Fachkräftemangel in der Pflege: Gerd und Gabriele Kniese setzen auf eine klare Strategie

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Seit 2001 leiten Gerd und Gabriele Kniese das Seniorenzentrum Nettling in Bad Sooden-Allendorf.

Seit 2001 wird das Seniorenzentrum Nettling als Familienunternehmen von Gerd und Gabriele Kniese geführt. Der MARKTSPIEGEL hat mit dem Ehepaar über die Herausforderungen, die die Führung eines Seniorenzentrums mit sich bringt, gesprochen.

Bad Sooden-Allendorf. Das Seniorenzentrum Nettling kann in diesem Jahr auf 40-jähriges Bestehen zurückblicken. Seit 2001 wird das Familienunternehmen nun in zweiter Generation von Gerd und Gabriele Kniese geführt. Der MARKTSPIEGEL hat mit dem Ehepaar über die Herausforderungen, die die Führung eines Seniorenzentrums mit sich bringt, gesprochen.

MARKTSPIEGEL: Der Leitsatz für Ihr Pflege- und Betreuungskonzept lautet „Sich wohl fühlen vom ersten Augenblick! Ein Lebensabend ohne Sorgen. Alles unter einem Dach.“ Was steckt dahinter?

Gabriele Kniese: Wenn die Menschen hier einziehen, ist es ihr letztes Zuhause. Und da sollen sie sich wohlfühlen. Es gibt viele, die hier reinkommen und sagen „Oh hier ist es schön, hier möchte ich bleiben“. Und das ist gut so. Genau das steckt hinter unserem Leitsatz. „Lebensabend ohne Sorgen“ heißt, dass die Menschen, die zu uns kommen, hier die Möglichkeit haben, ihre Fähigkeiten und Interessen zu erhalten. Sie können ihre eigenen Möbel mitbringen. Und wir bieten unseren Bewohnern mit einem Friseursalon, Krankengymnastik, Fußpflege, Ergotherapeuten und einem Andachtsraum alles unter einem Dach.

Gerd Kniese: Der Leitsatz geht auf meine Mutter zurück. Sie hatte in Eschwege die Grundidee gehabt, alleinstehenden Menschen ein Zuhause geben zu können. Dabei ging es ihr insbesondere auch um Umsiedler, die aus der DDR hierher kamen. Denn wer in der DDR Rentner war, der durfte reisen und das Land verlassen. Einige von diesen Menschen kannte meine Mutter und wollte ihnen eine neue Heimat und ein Zuhause geben. Das war der Grundgedanke. Mit der Zeit wurden die Menschen älter, daraus entstand dann peu á peu eine Pflegeeinrichtung bis hin zum Pflegeheim. Irgendwann musste dann ein Neubau her und so ist dann das Haus hier in Bad Sooden-Allendorf entstanden.

MARKTSPIEGEL: Was unterscheidet denn das „Senioren-Zentrum Nettling“ von anderen Einrichtungen?

Gabriele Kniese: Wir bestehen nunmehr seit 40 Jahren und haben inzwischen sehr viel Erfahrung. Unser Haus ist als Seniorenzentrum gebaut worden und entspricht komplett den gesetzlichen Ansprüchen und Forderungen. Dazu gehört unter anderen, dass in jedem Zimmer eine Dusche vorhanden ist.

Gerd Kniese: Eine große Besonderheit des Hauses besteht darin, dass 1975 die gesetzlichen Vorgaben geändert worden sind, was die Größenordnung einer solchen Einrichtung anbelangt. Ein paar Jahre später hat man aber festgestellt, dass diese so nicht durchsetzbar waren und hat die Regelung zurückgenommen. In dieser Zeit hatten wir aber den Neubau hier schon geplant und standen kurz vor Baubeginn. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir die Planungen nicht mehr ändern. Inzwischen sind die gesetzlichen Regelungen, wie sie damals erst erlassen und dann wieder zurückgenommen worden sind, zum 1. Juli 2018 wieder eingeführt worden. Genau diesen Vorschriften, die vor einem Jahr in Kraft getreten sind, entspricht unser Haus, so dass wir eine komplett moderne Einrichtung haben, die allen gesetzlichen Vorschriften entspricht.

MARKTSPIEGEL: Erst vergangene Woche hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) seinen aktuellen Pflege-Report veröffentlicht. Laut der Berechnung dort sollen Pflegeheime und ambulante Einrichtungen der Langzeitpflege bis zum Jahr 2030 rund 130.000 zusätzliche Fachkräfte benötigen. Ist es aus Ihrer langjährigen Erfahrung in der Altenpflege Schwarz-Malerei oder Realität?

Gerd Kniese:  Das ist für uns schwierig zu beantworten. Jahrelang waren wir in einer guten Situation, ausreichend Personal und vor allem Fachkräfte zu haben. Wir haben im hohen Maße selbst ausgebildet. Teilweise hatten wir über 20 Auszubildende. Dies ist inzwischen nicht mehr der Fall. Wir freuen uns im Moment, wenn wir sieben bis acht Auszubildende haben. Das ist dann schon eine gute Quote, aber eigentlich viel zu wenig. Wenn man dann hört, welche Ansprüche in Zukunft auf uns zukommen, dann kann man schon ein wenig Angst bekommen. Dennoch glauben wir, dass wenn wir wirklich den Jugendlichen entsprechende Perspektiven bieten können und uns auf ihre Bedürfnisse besser einstellen können, dann auch genügend Interessierte da sind, die den Beruf gerne erlernen möchten.

