Hier sprach einst Jacob Grimm

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Witzenhausen. Jürgen Rippel will die Stadtgeschichte Witzenhausens lebendig halten und möchte mit Jacob Grimm ein Museum an der Straße initiieren.

Witzenhausen. Jeder kennt sie, jeder liebt sie – die Märchen von Jacob und Wilhelm Grimm. Unsere Region ist mit ihren Sagenfiguren fest verknüpft.

Und so hat die Kirschen- und Universitätsstadt Witzenhausen auch ihre ganz eigene Grimm-Geschichte, ohne Frau Holle oder Rotkäppchen.

Vor 176 Jahren

Die dramatische Begebenheit ereignete sich in der eiskalten Nacht des 17. Dezember 1837 auf der Witzenhäuser Werra-Brücke: Die Brüder Wilhelm und Jacob Grimm waren in den Jahren 1829 bis 1838 an der Universität Göttingen als Professoren tätig.

Für eine Streitschrift gegen einen Verfassungsbruch des Königs von Hannover, König Ernst August I., wurden sie zusammen mit fünf anderen Professoren – Göttinger Sieben – gefeuert und Jacob sollte des Landes verwiesen werden. Genau dies begab sich in einer eisigen Nacht im Dezember auf der Witzenhäuser Werra-Brücke. In einer Kutsche wurde der ältere der beiden Brüder zum damaligen Zoll-Übergang gebracht, die Werra bildete die Grenze.

Dort erwartete das Gespann hunderte von Studenten aus Göttingen. Grimm sprach in seiner "Freiheitsrede" zu den Studenten und ging damit in die Geschichte der Stadt ein. Überliefert ist sein letzter Ausruf über den Marktplatz: "Vergessen sie mich nicht!" (siehe Artikel "Kein Märchen").

Und das will die Stadt auch nicht. So hat Jacob Grimm gestern Abend zum 176. Jahrestag seiner "Freiheitsrede" einen Ehrenplatz auf dem Witzenhäuser Marktplatz erhalten, als Skulptur und Erinnerung an das Geschehene. Ideengeben und Sponsor der Skulptur, Jürgen Rippel, enthüllte zusammen mit der Künstlerin Karin Bohrmann-Roth, Bürgermeisterin Angela Fischer und Uwe Arends (Kulturgemeinschaft) und Diana Brehm (Pro Witzenhausen GmbH) den neuen "Witzenhüsser" Jacob Grimm.

Die Idee: Ein Museum an der Straße

"Ich möchte die Geschichte unserer Stadt aufleben lassen und sie in einem Museum an der Straße, allen Menschen und Gästen Witzenhausens in Erinnerung rufen. Und es gibt noch zahlreiche Persönlichkeiten, die unsere Geschichte gekreuzt haben und die als Skulpturen ihren Platz an der Stelle erhalten könnten, an der sie auch gewirkt haben", so Jürgen Rippel. Er möchte mit Jacob Grimm einen Stein ins Rollen bringen und noch zahlreiche Mitstreiter finden.

Für neue "Museumsstücke" würden sich Johann Jacob Schweppe, Erfinder des Sodawassers und Namensgeber für die Firma "Schweppes", der in Witzenhausen getauft wurde, oder Heilfastenbegründer Dr. Otto Buchinger, der die erste Fastenklinik 1920 in Witzenhausen eröffnete, anbieten.

Zwei Mitstreiter hat Rippel bereits gefunden: "So möchte DITSL-Geschäftsführer Dr. Christian Hülsebusch eine Skulptur von Dr. Otto Buchinger sponsern und auf dem Klostergelände einen Ehrenplatz geben. Auch die Stadt hilft, so weit es die finanziellen Mitteln zulassen, mit dem Aufstellen der Skulptur", so Rippel.

"Wenn jemand mit einer so tollen Idee und diese ohne große Kosten für Stadt verwirklichen will, dann werden wir keinesfalls Nein sagen", so Bürgermeisterin Angela Fischer. "Ich bin vollkommen begeistert von dem Projekt und kann mir gut vorstellen weitere Figuren in unserer Stadt aufzustellen".

