Blaualgenplage im Werratalsee: Weitere Untersuchungen sind nötig

+

Woher kommen die Blaualgen im Werratalsee und was kann man dagegen tun? Um diese Frage zu beantworten, stehen weitere Untersuchungen und Messungen an.

Eschwege. Die Blaualgen im Werratalsee halten Politik und Verwaltung in Eschwege und Meinhard auf Trab. Wie es weitergeht, ist allerdings offen. "Vor der Therapie kommt die genaue Diagnose", betont Eschweges Bürgermeister Alexander Heppe.

Dass die noch immer aussteht, hat mehrere Gründe: "Es wird immer schwer bleiben, den See quantitativ zu verstehen", heißt es in einer 42-seitigen Kurzstellungnahme der Expertenrunde. Zudem verweisen Dr. Klaus-Dieter Wolter (Aqua Terra), Dr. Nicole Nolte (Uni Göttingen) und Andreas Gründel (HLUG) auf die lückenhafte Datenerhebung: "Mit den vorliegenden Daten sollen keine qualifizierten Vorschläge für Maßnahmen im See gemacht werden."

Umfangreiche Messungen

Konkret geht es dabei um drei Schritte: den Phosphorgehalt  zu senken, die Phosphorbildung zu vermindern und den Phosphoreintrag von außerhalb zu begrenzen.

So stehen nun erneut umfangreiche Messungen und Untersuchungen an. Von diesen Untersuchungen ist auch die Art der Nährstofffällung abhängig, für die sich alle Beteiligten prinzipiell aussprechen. Während Clearwater-Gutachter Christian Schuller dafür plädiert hatte, das Phosphor mit Aluminium zu binden, sprechen sich die Experten für Eisen-Nitrat oder Bentophos aus.

Die "Königsmaßnahme"

Als Königsmaßnahme haben die Experten die Absenkung der Werra ausgemacht. Dadurch würde weniger Wasser von der Werra in den See und mehr Grundwasser von der nord-östlichen Werratalaue in die Werra fließen, so dass weniger Nährstoffe in den See gelangen. Die Absenkung  könnte die Erträge aus der Stromgewinnung in den Anlagen Schabe und Schlossmühle allerdings um rund 500.000 Euro pro Jahr reduzieren.

Ebenfalls im Gespräch ist eine Anhebung des Wasserspiegels im See. Die Experten gehen zwar davon aus, dass dies die spätsommerliche Blüte von Cyanobakterien reduzieren würde – es sei jedoch nicht sicher, dass dadurch der ehemals gute Zustand des Sees wiederhergestellt werde.

Skepsis ruft dieser Schritt vor allem in Meinhard und beim Regierungspräsidium (RP) hervor. Während Meinhards 1. Beigeordneter Gerd Herzog auf das Risiko verweist, dass Wohngebiete in Grebendorf vernässen könnten, hebt das RP den Hochwasserschutz hervor: "Bei einer Anhebung des Wasserspiegels wäre ein Retentionsraumausgleich von etwa einer Million Kubikmeter nötig." Dies sei kaum realisierbar.

Dennoch hat Heppe das Thema nicht ad acta gelegt. Er hofft, dass die Interkommunale Hochwasserschutzstudie ihm neue Argumente gegenüber dem RP liefert. Da die Studien eine Gefährdung für Grebendorf bei einer Anhebung von 50 cm sehen, spricht sich der Bürgermeister dafür aus, die schrittweise Erhöhung des Wasserspiegels zu prüfen – analog zu den Experten, die die Anhebung in Schritten von 15 bis 20 cm empfehlen.

Wasserstand angleichen

Die Angleichung des Wasserstands von Werra und See stellt nach Ansicht der Experten "wahrscheinlich die beste Maßnahme zur Minderung der Phosphoreinträge dar". Aus wasserwirtschaftlichen Gründen sei dies jedoch problematisch.Dennoch spricht sich SPD-Fraktionschef Alexander Feiertag, zugleich Vorsitzender des Bau- und Planungsausschusses, dafür aus, schnellstmöglich ein Planfeststellungsverfahren in die Wege zu leiten. Das würde laut RP gut 18 Monate dauern – im günstigsten Fall. Um die Kosten von voraussichtlich mehreren 100.000 Euro zu stemmen, fordert Feiertag gemeinsame Kraftanstrengungen von Gemeinden und Landkreis, um Gelder von Land und Bund zu generieren.

