Interview mit WFG-Chef Dr. Lars Kleeberg zum Landkreistest

WFG-Geschäftsführer Dr. Lars Kleeberg.

WFG-Chef Dr. Lars Kleeberg spricht über das Abschneiden des Werra-Meißner-Kreis beim FOCUS-MONEY-Ranking.

Werra-Meißner - Die Wirtschaftskraft im Werra-Meißner-Kreis scheint zu stagnieren. Das sagen zumindest die Zahlen des FOCUS-MONEY-Rankings, in dem der Kreis lediglich auf Rang 367 von insgesamt 381 landete – das heißt im Vergleich zum Vorjahr ging es nochmal vier Plätze bergab (363 von 383). Der EXTRA TIP sprach mit dem Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Werra-Meißner, Dr. Lars Kleeberg, über den Landkreistest.

Marktspiegel (MS): Herr Kleeberg, der Werra-Meißner-Kreis schneidet im Vergleich zu anderen Landkreisen und kreisfreien Städten beim FOCUS-MONEY-Ranking eher schlecht als recht ab und steht als großer Verlierer da? Worauf führen Sie dieses schlechte Abschneiden zurück?

Kleeberg: Bei dem Ranking werden gängige volkswirtschaftliche Kennzahlen herangezogen, über deren Sinnhaftigkeit man kontrovers diskutieren kann. Es werden beispielsweise bei der Berechnung des Einkommens pro Kopf die regionalen Lebenshaltungskosten und Preisniveaus nicht berücksichtigt. Hier kann der Werra-Meißner-Kreis gegenüber den Ballungsräumen wie Frankfurt oder anderen Großstädten äußerst positiv aufwarten. Problemkind sind weiterhin die Investitionen im produzierenden Gewerbe. Dieser Umstand ist dem Branchenmix im Werra-Meißner-Kreis geschuldet, der mehr dienstleistungs- statt produktionsgeprägt ist. Somit kann diese Kennzahl nur durch einen echten Zuwachs an produzierendem Gewerbe bzw. Investitionen in diesen Bereichen zukünftig signifikant verbessert werden. Unabhängig davon würden Neuansiedlungen großer Unternehmen den Werra-Meißner-Kreis gut tun und diesen im Ranking schnell nach oben hieven. Bisher fehlen aber noch die großen Player mit 1.000 und mehr Beschäftigten, die andere Landkreise wirtschaftlich stark beeinflussen; im Werra-Meißner-Kreis gehört schon ein Unternehmen mit 200 Mitarbeitern zu den größeren Unternehmen.

MS:  Die Faktoren Arbeitslosenquote, Einkommen, Bruttoinlandsprodukt, Erwerbstätigkeit, Bruttowertschöpfung, Investitionen und Bevölkerung sind ausschlaggebend für das Landkreis-Ranking. Den Ergebnissen zufolge könnte man behaupten, dass sich im Kreis nur wenig bewegt, um die Wirtschaft anzukurbeln. Wie sehen Sie das?

Kleeberg: Die jüngere Vergangenheit zeigt, dass wir in fast allen Kennzahlen wachsen. Betrachtet man die Bevölkerungsentwicklung und auch Entwicklung der Beschäftigten im Kreis, kann man gerade in den letzten beiden Jahren einen regelrechten Aufwärtstrend verzeichnen, zwar weniger dynamisch als bei den anderen Landkreisen, aber stetig wachsend. Die Einwohnerzahl hat einen neuen Höchststand erreicht, die Beschäftigung ist gewachsen bzw. die Arbeitslosenquote gesunken. Auch die Entwicklung der Focus-Kennzahlen Bruttowertschöpfung und Einkommen sind in jüngerer Vergangenheit positiv ausgefallen. Ich bekomme diese positive Entwicklung live mit. Die Anzahl der Beratungsgespräche steigt, bei denen wir mit den Betrieben im Kreis Investitionsmaßnahmen vorbereiten. Ebenso stark ansteigend sind die Anfragen nach freien Gewerbeflächen. Hier rücken wir immer mehr in den Vordergrund. Wir wurden länger nicht beachtet, haben daher noch Flächengrößen für Gewerbeansiedelungen, die in den Ballungsräumen in dem Umfang und zu den Preisen nicht mehr möglich sind. Somit bewegt sich einiges, was die sieben Faktoren im Focus Ranking nur ansatzweise messen können. Unsere Unternehmer gewinnen Preise, weil sie innovativ, und familienfreundlich sind und vorbildlich ihre Nachwuchskräfte entwickeln. Der Kreis lenkt immer mehr Aufmerksamkeit auf sich. Wir haben das Zeug dazu, immer attraktiver zu werden; die Rahmenbedingungen durch den Ausbau der A44 und des Breitbands im Kreis werden von Monat zu Monat immer besser.

 

Die Grafik zeigt die Kennzahlenentwicklung für den Werra-Meißner-Kreis im Vergleich zum Vorjahr.

 

 

MS: Die Zahlen werden immer über einen Zeitraum von vier Jahren gesehen. Das Ranking, das im Januar dieses Jahres vorgestellt wurde, zeigt die Messergebnisse von 2011 bis 2015 bzw. 2012 bis 2016. Relevant für die Bewertung ist letztlich die durchschnittliche Zahl aus 2015 – für die Arbeitslosenquote und die Bevölkerung ist jedoch 2016 maßgeblich. Sind diese Messergebnisse überhaupt aussagekräftig für die aktuelle Lage eines Kreises?

