Der Erreger lauert im Wasser: Multiresistente Keime in Alter Wehre in Eschwege nachgewiesen

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Der idyllische Schein trügt: In der Alten Wehre wurde eine hohe Konzentration multiresistenter Keime festgestellt.

Nicht nur in Krankenhäusern besteht die Gefahr, sich mit multiresistenten Keimen zu infizieren. Wie Untersuchungen, die der HR in Auftrag gegeben hat, belegen, sind auch hessische Flüsse mit den Erregern belastet. Darunter ist auch die Alte Wehre bei Eschwege.

Eschwege. Sie sorgen für Angst: Multiresistente Keime werden im Volksmund häufig auch als „Todbringer“ bezeichnet. Zwar sind die Bakterien grundsätzlich nicht aggressiver als andere, sie sind jedoch deutlich schwerer zu behandeln. Nur wenige Antibiotika sind wirksam gegen diese Erreger, und genau das macht sie so gefährlich.

Vor allem in Krankenhäusern sind multiresistente Keime ein omnipräsentes Thema. In Nord- und Osthessen hat sich das MRE-Netzwerk (multiresistente Erreger) gegründet, in dem sich Kliniken, Arztpraxen oder auch Pflegedienste der Einhaltung bestimmter Standards verschrieben haben und zusätzlich auch Informationen für Betroffene bieten (siehe EXTRA-INFO). Doch nicht nur im Umfeld kranker und geschwächter Menschen kann man mit multiresistenten Erregern in Kontakt kommen. Wie vom Hessischen Rundfunk jüngst veröffentlichte Gewässerproben, die der HR selbst in Auftrag gegeben hatte, belegen, sind auch hessische Flüsse mit multiresistenten Keimen verseucht.

So wurden die Erreger in fünf von elf untersuchten Gewässern nachgewiesen. Unter den fünf betroffenen Flüssen sind auch die Fulda und die Alte Wehre. Zweitere ist laut HR-Untersuchungsergebnis besonders betroffen. Die aktuelle Situation ist besonders alarmierend. Bei einer Infektion mit den dort nachgewiesenen Keimen könne es sein, dass nicht einmal mehr ein sogenanntes Reserveantibiotikum helfen könne, heißt es in einem HR-Bericht.

Technisch nicht ausreichend ausgestattet, um die Keime aus dem Wasser zu filtern: Das Zentralklärwerk Eschwege.

Auch die Kreisverwaltung Werra-Meißner habe erst durch die vom HR beauftragten Untersuchungen von der besonders hohen Konzentration multiresistenter Keime in der Alten Wehre erfahren. „Den Sachverhalt kennen wir nur aus der öffentlichen Berichterstattung. Grundsätzlich bekannt ist, dass mehrere Untersuchungen zeigen konnten, dass multiresistente Bakterien nun auch im europäischen Flusswasser vorhanden sind, weil Kläranlagen sie nicht zurückhalten“, erklärt Jörg Klinge, Pressesprecher des Kreises.

Krankenhaus-Abwässer besonders belastet

Doch wo kommen die Keime her? Die Proben seien alle in der Nähe von Kläranlagen, Tiermastbetrieben und auch Krankenhäusern entnommen worden. In den beiden letztgenannten Einrichtungen kommen Antibiotika zum Einsatz, die als Verursacher der Erreger gelten.

Pressesprecher Klinge dazu: „Die nachgewiesenen Bakterien dürften über Abwässer und Oberflächenabschwemmungen in die Bäche und Flüsse getragen werden. Die eigentlichen Quellen stellen dabei Ausscheidungen von Menschen und Tieren dar. Als besonders belastet gelten die Abwässer aus Krankenhäusern. Der Eintrag aus Tierhaltungen spielt in unserer Region eine untergeordnete Rolle.“

Kläranlage kann Keime nicht herausfiltern

Auf Nachfrage beim Zentralklärwerk in Eschwege, erklärt Leiter Stephan Bauer: „Die Alte Wehre fließt am Klärwerk vorbei. Die geklärten Abwässer aus Eschwege werden in das Gewässer eingeleitet.“ Zwar sei es technisch möglich, die Keime herauszufiltern, die Anlage in Eschwege sei dafür jedoch nicht ausgestattet. „Es gibt technische Lösungen, mit denen Keime aus dem Wasser herausgefiltert werden können, das ist aber mit hohen Investitionen verbunden und zieht hohe Energiekosten nach sich“, sagt Bauer.

Der Klärwerks-Leiter hat jedoch einen anderen Vorschlag, das Problem anzugehen. „Man sollte den Fokus auf den Ort legen, an dem der Eintrag stattfindet. Der Messpunkt war unterhalb des Klärwerkes, daher gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder kommen die Keime aus dem Ablauf des Klärwerkes, oder sie sind schon vorher in der Wehre“, so Bauer. Mögliche Quellen könnten das Krankenhaus, Altenheime oder Arztpraxen sein.

„Es wäre dann sinnvoll, mit einer technischen Lösung vor Ort die Keime aus dem Abwasser zu filtern, damit sie gar nicht erst in der Kanalisation landen“, erklärt der Leiter. Das sei wesentlich kostengünstiger. Derzeit sei man dabei, die Eintragsquelle zu identifizieren.

Wie Eschweges Bürgermeister Alexander Heppe unserer Zeitung gegenüber verrät, stellt man aktuell gemeinsam mit Vize-Landrat Dr. Rainer Wallmann eine Gruppe zusammen, die sich mit dem Problem in der Alten Wehre befasst.

EXTRA-INFO

MRE-Netzwerk: Übertragung und Schutz multiresistenter Keime

Nach Angaben des MRE-Netzwerkes Nord- und Osthessen erfolgt die Übertragung von multiresistenten Keimen fast immer durch Kontakt, äußerst selten über Tröpfchen und nicht über die Luft. Nur wenn jemand eine verletzte Haut (Wunden u.a.) hat oder sehr krank ist und zusätzlich ein schwaches Immunsystem hat, kann es zu einer Infektion kommen. Wichtigste Maßnahme, um eine Übertragung zu vermeiden, ist zu wissen, ob jemand Träger multiresistenter Erreger ist. Hierfür müssen Abstrichuntersuchungen gemacht werden.

Zusätzlich werden dann im Krankenhaus besondere Vorsorgemaßnahmen (Schutzkittel, Mundschutz, Handschuhe, ggf. Haarschutz, Einzelzimmer) getroffen, um eine Verbreitung auf andere Patienten auszuschließen. Alle diese Maßnahmen sind weder im Alten- /Pflegeheim, noch in der Arztpraxis, im Rettungswagen und schon gar nicht zu Hause notwendig, da die Übertragung laut MRE vor allem in Akutkrankenhäusern erfolgt. Abhängig von der Tätigkeit sind die Anwendung von überlegter Standardhygiene (Vermeidung von Kontakt zu Wunden, Reihenfolge von Behandlungen oder Tätigkeiten, Händehygiene u.a.) und situationsangepasste Hygienemaßnahmen vollkommen ausreichend. Quelle: MRE-Netzwerk

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