MARKTSPIEGEL: Viele Einrichtungen beklagen schon heute den Fachkräftemangel. Wie die FAZ kürzlich berichtete, muss im nordrhein-westfälischen Höxter ein Pflegeheim schließen, weil die Pflegefachkräfte fehlen. Personalmangel - kommt Ihnen das Problem bekannt vor?

Gerd Kniese:  Natürlich sitzt das einem immer ein bisschen im Nacken. Man denkt natürlich auch mal daran: „Was wäre wenn?“ Wahrscheinlich müssen wir von der jetzt noch geforderten Fachkräftequote 50 Prozent abweichen und diese Zahl nach unten revidieren, um in Zukunft die Häuser auch betreiben zu können. Es geht ja jetzt nicht nur rein um Fachkräfte, sondern im verstärkten Maße auch um Betreuungskräfte, wie zum Beispiel die Alltagsbegleitung, die den Alltag gestalten sollen. Gerade hier soll sehr viel gemacht werden, um die Bewohner auch zu beschäftigen. Dazu sind nicht unbedingt Pflegefachkräfte erforderlich. Das können auch andere Fachkräfte oder aber auch angelernte Kräfte leisten.

MARKTSPIEGEL: Mit welcher Strategie begegnen Sie besonders hier im Haus dem Problem des Fachkräftemangels?

Gerd Kniese: Die einzige Strategie ist, möglichst viele Auszubildende zu rekrutieren. Das gelingt natürlich nur in einem bestimmten Maße. Wir sind da verstärkt schon in die Rekrutierung von ausländischen Mitarbeiten gegangen. So haben wir zum Beispiel ein Projekt einer Göttinger Schule begleitet. Dabei wurden Vietnamesen ausgebildet. Wir haben unter unseren Auszubildenden und Mitarbeitern Menschen aus dem Kosovo und afrikanischen Ländern.

MARKTSPIEGEL: Mitte Juni hat die Bundesregierung eine Gesetzesregelung für bessere Bezahlung von Pflegekräften auf den Weg gebracht. Der Entwurf sieht vor, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber einen Tarifvertrag etwa für die Altenpflege aushandeln. Was halten Sie von den Plänen?

Gerd Kniese: Ein Tarifvertrag ist anzustreben. Vielleicht würde die unternehmerische Freiheit ein wenig drunter leiden, aber nichts desto trotz sollten Pflegekräfte eine adäquate, vernünftige Bezahlung bekommen. Das darf aber nicht auf dem Rücken der Bewohner ausgetragen werden. Und genau so ist es bislang gelaufen. So sagte Herr Spahn zum Beispiel, man könne ruhig mehr Gehalt zahlen, denn das könne man refinanzieren. Dann aber zu Lasten der Bewohner. Und das kann es nicht sein, denn die können schon heute die Heimkosten kaum stemmen.

MARKTSPIEGEL: Sie sind seit vielen Jahren in der Altenpflege tätig. Ist es für Sie ein Beruf oder die Berufung?

Gerd Kniese: Es  ist eigentlich schon eine Berufung, denn das, was wir schon von Anfang an in der Altenpflege geleistet haben – ohne dass ich mich besonders hervorheben möchte – war großes soziales Engagement. Wir haben nie auf ein Arbeitsende geschaut, sondern haben erst dann aufgehört, wenn alles erledigt und die Bewohner zufrieden waren.

MARKTSPIEGEL: Familienunfreundliche Arbeitszeiten und vergleichbar schlechte Bezahlung sind zwei Gründe, die viele davor zurückschrecken lassen, sich für den Pflegeberuf zu entscheiden. Was können Sie Nachwuchskräften raten, sich doch für die Arbeit in einem Seniorenzentrum zu entscheiden?

Gerd Kniese: Man sollte nicht leichtfertig in den Beruf gehen. Es empfehlt sich, vorher ein längeres Praktikum zu absolvieren, um herauszufinden, ob es der richtige Job für einen ist: Macht mir die Arbeit Spaß? Habe ich eine Zufriedenheit, den Menschen zu helfen? Danach kann man das „Risiko“ eingehen und den Beruf erlernen. Denn es bringt nichts, wenn man die Ausbildung beginnt, nach einem Jahr erkennt, dass es doch nicht das Richtige ist und dann wieder aufhört. Man würde dann nur anderen Interessenten den Ausbildungsplatz wegnehmen und das wäre schade. Damit interessierte Jugendliche mal in den Beruf „hineinschnuppern“ können, beteiligen wir uns regelmäßig an Schulaktionen und Schnupperpraktika für Schulabgänger. Wer zu uns kommen möchte, kann dies gerne machen. In diesem Fall bekommen die Jugendlichen einen Einblick in die Alltagsbegleitung und der Beschäftigungstherapie, so dass sie zunächst an die leichteren Aufgaben herangeführt werden.

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