Kleeberg: Diese Messergebnisse stellen nur einen Teil der Wahrheit dar und bewerten ausschließlich die harten Standortfaktoren. Aufgrund des Fachkräftemangels, der Urbanisierung und auch demografischen Entwicklung, entwickeln sich aber immer mehr die weichen Standortfaktoren gerade für den ländlichen Raum zu Chancengebern. Dazu gehören etwa die Qualität des Wohnens und Wohnumfeldes, die Qualität der Betreuungsangebote (z.B. Kinderbetreuung), die Qualität von Schulen und anderen Ausbildungseinrichtungen, die Qualität der sozialen Infrastruktur, Umweltqualität, Freizeitwert (kulturelles Angebot, Sport, etc.) sowie der Reiz einer Stadt oder Region.

MS: Worauf führen Sie die schwache Wirtschaftskraft im Werra-Meißner-Kreis zurück?

Kleeberg: Wir werden von Tag zu Tag stärker. Ich möchte nochmal betonen, dass die Lage heute eine andere ist. Ich will die Zahlen nicht schön reden, aber die jüngere Vergangenheit zeigt einen positiven Entwicklungstrend. Ich denke, wir setzen an den richtigen Hebeln an. Da wir keine Großunternehmen haben, ist die Dynamik in unserer Entwicklung nicht so groß, aber wichtiger ist, das wir uns in die richtige Richtung entwickeln. Andere Landkreise erscheinen im Ranking dynamischer, was aber auch daran liegt, dass dort Großunternehmen mit mehreren 1.000 Mitarbeitern angesiedelt sind und im Jahr bis zu 50 Millionen Euro in einen Standort investieren.

MS:  Welchen Ansatz verfolgen Sie, um die Region in Puncto Wirtschaft zu stärken?

Kleeberg: Es sind viele Hebel, die wir bewegen und auch in Bewegung setzen werden in den nächsten Monaten. Da ist zum einen die Unterstützung der bestehenden Unternehmen bei ihren Investitionsplänen. Hier setzen wir anlassbezogen an und versuchen die bestmögliche Förderunterstützung zu bieten. Die Vorteile der Region aber auch der Unternehmen versuchen wir mit Kampagnen, Ausbildungsmessen und –börsen und Veranstaltungen in Schulen stärker sichtbar zu machen. Bei den Zukunftsthemen wie z.B. Digitalisierung, Gesundheitsmanagement und Arbeitszeitflexibilisierung bieten wir unseren Unternehmen zahlreiche Beratungs- und Förderangebote an. Wir sprechen aktiv potenzielle Investoren an und Versorgung sie mit Informationen zu unseren Gewerbeflächen und objekten in der Region. Mit Blick auf den Bau der A44 unterstützen wir die Kommunen bei der Entwicklung von Gewerbeflächen in Autobahnnähe. Aber auch bei den Themen Betriebsnachfolge, Qualifizierung, Gründung und Breitband setzen wir mit an.

Kommentar von Sonja Liese zum "FOCUS MONEY-Ranking": Äpfel nicht mit Birnen vergleichen!

Auf den ersten Blick sieht der Werra-Meißner-Kreis wie der große Verlierer aus. 2017 auf Platz 363 und ein Jahr später gleich nochmal vier Plätze bergab beim FOCUS-MONEY-Ranking – ein glänzendes Ergebnis ist das nicht. Aber ist dieser Landkreisvergleich eigentlich überhaupt aussagekräftig? Zunächst einmal liegt auf der Hand, dass nicht jeder Landkreis bzw. jede kreisfreie Stadt im ultimativen Vergleich mitspielt. Einige fallen von vornherein, warum auch immer, unter den Tisch.

Und überhaupt: Es ist ein wenig wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen. FOCUS-Sieger 2018 Böblingen liegt nur einen Steinwurf von Stuttgart entfernt. Vorjahressieger Erlangen profitiert von seiner Nähe zu München. Hier pulsiert die Wirtschaft. Eine unschlagbare Infrastruktur lässt die Unternehmen wie Pilze aus dem Boden schießen. Arbeitsplätze werden geschaffen. Arbeitnehmer siedeln sich an. Die Bevölkerung wächst. Es wird investiert – in Firmengebäude, in Häuser oder Wohnungen. Ein Kreislauf, der dem Werra-Meißner-Kreis gut stehen würde. Aber leider befinden sich Städte in der Größenordnung von München oder Stuttgart weit, weit weg. Aber wir wollen nicht jammern! Schließlich bekommen wir ja unsere neue Autobahn – irgendwann. Sie soll die Unternehmen in den Kreis locken. Erste Ansätze gibt es schon. Ein großes Versandhaus hat sich nun in Eschwege niedergelassen.

Früher nur Zonenrandgebiet, befindet sich der Kreis nun im Herzen Deutschlands. Eigentlich perfekt für den Versandhandel! Denn den LKW-Fahrer interessieren die vielen Tunnel und Brücken nicht. Er darf ohnehin nur 80 km/h fahren. Das hätte man allerdings schon einige Jahre früher haben können. 1991 hätte man die Autobahn als „Projekt der Deutschen Einheit“ durchsetzen sollen. Das hat die damalige Regierung kräftig verpennt. In Puncto Breitband hingegen ist man schon fast am Ziel angelangt. Mit dem Partner Netcom werden derzeit zig Kilometer Kabel durch Nordhessen gezogen, um den Bürgern und Unternehmen vor Ort ein schnelles Internet anbieten zu können.Und natürlich um den Kreis an sich attraktiver zu machen. Einen Status wie Erlangen oder Böblingen werden wir dennoch nie erreichen. Vielleicht darf man das aber auch gar nicht ganz so dramatisch sehen. Auch wenn der Werra-Meißner-Kreis bei den harten Faktoren – wozu die Wirtschaftskraft zählt – nicht überzeugen kann, glänzt er bei den weichen Faktoren wie Schul- und Ausbildungsangebot, Wohnqualität oder soziale Infrastruktur.

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