Alte jüdische Schriften und Gegenstände in Abterode entdeckt

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(V.li.) Prof. Dr. Andreas Lehnhardt, Ludger Arnold und Dr. Martin Arnold sind fasziniert von der Ester-Rolle, die in Abterode auf dem Boden der ehemalichen Synagoge gefunden wurde.

Beim Aufräumen der ehemaligen Synagoge in Abterode wurde alte jüdische Schriften und Buchfragmente gefunden. Nun hat sie ein Wissenschaftler aus Mainz identifiziert.

Abterode - Dass Aufräumen oft lästig ist, weiß jeder. Dass es aber auch sehr erfolgreich sein kann, das sieht man derzeit in Abterode. Bei der Übergabe des Pfarrhauses hatte der neue Pfarrer, Andreas Heimann, gründlich aufgeräumt und dabei in der hintersten Ecke des Archives eine lange verloren geglaubte Kiste wiedergefunden.

Im Zuge des Verkaufs der ehemaligen Synagoge von Abterode hatte sich eine Gruppe von Interessierten 1988, unter Leitung von Dr. Karl Kollmann, den Dachboden genauer angesehen und dabei jüdische Schriften und Kultusgegenstände sicher gestellt. Allerdings ging dann, durch den Wechsel der Pfarrer die Kiste verloren, um jetzt wieder gefunden zu werden. Worum es sich allerdings genau bei den Schriften, Buchfragmenten und Gegenständen handelt, konnte bisher nicht geklärt werden.

Kürzlich war Judaistik- Professor Dr. Andreas Lehnhardt von der Universität Mainz in Abterode, um die Funde zu sichten. Er war begeistert von den jüdischen Schriften, den Gebetsriemen und dem Thora Wimpel aus dem 18. Jahrhundert. „Das ist etwas Besonderes“, erklärte er. Er geht davon aus, dass die Schriftstücke und Gegenstände aus einer sogenennten Genisa stammen. Nach jüdischer Tradition dürfen geweihte Gegenstände und Schriften nicht weggeworfen werden, sie werden in einer Genisa, einer Art Archiv, gesammelt. „Die Funde sind sehr interessant, weil Schriften aus dieser Zeit und so weit im Norden nur wenige bekannt sind“, berichtete er.

Thora Wimpel entdeckt

Neben den Büchern und Buchfragmenten hat man auch einen Thora Wimpel gefunden. Der Thora Wimpel stammt aus dem Jahr 1755 und wurde für die Beschneidung eines Jungen am 8. Shevat, (der fünfte Monat des jüdischen Kalenders, also Februar des Gregorianischen Kalenders) bestickt. Diese Tradition war früher verbreitet, erläuterte Prof. Dr. Lehnhardt. Der Wimpel wurde aus Windeln des Neugebornenen gefertigt und mit Szenen aus dem jüdischen Leben bestickt.

Jüdische Bücher und Buchfragmente aus dem 18. Jahhundert wurden in Abterode gefunden. Jetzt werden sie an der Universität Main wissenschaftlich untersucht.

Nach der Beschneidung wurde der Wimpel der Gemeinde gestiftet. Anhand des Geburtsdatums werden Dr. Martin Arnold und Ludger Arnold versuchen, mit Hilfe der in Abterode noch vorhandenen Grabsteine, die Identität des Jungen heraus zu finden. Außerdem gehört zu den Fundstücken eine Ester-Rolle, ein Pergament aus dem zum jüdischen Purin Fest vorgelesen wird. „Diese Rollen sind relativ selten, ich habe erst zwei Vollständige gesehen. Diese hier ist ein besonders schönes Stück, das wahrscheinlich auch aus dem 18. Jahrhundert stammt“, erläuterte der Judaist.

Ester-Rollen wurden von professionellen Schreibern mit der Hand geschrieben und von Mitgliedern der Gemeinde der Gemeinde gestiftet. Geschrieben wurde auf Kuh-Haut. Ester-Rollen waren sehr teuer. Eine, wie sie in Abterode gefunden wurde, hatte etwa den Wert eines durchschnittlichen Monatsgehaltes, erklärte Prof. Lehnhardt. Alle Fundstücke wird er zur genaueren wissenschaftlichen Prüfung an die Universität Mainz mitnehmen. Die Ester-Rolle könnte restauriert werden, allerdings fehlt derzeit dafür das notwendige Geld, erklärt Ludger Arnold, Nach der wissenschaftlichen Erfassung werden die Fundstücke wieder nach Abterode zurück kehren. Sie sollen Teil des Lern- und Gedenkraumes für jüdische Geschichte im Landkreis werden, der im ersten Stock der ehemaligen Synagoge eingerichtet werden wird.

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