Kritisch sehen die Experten den Einsatz eines Olszweski-Rohrs zur Ableitung von Tiefenwasser. Das sei zwar technisch machbar, die Wirksamkeit sei jedoch fraglich.

Kein Umkippen in Sicht?

Als "spekulativ" bezeichnen Wolter, Gründel und Nolte die Prognose von Christian Schuller, dass der See in zwei bis drei Jahren umkippen könne. Gegenwärtig sei dieses Szenario nicht zu erwarten. "Der Begriff überzeichnet die Situation und baut einen Handlungsdruck auf, der so nicht besteht."

Dass jedoch Handlungsbedarf besteht, darin ist sich die Politik einig: "Wir müssen die touristische Infrastruktur nutzen und dürfen die Investitionen nicht in den Sand setzen", mahnen Feiertag und FWG-Fraktionschef Andreas Hölzel. Er fordert eine zeitnahe Entscheidung über den ersten Schritt: "Politik und Experten sollten erst wieder auseinandergehen, wenn eine wirksame Entscheidung getroffen wurde", so Hölzel.

Heppe hingegen wirbt um Geduld: "Bei solch einem hochkomplexen Ökosystem brauchen wir passgenaue Lösungen und keinen Aktionismus"  – zumal der Zustand des Sees nicht so schlecht sei, wie er gemacht werde: "Das Baden war in diesem Jahr durchgehend möglich – ohne gesundheitliche Risiken."

Der Bürgermeister hofft, dass innerhalb eines Jahres ausreichende Daten zur Verfügung stehen, um weitere Schritte in Angriff nehmen zu können. Das geht Hölzel nicht schnell genug: "Der See benötigt dringend Hilfe". Sein Favorit: eine Spundwand, die den Damm zwischen Werra und See abdichtet.

Abdichtung des Damms

Die Abdichtung des Damms, auch in der Interkommunalen Hochwasserschutzstudie angedacht, fand ebenfalls Eingang in das Kurzgutachten. Dies könnte hydraulisch oder mit Kunststoffplatten geschehen. Die Experten verweisen jedoch auf die aufwendige technische Umsetzung und Finanzierung.

Heppe kündigte daher an, dass zunächst neben der Kanalsanierung in Schwebda sowie dem Abfischen von Karpfen und Brassen auch die Gewässermahd fortgeführt werden soll. Diese Schritte hatten die Experten als richtig bewertet. Zudem sollen Flachwasserzonen mit Schilfgürteln bepflanzt werden.

"Landwirtschaft ist raus"

Weitgehend unstrittig ist zudem, dass die Einträge aus der angrenzenden Landwirtschaft lediglich eine geringe Rolle für die Blaualgenentwicklung im See spielen.

Und in noch einer Sache herrscht Einigkeit: "Wir müssen uns über Gemeinde- und Parteigrenzen hinweg gemeinsam für den Werratalsee einsetzen", sagen Heppe, Feiertag, Hölzel und Herzog unisono.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Baden im Meinhardsee ist nicht mehr möglich

Christoph Bergner, Betreiber des Camping Parks am Meinhardsee, hat den dortigen Badebetrieb abgemeldet. Gründe sind unter anderem rückläufige Besucherzahlen und der …
Baden im Meinhardsee ist nicht mehr möglich

Bürgermeisterwahl in Waldkappel: Frank Koch ist einziger Kandidat

Am kommenden Sonntag ist in Waldkappel Wahltag. Alle wahlberechtigten Bürger können ihre Stimme abgeben für den kommenden Bürgermeister der Stadt.
Bürgermeisterwahl in Waldkappel: Frank Koch ist einziger Kandidat

Lothar Nöding aus Bad Sooden-Allendorf erhält Bundesverdienstkreuz

Der 65-jährige Lothar Nöding aus Bad Sooden-Allendorf hat sich durch viele Jahre Engagement auf politischer Ebene verdient gemacht. Regierungspräsident Hermann-Josef …
Lothar Nöding aus Bad Sooden-Allendorf erhält Bundesverdienstkreuz

Schrottsammler richtet in Hessisch Lichtenau Schaden an

Das Schrottsammeln wurde für einen 55-Jährigen aus Espenau im Ort Walburg teuer. Bei seiner Bummelfahrt richtete er 1.000 Euro Schaden an.
Schrottsammler richtet in Hessisch Lichtenau Schaden an

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.