Landrat Reuß: Schluss mit Jammern

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Werra-Meißner. Der Landrat des Werra-Meißner-Kreises nimmt Stellung zum vorhergesagten Bevölkerungsschwund und sagt, was ihm Angst macht.

Werra-Meißner. Die Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung im Werra-Meißner-Kreis sind alles andere als gut. lokalo24 fragte bei Landrat Stefan Reuß nach, wie er die Situation und vorliegenden Zahlen bewertet.

lokalo24: Herr Reuß, der am Dienstag von hr-online veröffentlichte Demografie-Atlas sagt einen Bevölkerungsverlust im Werra-Meißner-Kreis von über 20 Prozent, also zirka 20.000 Einwohnern, in den nächsten 16 Jahren voraus. Das macht Angst, oder?

Stefan Reuß: Diese Zahlen werden uns schon seit Jahren vorausgesagt, folglich ist das weder überraschend, noch Angst machend. Wenn man das Ganze mal zurückschauend betrachtet, wird man feststellen, dass die Prognosen für die letzten fünf Jahre nicht eingetreten sind, sondern weniger Rückgang stattfand. Nichtsdestotrotz hat der Bevölkerungsrückgang deutliche Auswirkungen.

lokalo24: Welche?

Reuß: Nun, zunächst wird die Bevölkerung zunehmend älter, was ganz neue Herausforderungen auch für den Arbeitsmarkt auslöst. Aber auch die gesamte Infrastruktur, die in den letzten Jahrzehnten aufgebaut wurde, wird von weniger Menschen genutzt, muss aber auch von weniger Menschen finanziert werden. Folglich steigen die Kosten für jeden Einzelnen. Diese Spirale bedeutet weiteren Attraktivitätsverlust für eine Region.

lokalo24: Trotz aller düsteren Prognosen wird viel unternommen im Kampf gegen den demografischen Wandel. Kann man diesen Kampf überhaupt erfolgreich gestalten?

Reuß: Ja, wir unternehmen sehr viel, haben viele Initiativen gestartet, Projekte erfolgreich umgesetzt und den Werra-Meißner-Kreis deutschlandweit bekannt gemacht dafür, dass man sich dem demografischen Wandel aktiv gestaltend widmen muss. Dass wir seit rund zwei Jahren erleben, dass wieder mehr Menschen in den Kreis ziehen, als aus ihm fort, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Was allerdings fehlt, sind die jungen Menschen, die ihre Perspektive hier sehen und zugleich auch bereit sind Familien zu gründen und Kinder zu bekommen.

Die Botschaft, dass auch hier hochqualifizierte Arbeitsplätze vorhanden sind und händeringend Nachwuchs gesucht wird, scheint noch immer nicht angekommen zu sein, weil es ja viel besser ist, zu Jammern, statt endlich mal die Chancen zu sehen.

Mir macht Angst, dass dieses negative Image nicht abgestreift wird.

lokalo24: Ohne Ehrenamt geht es gar nicht mehr in ländlichen Regionen. Sie haben aber bereits gewarnt, dass nicht alles auf die Schultern der ehrenamtlichen Helfer abgewälzt werden darf. Wie sieht denn die Alternative zu ehrenamtlichen Engagement aus, denn Geld ist und bleibt knapp?

Reuß: Wir haben eine wahnsinnig hohes ehrenamtliches Engagement hier im Kreis. Und natürlich machen immer weniger Menschen immer mehr für die Gesellschaft. Aber dies ist nicht beliebig zu steigern, Ehrenamt hat Grenzen.

Geld ist aus meiner Sicht nur bedingt knapp. Ich wiederhole meine Forderung seit Jahren: das Geld im System muss besser verteilt werden. Es ist der falsche politische Ansatz, die starken Regionen immer noch weiter zu stärken und damit die Wettbewerbsspirale gegen die schwächeren Regionen zu drehen.

Gleiche Lebensqualität für alle steht im Grundgesetz, deswegen müssen die ländlichen Regionen gestärkt werden. Es ist doch ein Unding, dass unsere Bürger inzwischen höhere Abgaben leisten müssen, als in Ballungsgebieten, damit die kommunalen Haushalte ausgeglichen werden können.

Der Solidaritätszuschlag gehört schnellstens geändert und unter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verteilt, nicht aber nach dem Gesichtspunkt altes und neues Bundesland. 25 Jahre nach dem Mauerfall eigentlich ein Skandal.

Ebenso muss die Verteilung innerhalb von Hessen im Rahmen des Kommunalen Finanzausgleichs endlich grundlegend verändert werden und zu Gunsten des ländlichen Raums erfolgen. Wer jungen Menschen im ländlichen Raum Perspektiven bieten will, muss diesen Kurs unterstützen.

Lesen Sie auch den Artikel zum Thema, wer an Bevölkerung verliert, wer gewinnt

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