,Hier sah ich meine Mutter zum letzten Mal’

Hessisch Lichtenau-Hirschhagen. Blanka Pudler ist eine kleine Frau. Ihrem Gesicht sieht man das Leben an. Ihre Augen begegnen ihrem Gegenüber gütig

Hessisch Lichtenau-Hirschhagen. Blanka Pudler ist eine kleine Frau. Ihrem Gesicht sieht man das Leben an. Ihre Augen begegnen ihrem Gegenüber gütig und offen. Blanka Pudler ist Jüdin, 1929 in Budapest geboren. Am Freitag, 27. Februar - dem Holocaust-Gedenktag - war sie zu Gast in Hessisch Lichtenau. Einem Ort den sie bereits vor vielen Jahren kennenlernte. Doch damals kam sie als Zwangsarbeiterin und musste für acht Monate in der Munitionsfabrik Hirschhagen in bis zu drei Schichten arbeiten. Pudler ist auf Einladung des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, Zweigverein Hessisch Lichtenau in die Stadt zurück gekehrt um ihre Geschichte zu erzählen. Sich an die vielen grausamen Details zu erinnern, fällt der 82-Jährigen nicht leicht. Sie hat Freunde im Publikum, die sie auffangen. Sie nach solch einem Abend nicht allein lassen.

Blanka Pudler fängt an zu erzählen, von ihrer Kindheit, ihrer Familie. Der Ausdruck in den Augen der alten Dame wird schmerzlich während der Erzählungen. Die Ungarin erinnert sich: "Wir wurden mit heftigen Fußtritten aus unserem Zuhause getreten und auf einem Lastwagen ins Ghetto verschleppt. Wir hatten einen Hund. So ein liebes Tier, er lief solange hinter dem LKW her, bis er nicht mehr konnte. Ich hatte das Gefühl, dass er das einzige Wesen war, das Mitleid mit uns hatte." Aus dem Ghetto wurde die jüdische Familie mit vielen anderen in schmutzige Viehwagons verfrachtet und auf einer dreitägigen Fahrt nach Auschwitz gebracht.

Dort angekommen fanden die Selektionen statt. Der berüchtigte Dr. Josef Mengele, SS-Offizier sortierte mit, wie sich Pudler erinnert.

Grausame Wahrheit

"Hier sah ich meine Mutter zum letzten Mal." "Die Tage in Auschwitz waren schrecklich. Wir mussten uns den ganzen Tag in Fünferreihen für unzählige Zählappelle aufstellen. Im Sommer. Es gab keinen Schatten, mit nichts als Fetzen am Leib." Doch Blanka und ihre Schwester blieben am Leben und kamen Ende Juli nach Hessisch Lichtenau, Hirschhagen in das "Lager Vereinshaus". Die alte Dame erinnert sich, "sie haben Menschen zum arbeiten erwartet, keine Skelette", wie sie von den Wachposten verstand. Ganze quälende acht Monate blieb sie mit ihrer Schwester in Hirschhagen. Jeden Tag in Lebensgefahr, durch die hoch giftigen Chemikalien der Rüstungsfabrik. Folgen dieser Arbeit begleiten sie noch heute. Jeden Tag muss sie unzählige Tabletten schlucken. Die Chemikalien haben sie krank gemacht.

Der furchtbare Kampf ums Überleben ging für die zwei Schwestern weiter. Sie kamen nach Leipzig und wurden immer weiter verfrachtet. Bis sie sich schließlich auf einem "Todesmarsch" befanden. Zwei Wochen lang laufen. Keine Nahrung außer Sauerampfer und Rapsblüten vom Wegesrand. Kein Trinken. Leichen säumten ihren Weg. Wer zusammenbrach wurde erschossen, hörte man Pudler mit leiser Stimme sagen. Die kleine übrig gebliebene Gruppe wurde später von den Amerikaner befreit. "Wir wurden von ihnen ins Zuckerlager geführt. Die Soldaten schlitzen die Säcke auf und der Kristallzucker fiel auf uns herab wie ein Wasserfall." Doch die Amerikaner seien nicht auf die Menschenmassen vorbereitet gewesen.

Nach Kriegsende kamen die Russen und mit ihnen die Gewaltverbrechen. Der Krieg war vorbei. "Es hat Jahre gedauert bis wir mit dieser schrecklichen Vergangenheit leben konnten. Ich zittere heute noch vor Angst, wenn ich einen Schäferhund sehe." Mit Albträumen kämpft die Holocaust-Überlebende heute noch.

ZWISCHENRUF von Ines Vollmer

Von Angesicht zu Angesicht

Mit aller größtem Respekt schaue ich auf den Abend mit Blanka Pudler zurück. Meiner Meinung nach sollte jeder die Möglichkeit ergreifen sich die grausame Vergangenheit von Zeitzeugen erzählen zu lassen. Denn "kein Buch wird soviel ausdrücken können und bewirken wie ein Mensch, ein Gegenüber aus Fleisch und Blut", wie es Ute Wolfram-Liese, erste Beigeordnete aus Helsa richtig auf den Punkt brachte.

Deshalb finde ich es bewundernswert und auch von aller größtem Wert, dass Blanka Pudler trotz ihres hohen Alters die Kraft findet in Schulen zu reisen und ihre Geschichte wieder und wieder zu erzählen.Mein Kompliment an die Veranstalter und einen großen Dank auch an die Familie Jessen, die laut Veranstalter maßgeblich an der Organisation des Abends beteiligt war.Es ist von aller größter Bedeutung nicht die Augen vor dem Vergangenen zu verschließen. Aufklärung ist wichtig damit solch ein unfass­barer Albtraum nie wieder Realtität wird. Wie schloss Pudler ihre Erzählungen: "Ich warne die jungen Leute, dass sie auf den Frieden aufpassen. Es ist schrecklich sich gegenseitig zu hassen."

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Bad Sooden-Allendorf und Wahlhausen feiern gemeinsam das Jubiläum zum Mauerfall

Bis zum 18. November 1989, 6 Uhr, waren Bad Sooden-Allendorf und Wahlhausen durch eine Grenze getrennt. Dieses 30-jährige Jubiläum will man nun gemeinsam feiern.
Bad Sooden-Allendorf und Wahlhausen feiern gemeinsam das Jubiläum zum Mauerfall

Am Werratalsee in Eschwege soll eine „Deutsche Einheitsallee" entstehen

In diesem Jahr liegt der Mauerfall 30 Jahre zurück. Zu diesem besonderen Anlass möchte die Kreisstadt Eschwege gemeinsam mit der Kreisstadt Mühlhausen und dem …
Am Werratalsee in Eschwege soll eine „Deutsche Einheitsallee" entstehen

18.000 Euro Schaden und zwei verletzte Personen nach einem Unfall bei Sontra

Der Fahrer eines PKW übersah von Hornel kommend auf der B27 einen vorfahrtberechtigten PKW und stieß mit diesem zusammen.
18.000 Euro Schaden und zwei verletzte Personen nach einem Unfall bei Sontra

Anschließend noch mehr Diebesgut sichergestellt: Trio erbeutete vier iPhones im Eschweger Geschäft

Am gestrigen Nachmittag, um 14.29 Uhr, betraten zwei Täter den Telekom-Laden in der Eschweger Innenstadt und entwendeten dort vier Apple-IPhones im Wert von ca. 4300 …
Anschließend noch mehr Diebesgut sichergestellt: Trio erbeutete vier iPhones im Eschweger Geschäft

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.