Soziale Landwirtschaft kann Chance für bäuerliche Betriebe sein

Experten diskutierten im Capitol Kino Witzenhausen mit Gästen über Integration von Menschen mit Handicap in die Landwirtschaft

Witzenhausen. Den Menschen hinter seinen vermeintlichen Defiziten erkennen- und gleichzeitig die Landwirtschaftlichen Betriebe wieder mehr zu Kulturorten statt zu bloßen Arbeitsorten, die nur der Effizienzsteigerung dienen, umzugestalten – das war zwei der Konklusionen der gut besuchten Podiumsdiskussion im Capitol-Kino am vergangenen Donnerstag zum Thema „Soziale Landwirtschaft – Perspektiven für Hessen“.

Dr. Thomas van Elsen.

Der Diskussion, die der Lehrbeauftragte der Uni Kassel und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziale Landwirtschaft, Thomas van Elsen mit der Seminarteilnehmerin des Kurses „Soziale Landwirtschaft“, Janine Keilmann, organisiert hatte, gingen drei Kurzfilme voraus, die verschiedene Aspekte und Zielgruppen der Sozialen Landwirtschaft aufzeigten.

Unterschiedliche Arbeitsbereiche

Auf dem Demeterhof Weide-Hardebek in Schleswig-Holstein produzieren die über 100 Hofangehörigen mit unterschiedlich hohem „Assistenzbedarf“ in Landwirtschaft, Gärtnerei, verschiedenen Handwerken, Bäckerei und Hauswirtschaft alle Produkte des täglichen Verzehrs selbst, der Überschuss geht an den Großhandel.

Diskutierten mit dem Publikum: (V.li.) Dr. Thomas van Elsen, Manfred Schulze ( Hof Hauser), Jörg Kaiser (Biolandbetrieb Öx, Frankershausen), Claudia Schneider (Thüringer Ökoherz), Susanne Leuschner (Biolandhof Reulein und Schöne), Frank Radu (Hofgut Richerode) und Janine Keilmann.

Darüber hinaus sind einige von ihnen in Vermarktung, Verwaltung und in der Kunst tätig. Im zweiten Film wird das „Mudra-Waldprojekt“ in Nürnberg dargestellt. Es ist ein Arbeitsprojekt für Langzeitdrogenabhängige, die den Wunsch haben, neu anzufangen, aber meist keine Perspektiven auf dem ersten Arbeitsmarkt finden.

Die Waldarbeit bietet die Möglichkeit, den Lebensunterhalt selbst zu verdienen und sich weiterzuentwickeln.

Natur- statt Szenekontakt für Suchtmittelabhängige

Die körperlich herausfordernde Arbeit mit Klettergurten in luftigen Höhen und Motorsäge in der Hand, ist für viele hier „ein Kick“. Das Projekt besteht seit 1985, seit man erkannt hatte, dass Entzugstherapien nur dann Erfolg haben, wenn sich das Umfeld der Abhängigen danach änderte. Hier gehe es darum, „dass jeder Tag, den die Jungs im Wald verbringen“, ein Tag ohne Szenekontakt sei, wurde erläutert.

Der Film über die Gartengruppe der WAB Kosbach bei Erlangen, zeigt psychisch erkranke Menschen, die ohne Druck an Arbeitsprozesse und Schritt für Schritt an einen möglichst selbstbestimmten Alltag herangeführt werden. Ein Teil der Gartengruppe arbeitet im Garten- und Landschaftsbau und nimmt hier normale Aufträge von Kommunen und Privatpersonen an. Dies soll die Mitarbeiter aus der sozialen Isolierung herausholen und Stück für Stück mit der „Normalität“ konfrontieren.

Integration für Flüchtlinge durch Mitarbeit

Frank Radu bewirtschaftet das zwischen Kassel und Marburg gelegene Hofgut Richerode mit geistig behinderten Menschen.

Susanne Leuschner vom Biolandhof Reulein & Schöne ,Jörg Kaiser vom Hof Öx in Frankershausen hat Erfahrungen mit der Integration eines Mitarbeiters mit Assistenzbedarf, und Manfred Schulze, der mit seiner Frau einen Jugendhilfe-Hof bei Wolfhagen betreibt, sowie Claudia Schneider vom Verein „Thüringer Ökoherz“ in Weimar, wo sie ein Projekt der Sozialen Landwirtschaft zur Integration Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtlinge initiiert.

Sie alle diskutierten im Anschluss unter Moderation von Thomas van Elsen und Janine Keilmann die Perspektiven und Herausforderungen in diesem Feld. „Gerade bei Flüchtlingen müssen wir aufpassen, dass Soziale Landwirtschaft nicht umgedeutet wird zur Rekrutierung billiger Erntehelfer“, warnte Claudia Schneider.

Werralandwerkstätten mit im Boot

Jörg Kaiser berichtete von seinem Schützling Sebastian, der sich vor vielen Jahren auf dem Hof Öx selbst eine 38, 5 Stunden-Stelle geschaffen hatte, die nun über die Werralandwerkstätten läuft. „Eines Tages saß er einfach auf dem Trecker und meinte, er wolle bei uns mitmachen.“

Insgesamt wurde deutlich, dass es sich hier um ein breites und spannendes Zukunftsfeld der Landwirtschaft handelt, welches gerade kleineren und mittleren Betrieben dabei helfen kann, sich neu aufzustellen. Denn gerade dort, wo noch viel mit der Hand gearbeitet wird, können Menschen mit Assistenzbedarf besonders gut anknüpfen.

 Es fehle aber derzeit an entsprechenden Qualifizierungsprogrammen und der Anerkennung der Krankenkassen und anderen Trägern für diese Art der speziellen „Arbeitstherapie“, hieß es.

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