Kein Märchen: Witzenhausens eigene Grimm-Geschichte vom 17. Dezember 1837

Von HELGA WERNHARDT

Witzenhausen. Die Brüder Wilhelm und Jacob Grimm waren in den Jahren 1829 bis 1838 an der Universität Göttingen als Professoren tätig. Unter einer freiheitlichen Verfassung von Großerzog Karl August keimte und wuchs neben den Wissenschaften auch ein moderner Demokratiegedanke. Doch dieser wurde 1837 vom nachfolgenden Herrscher Ernst August aus Angst vor Machtverlust durch rigorose Rücknahme der Verfassung wieder zunichte gemacht.

Die Professoren um Wilhelm und Jacob Grimm waren nicht bereit, dies hinzunehmen. So wurde ein Brief an den König verfasst, in dem die als ,Göttinger Sieben’ bekannten Professoren ihre Ansicht darlegten.

Das Schriftstück wurde mit eingeweihten Studenten diskutiert. Und diese kopierten – handschriftlich – in einer Nachtaktion über 200 Exemplare, um sie zu verteilen. So erfuhr mit Ernst August gleichzeitig die Öffentlichkeit vom Aufstand der Universität gegen die Obrigkeit.

Die Konsequenz: Die aufwieglerischen Professoren erhielten ihre sofortige Kündigung. Jacob Grimm und einige andere wurden sogar des Landes verwiesen. Grenze war damals die Werra, über die in Witzenhausen eine Brücke führte...

Es war eine kalte Winternacht. Witzenhausen schlief, nur die Behörden und die Grenzbeamten am Zollhaus wussten, wer da so heimlich überführt werden sollte. Schon hörten die Grenzer das Getrappel der Pferde, als die Kutschen sich der Brücke näherten. Dann überschlugen sich die Ereignisse.

In verschiedenen Quellen dokumentiert

Die folgenden Begebenheiten, zu denen sich Jacob Grimm später äußerte, sind in verschiedenen Quellen dokumentiert: In der Kutsche zeigt sich Jacob Grimm gegenüber seinem Kollegen Friedrich Christoph Dahlmann schwermütig. Plötzlich hören die beiden Männer draußen vielerlei Stimmen und Geschrei. An den Ufern der Werra sehen sie unzählige Fackeln aufleuchten: Es sind an die dreihundert Göttinger Studenten, die sich heimlich mit auf den weiten Weg gemacht hatten, um den Professoren ihre Solidarität zu bekunden. Nun drängt die ,Studentendemo’ auf die Brücke und umringt das Wagengespann. Die Kutschen müssen halten und als Jacob Grimm aussteigt, nimmt das Gejohle kein Ende.

Da die Witzenhäuser Obrigkeit keinen Skandal heraufbeschwören wollte, außerdem neutral zu der Göttinger Hochschul-Affaire stand, gestattete sie Grimm, zu seinen Studenten zu sprechen. Er ermutigte seine studentische Gefolgschaft ,nicht nachzulassen in ihrem Tun’.

Dass auf der Werrabrücke etwas Ungewöhnliches ge­schah, hatten nun auch etliche Bürgerinnen und Bürger mitbekommen und mischten sich unter das Gewusel. In der Nähe Jacob Grimms stand eine Witzenäuser Bürgerin mit ihrem Kind. Überliefert ist, dass sie zu diesem sagte: "Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Vertriebener."

Jacob Grimm dachte noch Jahre später in Kassel an die kleine Stadt Witzenhausen zurück, die ihm für ein paar Stunden Asyl gewährte. Er und seine Kollegen konnten im Hotel ,Zur Krone’ absteigen und bekamen ein Mahl serviert, das sie gemeinsam mit einigen treuen Studenten einnahmen.

Bevor Jacob Grimm am nächsten Tag abreiste, hielt er in dem für ihn zur Verfügung gestellten Witzenhäuser Rathaussaal eine Rede. Überliefert ist sein Ausruf über den Marktplatz: "Vergessen sie mich nicht!"

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