt, wie: "Deutsch ist die Sprache der Täter, aber auch meine Sprache. Sie haben mir alles genommen, aber meine Sprache lasse ich mir nicht nehmen – außerdem kann ich sie besser als die Nazis."

Die sagt: "Es gibt nichts zu bewältigen. Das, was passiert ist, kann man nicht bewältigen. Das ist keine Vergangenheit, sondern das ist immer da."

Die Jahre ihrer Kindheit, die sie durchlebt und durchlitten hat. Am Dienstag wird Ruth Klüger 81 Jahre alt.

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