Im Kessel von Stalingrad

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Wichmannshausen. Stalingrad, ein Begriff, der immer noch an großes Leid und Schrecken erinnert. Albert Führer erlebte die Schlacht mit.

Von SONJA STRUBE

Wichmannshausen. Stalingrad, ein Begriff, der immer noch an großes Leid und Schrecken erinnert sowie an eine dunkle Zeitepoche der Deutschen. Umso mehr berührt die Lebensgeschichte von Albert Führer, der den Krieg als junger Soldat hautnah miterlebte – wie viele andere Kameraden auch.

Viele Zeitzeugen wollen die Vergangenheit ruhen lassen. Doch nicht Albert Führer, der 1922 in Hoheneiche geboren wurde und heute in Wichmannshausen lebt. Er war damals als 20-jähriger Soldat im hart umkämpften Stalingrad dabei.

Nach dem Angriff des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und der Gegenoffensive der Roten Armee im Winter desselben Jahres wurde für den Sommer 1942 eine neue Offensive geplant. Eine Abteilung der deutschen 16. Panzer-Division erreichte am 23. August die Wolga bei Rynok im Norden von Stalingrad. Am gleichen Tag hatte ein massiver deutscher Luftangriff mit 600 Maschinen zum Tod tausender Zivilisten in Stalingrad geführt.

Die schrecklichen Erlebnisse und Bilder aus jenen Tagen lässt der 91-Jährige wieder auf leben, als er erzählt: "1937 hatte ich die Schule verlassen und eine Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher angetreten. "Als ich 1940 meine Ausbildung beendet hatte, wurde ich im Herbst eingezogen.

Man rief mich nach Kassel zur Grundausbildung in das 15. Infanterieregiment. Dieses war damals bereits motorisiert. Nach nur sechs Monaten Drill und Schliff trafen wir im Frühjahr 1941 in Farafonowo bei Kiew ein, ein von seinen Einwohnern verlassenes Dorf. Mein erster Kampfeinsatz war an der Wolga. Wir lagen dort unter starkem Beschuss der Russen und konnten noch nicht einmal den Kopf heben.

Vier Kameraden, die in den Reihen vor mir lagen, sind durch Kopfschüsse getötet worden. Mir ist glücklicherweise nichts passiert. Wir waren damals mit dem MG 42 ausgestattet, ein Maschinengewehr, das ,Adolf-Hitler-Segen’ genannt wurde. Angst durfte man keine haben, und wenn man nicht sterben wollte, dann musste man schießen.

Nach Stalingrad zu kommen war nicht einfach. Bereits 80 Kilometer vor Stalingrad hatten die Russen ihre Bunker. Die Stadt war zu dem Zeitpunkt bereits vollständig zerbombt und der Winter kam mit Macht und einer Kälte von Minus 40 Grad und mehr. Wir froren erbärmlich und hatten kein Dach über dem Kopf.

Die Versorgung war schlecht. In den wenig verbliebenen Häusern hatten sich Russen sowie Deutsche verbarrikadiert. Die Situation war hoffnungslos. Unser Generalfeldmarschall Paulus beantragte den Rückzug seiner Truppe. Dem wurde jedoch nicht Statt gegeben. Viele meiner Kameraden hoben sich daraufhin eine Patrone auf: "In russische Gefangenschaft gehe ich nicht."

Mein Regiment bestand aus drei Kompanien, das waren 360 Mann. Der größte Teil ist während der Kämpfe in Stalingrad verwundet worden, gefallen oder in russische Gefangenschaft gekommen. Ich erlitt im Oktober 1942 eine schwere Kopfwunde durch Granatensplitter. Meine Kameraden füllten mich mit einer Flasche Wodka ab...

Ich hatte Glück: Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Lazarett bei Breslau. Mein Kamerad Karl Meister, Fuhrunternehmer und ein gebürtiger Wichmannshäuser, wurde ebenfalls verwundet. Doch da war der Kessel bereits geschlossen worden. Er wurde später mit der JU 52, einem Transportflugzeug ausgeflogen. Nachdem meine Kopfverletzung halbwegs verheilt war, kam ich nach Kassel zur Genesungskompanie.

Zum Jahreswechsel 1943/44 kam ein Offizier und suchte nach noch KV-tauglichen (kriegsverwendungsfähigen) Soldaten. Man schickte mich nach Oldenburg zur Panzertruppenschule. Dort war ich 1944 neun Monate lang. Der dort zuständige Hauptmann war Pfarrer, der gegen Adolf Hitler gesonnen war.

Mit ihm konnte ich offen reden. Wir waren alle der Überzeugung, dass Hitler geisteskrank sei. Aber man musste damals sehr aufpassen mit dem was man sprach. Mein Kamerad Karl Meister erfuhr dies am eigenen Leib: Er war am Bahnhof Hoheneiche, als er erfuhr, dass im Januar 1943 Stalingrad endgültig von den Russen erobert war. "Jetzt ist der Krieg verloren," seufzte er. Der damalige Bahnhofsvorsteher meldete ihn sofort und Meister kam in die Strafkompanie nach Frankreich. Er kam erst 1948 nach Hause zurück. "

Auch erinnert sich Albert Führer an Pfarrer Kurt Reuber, der die berühmt gewordenen ,Stalingrad-Madonna’ Weihnachten 1942 mit Kohle auf die Rückseite einer russischen Landkarte zeichnete. Eine Kopie ist heute in der Hoheneichener Kirche zu sehen. "Pfarrer Kurt Reuber hat mich damals als Junge konfirmiert. Er ist in Stalingrad an einer Mittelohrentzündung gestorben. "

Albert Führer kam wieder nach Haus zurück, doch er hat sich nie richtig erholt: Er leidet unter Kopfschmerzen von der Kriegsverletzung. Auch stecken Splitter in seinem rechten Bein, die nie komplett entfernt werden konnten.

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