Neu-Eichenberg: Besetzter Acker spaltet ein ganzes Dorf

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Ablehnung: Offenbar sympathisieren nicht alle Hebenshäuser mit den Aktivisten, wie dieses zerstörte Plakat zeigt.
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Einladung: Die Aktivisten haben einen Acker besetzt und fordern dazu auf, mit ihnen in den Dialog zu treten.
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Seit einigen Tagen haben Umweltaktivisten eine Ackerfläche in Neu-Eichenberg besetzt, um damit gegen die dort geplante Ansiedlung eines Logistikgebietes zu protestieren.

Hebenshausen. Wenn man von der B27 in Richtung Göttingen fährt, erkennt man am Ortsrand vom malerischen Hebenshausen ein rotes Zelt, dort scheint also ein Zirkus ein Gastspiel zu geben. Mitnichten, denn auf dem Acker haben Umweltaktivisten am 4. Mai ihr Lager aufgeschlagen und einen Teil der Fläche besetzt, die später einmal ein Logistikgebiet werden soll. Ein Novum in der Geschichte der Gemeinde Neu Eichenberg – und wohl auch in der gesamten Region.

Zwei Lager eines zerrissenen Dorfes

Doch wer sind die Aktivisten, woher kommen sie und was sind ihre Ziele und Motivation? Und was denken die Hebenshäuser über ihre Gäste, die sich quasi selber eingeladen haben? Wir haben uns einen Eindruck vor Ort verschafft. Das Szenario bei der Einfahrt in die Hauptstraße hat Symbolcharakter, wie sich wenig später herausstellen wird: Etwas skurril wirkt es schon, dass auf Höhe der Hausnummer 7 die Plakate von Gegnern und Befürwortern gegenüber hängen, getrennt nur durch die Lange Straße. Und auch der Verlauf der Straße wirkt wie die imaginäre Grenze eines zerrissenen Dorfes, gespalten durch zwei Lager.

Entsprechend fallen die Aussagen der vier Bewohner aus, die allesamt nicht namentlich genannt werden möchten: Die Dame und ein älterer Herr poltern in nicht druckreifen Worten über dieses „Besetzerpack“, die beiden Anwohnerinnen mittleren Alters hingegen sympathisieren mit der friedlichen Form des Aktivisten-Widerstands und hoffen, dass er erfolgreich sein wird, „damit dieser Quatsch mit dem Gebiet und der Mär von 4000 Arbeitsplätzen endlich ein Ende hat.“ Im Lager erklären sich Paul und Mike bereit, mit uns zu sprechen und erläutern ihre Ziele. Beide sind im dunkel gehaltenen Outfits unterwegs, mit ihren Schals, Mützen und robusten Stiefeln wirken sie wie junge Männer, die gut vorbereitet sind für eine Tour in der Wildnis, als jeder einzeln – das ist ihnen wichtig – seine Beweggründe und Ziele erläutert. Die Idee, mit der Besetzung des Ackers einen Schritt weiterzugehen, bestehe schon länger, sagt der 24-jährige Paul, der für seinen Einsatz einen Tag Urlaub genommen hat.

Er stammt aus der Region und macht eine landwirtschaftliche Ausbildung, wie er sich nach einiger Zeit entlocken lässt. „Seit der Besetzung ist es ein dynamisch wachsender Prozess, ähnlich wie beim Hambacher Forst“, sagt Mike zur Situation im Lager, während es aus dem Essenszelt hinter den beiden Aktivisten nach leckerer Gemüsesuppe duftet. Das Spektrum der Unterstützer sei ebenso breit wie deren Herkunft und Berufe, ergänzt der 28-jährige Student.

Junge Mütter mit Baby, aber auch Senioren

Auf eine Zahl wollen sich beide nicht festlegen, da diese täglich wechsle, doch „es werden immer mehr.“ Während unseres Aufenthaltes über mehrere Stunden bestätigt sich beides, sowohl junge Mütter mit Baby, Männer mittleren Alters und Senioren wuseln zwischen den Zelten und Plakaten herum, zwischen 15 und 40 Personen bevölkern das Areal in den Nachmittagsstunden. Was auffällt: Immer wieder kommen Anwohner und bringen Gemüse, Obst oder selbstgebackenen Kuchen, ihr Umgang mit den Aktivisten strahlt Vertrautheit aus, es wird viel gescherzt und gelacht. „Diese Welle der Solidarität ist unfassbar schön“, sagt Paul, während weitere Anwohner mit Körben ins Lager kommen.

Während der Kontakt mit sympathisierenden Anwohnern und der Bürgerinitiative gut funktioniere, wünsche man sich einen Dialog mit Gegnern der Besetzung aus Politik oder dem Ort, sagt Paul. Dann könne man auch darstellen, das es sich nicht nur um eine pure Protestaktion handele, sondern auch Inhalte transportieren, wie etwa der Ansatz einer regenerativen Landwirtschaft, sagt Paul und macht seine Haltung deutlich, wie lange die Besetzung noch gehen könne: „Ich bleibe bis zum Schluss.“ Damit ist der 24-Jährige sicher nicht allein.

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